Maren Ade (l) und Schauspielerin Sandra Hüller halten am 28.04.2017 in Berlin bei der Verleihung des 67. Deutschen Filmpreises "Lola" die Trophäen für das "Beste Drehbuch" (Toni Erdmann) und die die "Beste weibliche Hauptrolle" in den Händen. (Quelle: dpa/Jörg Carstensen)
Video: rbb AKTUELL | 28.04.2017 | Petra Gute

Preisgala der Deutschen Filmakademie - "Toni Erdmann" räumt sechs Lolas ab

Es war eine glanzvolle Gala und ein spannendes Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen zwei starken Frauenfilmen. Doch am Ende bleibt Maren Ades vielfach preisgekrönte Komödie "Toni Erdmann" auch beim Heimspiel am Berliner Funkturm die große Siegerin. Von Ula Brunner

In diesem Jahr ist die Preisgala der Deutschen Filmakademie für mindestens drei Überraschungen gut gewesen. Da ist einmal der glatte Durchmarsch von Maren Ades Komödie "Toni Erdmann". In sechs Kategorien war der Film nominiert, in allen sechs Kategorien hat er eine Lola mit nach Hause nehmen können – natürlich auch in der Königsdisziplin als Bester Spielfilm. Mehr geht nicht.

Dann war es eine Frauengala – nicht nur, weil sie von der Schauspielerin und Musikerin Jasmin Tabatabai moderiert wurde, und weil, wie in jedem Jahr, Iris Berben und Monika Grütters die Eröffnungsreden hielten. Nein, alle wichtigen Preise gingen an Filme von Regisseurinnen: die drei Lolas für den besten Spielfilm, den besten Dokumentarfilm, den besten Kinderfilm, die Ehrenlola. Das ist schon außergewöhnlich. Was die Frauenquote angeht, liegt die Lola 2017 also super auf Kurs.

Und Überraschung Nummer drei: "Die Blumen von gestern", der Film, der mit den meisten Nominierungen als Favorit vorab ins Rennen gestartet ist, musste am Ende mit leeren Händen nach Hause gehen.  

Und der eindeutige Gewinner ist...

Überraschend weibliche Preisvergabe

Der Abräumer des Abends ist natürlich eindeutig "Toni Erdmann": Sechs Lolas hat Maren Ades Überraschungshit der letzten Kinosaison abgesahnt: "Bester Spielfilm", "Beste Regie", "Bestes Drehbuch", "Bester Hauptdarsteller" (Peter Simonischek), "Beste Hauptdarstellerin" (Sandra Hüller), "Bester Schnitt" (Heike Parplies). Die skurrile Vater-Tochter-Komödie sei zwar nicht autobiografisch, aber doch von ihrem eigenen Vater inspiriert gewesen, erklärte Maren Ade am Abend. Für erfrischende Gala-Momente sorgten auch die beiden Protagonisten des Films: Peter Simonischek wurde in Kapitänsuniform zugeschaltet – er dreht gerade auf einem Schiff – und Sandra Hüller stand kichernd und offensichtlich unvorbereitet auf der Bühne.

Dabei war "Toni Erdmann" bei der Bekanntgabe der Lola-Nominierungen im März nur auf Platz drei gewesen. Die 1.800 wählenden Akademie-Mitglieder hatten zwei Filme vor Maren Ades Kritiker- und Publikumsliebling geschoben: Sieger im Vorfeld war mit acht Nominierungen Chris Kraus' umstrittene Farce "Die Blumen von gestern“, gefolgt von Nicolette Krebitz' tierischer Romanze "Wild" (sieben Nominierungen).

