Der Sänger Cat Stevens präsentiert nach dem Interview ein persönliches Autogramm. (Quelle: rbb/Silke Mehring)

Interview | Yusuf Islam/Cat Stevens - "Ich liebe die Beatles. Sorry!"

Der Mann hat extreme Wandlungen durchgemacht: Vom Weltstar Cat Stevens wurde er 1977 zu Yusuf Islam. Jetzt bringt der 69-Jährige ein neues Album auf den Markt, das sehr sanft daherkommt. Das habe vielleicht auch mit seinen Enkeln zu tun, vermutet der Brite.  

rbb: Ihr neues Album klingt sanft, ruhig, friedvoll, fast schon naiv. Wie empfinden Sie selbst die Atmosphäre, die die Songs kreieren?

Yusuf/Cat Stevens: Es ist kindlich, es ist sehr ursprünglich. So, wie es ist, wenn man das erste Mal im Leben Farben sieht, das erste Mal neues Essen probiert. Es ist als wäre man wieder ein Kind, also als würde man dem ersten Abschnitt seines Lebens noch mal einen Besuch abstatten. So ist das bei den Songs, und auch bei meiner Kunst, meinen Zeichnungen. Die sind auch im Album, für jeden Song gibt es eine Illustration. Und das Cover ist der "Lachende Apfel".

Also ist das Album so etwas wie die kindliche Seite in Ihnen?

Ja, das kommt wahrscheinlich daher, dass ich jetzt acht Enkelkinder habe, und ich komme natürlich gar nicht drum herum, mit denen zu spielen (lacht). Der Älteste ist zwölf, mein jüngster Enkel ist ein gutes Jahr alt. Und das bringt die kindliche Seite wieder zum Vorschein. Und auch, dass ich mit Paul Samwell-Smith, der mein Produzent bei "Tea for the Tillerman“ (viertes Album vom Cat Stevens, erschienen 1970) war, wieder ins Studio gegangen bin, und auch mit Alun Davies, der damals mein Gitarrist war. Dieses Team ist auf dem Album wiedervereint, und dadurch ist es sehr gemütlich, sehr leicht, sehr entspannt geworden, quasi mühelos. Wie eine Brise, als wir es aufgenommen haben.

Warum haben Sie eigentlich alte Songs und neue Songs auf dem Album gemischt?

(lacht) Es nicht so, dass ich keine neuen Songs habe. Ich habe eine Menge neuer Songs. Es war diese Umgebung, wieder mit Paul und Alan zusammen zu sein. Ich habe ein paar von diesen Songs gespielt, ich habe sie geprobt und dabei gemerkt, dass diese neue Art, sie zu spielen, viel persönlicher ist, viel organischer. Nicht so, wie sie 1967 aufgenommen wurden, damals waren sie sehr orchestral. Also es war eine Rückkehr zu der Reinheit, die die Songs ursprünglich hatten. „Mighty peace“ zum Beispiel ist mein allererster Song als Songwriter. Bis jetzt hat der Song nie das Tageslicht gesehen. Ich hatte sogar den Text vergessen, aber ein alter Freund hat mich daran erinnert, er kannte den Text noch. Ich habe noch eine Strophe dazu getextet, und den Song mit ins Album genommen. Ich finde, er ist sehr wichtig, weil er den Anfang von allem zeigt.

Also ist das Album so etwas wie ein Zusammenfügen von Vergangenheit und Gegenwart?

Ja, aber nicht bewusst, nicht mit Absicht. Sondern dadurch, wie es sich angefühlt hat. Wenn man älter wird, beginnt man zurückzuschauen. Und einige dieser Bilder, dieser Andenken, dieser Erinnerungen, werden plötzlich lebendiger (zeigt auf das rote rbb-Mikophon, lacht und sagt: Übrigens, das sieht aus wie ein roter Apfel – ein lachender roter Apfel!).

Warum haben Sie das Album eigentlich "The Laughing Apple" genannt?

Das ist einfach die beste Zeichnung, deshalb hab ich sie auf das Cover genommen (lacht wieder)! Und außerdem ähnelt es natürlich dem Garten auf dem Cover von "Tea for the Tillerman" - also jetzt, das ist der "Tillerman", als er ein kleiner Junge war. Das war sein erster Job – Äpfel pflücken.

Wären Sie eigentlich gerne noch mal jung?

Das Problem am Jungsein ist, Sie haben die ganze Erfahrung nicht, um zu erkennen, dass vieles an diesem "brillanten Ding, das sich Jugend nennt" (lacht), einfach Zeitverschwendung sein könnte. Man verschwendet einfach viel, sogar seine eigene Gesundheit. Ich meine, ich war ganz sicher nicht besonders nett zu meinem eigenen Körper als ich jung war. Man macht lächerliche Dinge, ob es nun Drogen sind oder irgendetwas anderes. Also: Wenn ich noch mal jung wäre… – Nein, es gibt kein "wenn". Ein Sprichwort sagt: "Es gibt kein "wenn", es gibt nur "was war", "was ist" und "was wird sein"..

Mit welchem Blick schauen Sie zurück in Ihre Vergangenheit? Mit dem Album "The Laughing Apple" feiern Sie den 50. Geburtstag Ihres ersten Albums. Das neue Album klingt besonnen, heiter, kein bisschen bitter.

