Premiere «Ana, mon Amour»: Schauspielerin Diana Cavallioti, Regisseur und Drehbuchautor Calin Peter Netzer (r) und Schauspieler Mircea Postelnicu. (Quelle: dpa/Fischer)

Filmkritik | Ana, mon Amour - Liebe und andere Grenzüberschreitungen

Mit Abhängigkeiten und Loslösungsprozessen einer symbiotischen Liebesbeziehung beschäftigt sich der rumänische Regisseur Călin Peter Netzer. Sein Drama "Ana, mon Amour" ist ein ungewöhnlich lebensechter Film, der zu einer therapeutischen Nabelschau abflacht. Von Ula Brunner

Für seinen letzten Film "Child's Pose" konnte der rumänische Regisseur Călin Peter Netzer auf der Berlinale 2013 einen Goldenen Bären mit nach Hause nehmen. Uneingeschränkte Hauptfigur ist die besitzergreifende Mutter, die ihrem Sohn mit ihrer Fürsorge kaum Luft zum Atmen lässt. Ebenfalls um eine zerstörerische Symbiose geht es in Netzers aktuellem Wettbewerbsbeitrag. An die Stelle der Mutter-Sohn-Beziehung sind die komplexen Abhängigkeiten einer Liebesbeziehung getreten. Dabei erzählt der Regisseur seinen Film über weite Strecken vollständig aus der Perspektive des Protagonisten.

Deine Schwäche macht mich stark

Toma (Mircea Postelnicu), der gutbürgerliche Student, und seine Kommilitonen Ana (Diana Cavallioti) verlieben sich an der Universität ineinander. Schon ihr erstes Date wird bestimmt von Anas psychischer Erkrankung: "Moral ist nur die Konsequenz von Angst", sagt sie einmal. Auf ihre Panikattacken und den jahrelangen Medikamentenmissbrauch reagiert Toma mit Verständnis und Fürsorge. Er ist fasziniert von der komplizierten Gefühlswelt seiner Freundin, und tut alles, um ihr über ihre Ängste hinwegzuhelfen. Anas Verhalten isoliert sie von Freunden und Familie, schafft aber ein intimes Band zwischen dem Liebespaar, in dem sich Toma jedoch zunehmend selbst verfängt. Die sorgende Nähe überschreitet Grenzen, ihre Schwäche macht ihn stark, im Kümmern um Ana muss er die eigenen Defizite nicht mehr spüren.

Schlüsselmomente einer Beziehung

"Ana, mon Amour" – und das ist die größte Stärke des Films – ist ein lebensnahes, herausragend gespieltes Drama. Netzer wirft seine Protagonisten unmittelbar in die Beziehung und inszeniert mit der nervösen Handkamera in Groß- und Nahaufnahmen eine klaustrophobische Intimität. Die zeitversetzte Erzählweise, das Changieren zwischen Vergangenheit und Gegenwart, das Verharren in Schlüsselmomenten der Beziehung, eröffnen den Zuschauern zugleich eine distanziertere Perspektive auf die wechselnde Dynamik ihres Verhältnisses.

Film als Therapiestunde

Spannend ist die emotionale Authentizität der Zweierbeziehung, in der wir uns immer auch selbst wiederfinden können. Doch im letzten Drittel des Films wird die Handlung zunehmend vorhersehbar, während der Film nach und nach zur Therapiestunde über Symbiose, Co-Abhängigkeit, Selbstaufgabe und Selbstbefreiung absackt. Der Zustand Anas bessert sich nach der Geburt ihres Sohnes durch eine Therapie. Mit ihrem Wunsch, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, bekommt die Beziehung tiefe Risse. "Ich wünschte, du hättest dich mit mir zusammen weiterentwickelt", sagt Ana am Ende. Wer möchte da nicht heftig nicken!

Spätestens hier erklärt sich auch die Dramaturgie der sensiblen assoziativen Montage als Erinnerungsfolge Tomas im Gespräch mit seinem Therapeuten. Denn nach der Trennung hat sich auch er professionelle Hilfe gesucht. Dysfunktionale Beziehungen, Macht und Abhängigkeitsverhältnisse sind ein großes Thema in Netzers Filmen. Doch er wiederholt sich: Am Ende von "Ana, mon Amour" hat man sich an die selbstreflexive Betrachtung von Defiziten, Sehnsüchten und Projektionen gewöhnt, die Lebensechtheit gerät zur inszenatorischen Behauptung. Das raubt diesem ungewöhnlich einfühlsamen Film einiges an Intensität.

Fazit: Ein Film, der einen intimen Blick auf eine symbiotische Liebesbeziehung gewährt, aber am Ende in einer Art therapeutischen Nabelschau stecken bleibt.

Bärenwürdig? - Das sagen die RBB-Kritiker

RSS-Feed
  • Filmbewertung Ula Brunner (Quelle: rbb)

    Ula Brunner

  • Filmbewertung Fabian Wallmeier (Quelle: rbb)

    Fabian Wallmeier

  • Stephan Karkowsky (Quelle: rbb/radio eins)

    Stephan Karkowsky

  • Anna Wollner (Quelle: rbb)

    Anna Wollner

  • Hannelore Heider (Quelle: rbb)

    Hannelore Heider

  • Filmbewertung Silke Mehring 4 (Quelle: rbb)

    Silke Mehring

Beitrag von Ula Brunner

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Bitte beachten Sie unsereKommentar-Regeln und Hilfe zu Kommentaren zum Kommentieren von Beiträgen.

Das könnte Sie auch interessieren