Bronze für den Außenseiter

Es spricht für die Akademie, einen so rau-schönen, verstörenden Film wie "Wild" neben der Lola für den besten Hauptdarsteller (Georg Friedrich), Kamera (Reinhold Vorschneider) und Ton mit einer Lola in Bronze für den Besten Spielfilm zu ehren. "Wir wollen dafür kämpfen, dass wir weiterhin frei und wild unsere Filme machen können", erklärte Produzentin Bettina Brokemper, als sie den Preis entgegennahm. In ihrer dritten Regiearbeit erzählt Schauspielerin Krebitz die Geschichte einer jungen Frau, die mitten in der Großstadt Halle ihre Leidenschaft zu einem Wolf auslebt. Mit vier Lolas ist "Wild" der zweitstärkste Film nach "Toni Erdmann", mit dem er sich auf der Gala lange Zeit ein Kopf-an-Kopf-Rennen lieferte.

Szenenbild aus "Wild" von Nicolette Krebitz (Quelle: NFP Filmverleih)
Lilith Stangenberg in "Wild"

Silber für das Tabuthema Abtreibung

Erfreulich auch, dass "24 Wochen", der bereits als deutscher Wettbewerbsbeitrag auf der diesjährigen Berlinale lief, mit einer Silbernen Lola gewürdigt wurde. In ihrem Film über das Für und Wider einer Spätabtreibung greift die junge Regisseurin Anne Zohra Berrached ein Tabuthema auf. Differenziert, wenn auch konventionell, erzählt das Drama, wie trotz präziser Pränatal-Diagnostik die Betroffenen am Ende mit ihrer Entscheidung alleine bleiben. Mit "Wild", "Toni Erdmann" und "24 Wochen" haben drei starke Frauenfilme verdientermaßen in der Hauptkategorie abgeräumt.

24 Wochen © Neue Visionen Filmverleih
Julia Jentsch in "24 Wochen"

Flüchtlingskomödie und "Rock'n'Rollerin des Schneideraums"

Zwar war auch "Willkommen bei den Hartmanns" über die Integrationsbemühungen einer bayerischen Mittelstandsfamilie, als "Bester Spielfilm" aufgestellt. Doch niemand hatte wohl wirklich damit gerechnet, dass er sich in dieser Kategorie gegen die starke Konkurrenz behaupten kann. Ganz leer ausgehen musste Simon Verhoevens leichthändig erzählte Flüchtlingskomödie nicht. Der Preis als besucherstärkster deutscher Kinofilm war ihm schon im Vorfeld sicher.

Dass der Ehrenpreis in diesem Jahr an Monika Schindler, und damit an eine Editorin ging, ist lange überfällig. Das betonte nicht nur Andreas Dresen in seiner liebevollen Laudatio für die "Rock'n'Rollerin des Schneideraums". "Erstmals geht der Ehrenpreis an die so wichtige Arbeit der Montage. Endlich!", freute sich die mittlerweile fast Achtzigjährige, die immer noch im Geschäft ist.

Politischer Anspruch von Filmen

Es war eine ruhige, fast nachdenkliche Gala, die Akademie-Präsidentin Iris Berben mit einem Appell an die anwesenden Filmemacher eröffnet hatte: "Als Kulturschaffenden sollten wir unsere Stimme benutzen für unser gemeinsames Europa, unsere Demokratie, unsere Freiheit." Dass Filme den Anspruch auf politische Schlagkraft besitzen können, deutete sich bei der Lola für den Besten Dokumentarfilm an. "Cahier Africain" von Heidi Specogna beschäftigt sich mit Frauen, die von kongolesischen Rebellen vergewaltigt wurden: "Wen kümmert es, wenn ich sterbe, sagte eine der Frauen zu mir. Mich kümmert es! Deswegen machen wir Dokumentarfilme."

Mit insgesamt drei Millionen Euro ist der Deutsche Filmpreis der am höchsten dotierte Kulturpreis. Allein die sechs Nominierten für den besten Spielfilm erhalten jeweils 250.000 Euro.