Wenn Sie ein Album zusammenfügen, wissen Sie manchmal nicht unbedingt, was nachher herauskommt. Man hat eine Menge Songs, und plötzlich fangen die Dinge an, sich zu entwickeln. Eine Art Genre taucht plötzlich auf, wie aus dem Nichts, und bestimmt, was für ein Album das wird. Und so hat es auch dieses Mal funktioniert. Es ist ein optimistisches Album, aber es gibt auch einen Song, "Don’t blame them", der richtet sich gegen Vorurteile. Das ist kein schroffer, harter Song, er zielt nicht auf Konfrontation ab - ich will damit sagen, dass wir ein bisschen tiefer als nur bis auf die Oberfläche gucken sollten. Wir sollten hinter das schauen, was die Überschriften uns manchmal sagen. Jeder hat eine eigene Beziehung mit irgendjemandem, und so sollten wir auch Menschen beurteilen: Mehr nach dem, was wir wissen, und nicht nach dem, was wir hören oder was andere Leute uns sagen, wie wir etwas wahrnehmen sollen.

Geht es in dem Song "Don’t blame them" auch darum, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen?

Ja, absolut. Das ist genau der Punkt. Die Menschen geben der Welt die Schuld, der Zeit, dem Wetter. Immer, wenn wir nach einem Schuldigen suchen, sollten wir erstmal bei uns selbst schauen, denn am Ende sind es wir selbst, die über unsere Wahrnehmung bestimmen. Und damit bestimmen wir auch darüber, ob etwas im Dunkeln glüht – oder ob es dunkel wird.

Yusuf Islam (Quelle: dpa Bildfunk)

Damit hat der Song eine klare Botschaft…

Ja, das stimmt. Und auch der erste Song, "Blackness in the Night", hat eine Botschaft. Das war mein erster "Protest-Song" über die Welt, wenn man so will. Er handelt vom Krieg, von Waisenkindern, und der Song ist leider auch heute sehr aktuell und relevant.

Gerade haben sich die Terroranschläge vom 11. September zum 16. Mal gejährt. Was meinen Sie – ist die Welt seitdem besser oder schlechter geworden?

Sie ist aggressiver geworden. Viele Dinge sind seitdem stigmatisiert worden. Die muslimische Gemeinschaft ist ganz sicher stigmatisiert worden – Millionen Menschen hatten nichts mit den Anschlägen zu tun. Aber das ist vielen nicht bewusst. Um ehrlich zu sein, die Mehrheit der Menschen, die heute in Kriegen umkommen, sind Moslems. Da gibt es ein Problem, das verstanden werden muss. Viele Jahre – vielleicht Jahre der Ungerechtigkeit – haben eine Explosion der Aggressionen hervorgerufen, die leider Teil unseres Lebens geworden sind. Aber ein ausgewogenes Verhältnis muss erst noch gefunden werden. Die Stimme, auch die der Presse, muss den vielen Menschen in der Mitte gegeben werden. Denen, die sicher keine Extremisten sind und die Frieden wollen.

Kann man eigentlich sagen, Sie persönlich haben Ihre "Mitte" gefunden?! Sie haben sich entschieden, neben "Yusuf" erstmals wieder den Namen "Cat Stevens" mit auf ein Album-Cover zu schreiben..

Ich habe meinen Frieden mit der Plattengesellschaft gefunden. Sie haben gesagt: Warum können wir nicht Ihren Namen "Cat Stevens" draufschreiben. Also hab ich gesagt: Okay, let’s do it! (lacht) Nein, ernsthaft: Es hilft den Menschen zu wissen, wer dieses Album gemacht hat. Was mich betrifft, das ist ein und derselbe Geist, und der bin ich. Cat Stevens war immer mein Name, ich habe ihn selbst ausgesucht. Jetzt haben wir beide Namen zusammengeführt, und für viele Menschen wird es ein Cat Stevens-Album sein.

Was würden Sie der heutigen Jugend gerne mit auf den Weg geben?

Ich denke, die Jugend sollte wieder etwas vom "Geist der Dinge", von ihrem Sinn, lernen. In früheren Zeiten war der "Spirit" natürlicher Teil des Glaubens, mit dem man aufgewachsen ist. Die wundersamen und magischen Geschichten, die wir jetzt als Animationen oder Videospiele sehen, die wurden erzählt. Sie wurden durch Geschichten von Glauben, Zuversicht und Unbekanntem weitergegeben. Heute ist das alles sehr weit weg und wird durchs I-Pad vermittelt. Heute schauen die Jugendlichen auf die materielle Welt, sie erkennen nicht wirklich, was darin und dahinter ist, dabei ist das eine absolut faszinierende Welt voller Wunder. Das ist das, was fehlt. Das lässt die Bildung aus, weil sie denkt, es passt nicht zur modernen Zeit. Es ist existentiell, aber die moderne Zeit sagt nichts zu diesem "Geist" oder "Sinn".

Ist Ihr neues Album auch eine Art Kontrapunkt zur heutigen schnelllebigen Zeit?

Ja, für viele Leute ist es sicher so etwas wie eine Auszeit von diesem digitalen, pumpenden Hiphop-Ding, das heute vieles andere erstickt. Deshalb glaube ich, das Album ist eine Art Ruhepause, und die Leute werden es aus dem Grund mögen.

Welche Musik hören Sie denn gerne, wenn Sie zuhause sind?

Mein Sohn bringt mir bei, was in der Musikwelt los ist (lacht). Aber er ist auch ein "Retro-Liebhaber". Er spielt mir Ali Farka Touré (Musiker aus Mali, Westafrika) vor, fantastisches Zeug, wunderschön, authentische Musik, ohne diesen ganzen digitalen Schnickschnack. Ich liebe das. Und ich liebe Klassik. Und: Ich liebe die Beatles. Sorry! (lacht)

Das Interview führte Silke Mehring, radioBerlin 88,8. Auszüge daraus sendet radioBerlin 88,8 am Donnerstag, 14.09.2017 ab 19:15 Uhr

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