Alle Gewinner und Nominierungen im Überblick

  • Bester Spielfilm

  • Beste Regie

  • Beste weibliche Hauptrolle

  • Bestes Maskenbild

  • Bestes Kostümbild

  • Bestes Drehbuch

  • Ehrenpreis des Deutschen Filmpreises

  • Beste männliche Nebenrolle

  • Bester Dokumentarfilm

  • Bester Schnitt

  • Beste Kamera/Bildgestaltung

  • Bester Kinderfilm

  • Beste Filmmusik

  • Beste Tongestaltung

  • Bestes Szenenbild

  • Beste weibliche Nebenrolle

  • Besucherstärkster Film

  • Beste männliche Hauptrolle

Beitrag von Ula Brunner

Kommentar

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14 Kommentare

  1. 13.

    Sie schreiben: "Internationale Kritiker sehen die angeblichen Qualitäten zwar nicht so"

    Das ist im Fall von "Toni Erdmann" vollkommen falsch. Der Film war einer der ganz großen Kritiker-Favoriten in Cannes. Er stellte einen neuen Rekord im Kritikerspiegel des Branchenmagazins "Screen" auf und gewann den Kritikerpreis.

    http://www.rbb-online.de/kultur/beitrag/2016/05/berliner-regisseurin-maren-ade-gewinnt-in-cannes-nur-kritikerpreis.html

  2. 12.

    Der Film hat einen speziellen Humor und zeigt vor allem über die starke Schauspielerleistung den Generationenunterschied vor und nach oder mit der Globalisierung aufgewachsener. Er benutzt nicht die heute lauten gängigen filmischen Mittel. Die Geschichte entwickelt eine menschliche Tiefe, die nachwirkt. Selten soviel gelacht und so berührt gewesen.

  3. 11.

    Vor 30 Jahren gabs so gegen 23:00 in der Glotze "Das kleine Fernsehspiel". Da wurde allerlei experimentelles, skuriles und auch mal schlicht langweiliges für den interessierten Nacht-Glotzer gezeigt. Genau da hätte "Toni Erdmann" seinen angemessenen Platz finden sollen.
    Der Hype der deutschen Filmindustrie und der deutschen Filmpresse um diesen bizarren Steifen ist aus meiner Sicht ein kompletter Offenbarungseid. Mehr geht wohl nicht. Also wird als Optimum gefeiert, was halt da ist. Internationale Kritiker sehen die angeblichen Qualitäten zwar nicht so, aber -Hey- dafür haben wir ja rein deutsche Preise und Wettbewerbe. "Lola"-Preis, klar. Grimme wäre auch noch ein dankbares Forum. Gute Nacht.

  4. 10.

    Ich muss den diversen Kommentaren auf dieser Seite leider recht geben. Nein - ich ernähre mich nicht von Fastfood. Ich bin in meinem 67-jährigen Leben mehr als 1000 mal im Kino gewesen, auch auf Festivals (z.B. Venedig). Also kann man mir bestimmt nicht vorwerfen, ich verstünde nichts von Filmen.

    Diesen Film finde ich einfach nur schrecklich. Und extrem langweilig. Auch geradezu peinlich. Ich kann noch halbwegs verstehen, dass die beiden Hauptdarsteller einen Preis gewonnen haben. Aber den Hype, der offenbar nur innerhalb der Filmwelt um diesen Film herum stattfindet, kann ich mir überhaupt nicht erklären.

  5. 9.

    Ich bin so froh, dass es außer mir noch andere Menschen gibt, die diesen Film als nicht preiswürdig empfinden. Nachdem ich mir den Film angeschaut hatte, war ich fassungslos, dass so ein Quatsch von so vielen "Kritikern" gelobt wurde. Gibt es vielleicht noch einen anderen Toni Erdmann Film, nämlich einen besseren für Kritiker? (Das ist jetzt ironisch gemeint)

  6. 8.

    Sebastian schrieb: "Ich weiß bis heute nicht, was ich von diesem Film halten soll...."
    Ich finde genau das ist einer der stärksten Aspekte die für Toni Erdmann sprechen. Auch die Beziehung zwischen Vater und Tochter ist so uneindeutig wie das Leben und auch so schwer verurteilbar.

    Ihr habt wahrscheinlich recht was die Instrumentalisierung von Preisen im Kulturbetrieb angeht,
    jedoch zeigt dieser Film das man mit einem recht kleinen Budget ne Menge leisten kann. (Die Kosten sind bestimmt schon wieder eingespielt) und beschämt damit sehr teure, aber langweilige, schlecht gemachte, Star-strotzende Produktionen wie z.B. "der rote Baron" bei denen Ich grad mal speien will. (trotz toller Drehorte nicht mal ein Augenschmaus).
    Man setzt hier also auch ein Signal in Richtung Filmförderanstalten und kreditgebende Banken die sich noch schwer tun den Mut zu finden solchen Filmen Geld anzuvertrauen. Und dieses Signal finde Ich sehr gut.

    Den Preis fürs Drehbuch finde Ich aber auch seltsam.

  7. 7.

    Tja, wer sich immer nur von FastFood ernährt, weiß einfach nicht, was ein richtig gutes Steak ist.

  8. 6.

    Danke Sabrina, besser, deutlicher und zurückhaltender kann man es nicht sagen. Es ist eine Schande, wie unsere Steuergelder für dies Gruppe von in sich gekehrten Menschen ausgegeben werden. Ich kenne keine Preisverleihung in diesem Land-vom DLG Preis bis zum Karlspreis, der nicht die höchst persönlichen Ziele der jeweiligen Gruppen befördern will.

  9. 5.

    Habe diesen Film komplett gesehen, und der hat mich jetzt absolut nicht vom Hocker gehauen.
    Man könnte nichtmal behaupten, dass der Film schlecht ist. Dafür ist der einfach zu...indifferent.
    Wenn das wirklich das preiswürdigste ist, was in letzter Zeit in der Deutschen Filmindustrie erzeugt wurde, ist das nicht gerade ein Qualitätsmerkmal.
    Interrssanterweise bin ich aber bei weitem nicht der einzige, der diese Meinung vertritt:
    http://www.filmstarts.de/kritiken/228026/userkritiken/
    ...Und Nutzerkritiken sind schließlich aussagekräftiger als die Meinungen einzelner Kritiker, die wie Textinterpretationen aus dem Deutschunterricht klingen.

  10. 4.

    Was soll man über Toni Erdmann sagen? Ein unentschiedenes Werk - nicht wirklich Drama, nicht wirklich Klamauk. Sich für eins von beiden zu entscheiden, wäre aber wohl nicht hip. Mutlosigkeit wird nun von halbtalentierter Filmszene als Kunst bejubelt.

  11. 3.

    Ehrlich gesagt - Interessiert das jemanden?

    Lasst die doch in ihrer eng begrenzten Welt mit sich allein.
    Da können die sich gegenseitig Preise verleihen bis zum abwinken.

    Und in diesem Land, wo man sowieos versucht, alles politisch zu instrumentalisieren, sind solche Preise längst auf einem Bedeutungslevel angekomen wie der Friedensnovellpreis für Drohnenmörder.

  12. 2.

    Ist das nicht schon längst abgesprochen? Nein, natürlich nicht ;-) Und was an dem Film so toll ist? Nichts ... Aber die Fördergelder sollen sich ja irgendwie amortisieren ...

  13. 1.

    Kann mir bitte noch mal jemand erklären, was an Toni Erdmann so toll ist? Ich halte diesen Film für absolut nicht preiswürdig. Das ist nichts weiter als eine Aneinanderreihung zum Teil lustiger und zum Teil grotesker Szenen, und das Ende lässt einen vollkommen ratlos und unbefriedigt zurück. Ich weiß bis heute nicht, was ich von diesem Film halten soll und warum er bei Kritikern so gut ankommt. Und das auch noch mit flachen Bildern und Wackelkamera.

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