Bepflanzte Baumscheibe in der Karl-Kunger-Straße
Audio: Inforadio, 13.07.2017, Sylvia Tiegs

Baumscheibenbepflanzung nicht gestattet - Urban Gardening kann Baumwurzeln schaden

Berliner bepflanzen mit Wonne ihre Balkone oder Schrebergärten. Begrünt werden auch die Flächen rund um die Straßenbäume - die so genannten Baumscheiben. Viele Grünflächenämter sehen das nicht so gern. Manchmal gibt es richtig Ärger. Von Sylvia Tiegs

Blut spritzte nicht - aber Erdreich. Das war Ende Mai im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg, beim Tulpenmassaker, wie die Zeitung "Tagesspiegel" titelte. Im Auftrag des Pankower Grünflächenamtes entfernten Arbeiter in der Knaack- und in der Belforter Straße Blumen, die Bürger liebevoll um Straßenbäume gepflanzt hatten. Wütende Anwohner des schön gepflegten Altbaukiezes informierten seinerzeit die Presse. So richtig beruhigt hat sich Irene, gerade beim Gassi gehen mit dem Hund, noch immer nicht. "Ich habe das überhaupt nicht verstanden. Es war eine grüne Bepflanzung, richtig charmant und passte sich gut ein. Hätten sie auf alle Fälle lassen können."

Baumscheibe nach Tulpenmassaker Belforter Strasse (Quelle: rbb/ Sylvia Tiegs)
Dieses Beet in der Belforter Straße hat das "Tulpenmassaker" nicht überlebt

Grünflächenamt sollte behutsam vorgehen

Doch vor den Häusern Belforter Straße 20 bis 24 stehen die Straßenbäume nun wieder alleine in der Erde. Drumherum sind zerwühlter Boden, freiliegende Wurzeln und tote Blätter zu sehen. Rentner Erwin kommt die Straße hoch, den Einkaufstrolley im Schlepptau und bürgerliche Wut im Bauch. Eine Sauerei sei die ganze Sache, er sei absolut dagegen. "Wenn die Grünflächenämter nichts zu tun haben, dann sollen sie die Bäume schneiden – dann haben sie mehr zu tun."

Die so Gescholtenen sitzen weit weg vom Prenzlauer Berg. Das Pankower Grünflächenamt residiert an einer Ausfallstraße, kurz vor der Stadtgrenze Berlins. Am "Arsch der Welt", sagt der zuständige Stadtrat Vollrad Kuhn lachend selbst. Er ist ein ruhiger, freundlicher Mann - ein Grüner obendrein, und erst seit Januar im Amt. Mit dem Tulpenmassaker war er gar nicht glücklich. Das Grünflächenamt habe ihm mitgeteilt, dass man behutsam beim Aufräumen der Baumscheiben vorgehe.

Die Blumen, Pflanzen und Zwiebeln sollten behutsam in Kisten verfrachtet werden, damit sie wieder zurück in die Erde konnten. Stattdessen seien die Arbeiter "Tabula Rasa" vorgegangen, sagt Kuhn. "Als ich das überprüft habe, habe ich abends die ganze Sache gestoppt." Anschließend gab es ein Gespräch mit seinen Mitarbeitern über die Fremdfirmen, die die Blumen so unsanft herausgerissen hatten. Und über die Frage: Wie großzügig kann der Bezirk an der Baumscheibe sein, und wie streng? Denn auch der Grüne Stadtrat mahnt: Öffentliches Straßenland ist kein Freigelände für Hobbygärtner. Die Bürger dürften mit dem öffentlichen Straßenraum nicht so umgehen, wie sie wollten.

Kontrolle des Wurzelhalses nicht möglich

Für die Verwaltung in Berlin - und nicht nur in Pankow - geht um mehr als nur um hübsche Blümchen. Auch die Spandauer bepflanzen ihre Baumscheiben, und wer hat dann ein Problem? Die Baumkontrolleure zum Beispiel, sagt Stefan Pasch, zuständig für die Grünflächen in Spandau. Die könnten bei einer bepflanzten Baumscheibe nicht kontrollieren, wie der Wurzelhals des Baumes aussieht.

Als Laie mag man schmunzeln - doch für die Verwaltung sind Verkehrssicherheit und Wurzelhals reale Tatbestände. Wer an einer Baumscheibe über selbstgebastelte Zäune stolpert, kann den Bezirk verklagen. Und zu viel Gießwasser für selbstgepflanzte Blümchen kann die oberen Wurzeln eines älteren Straßenbaumes schädigen. Bis zum Verfaulen, sagt Stefan Pasch. Bei allem Engagement der Bürger komme man an empfindliche Punkte.  

Allerdings räumt der Verwaltungsmann ein, dass Berlins Grünflächenämter nur noch das Nötigste machen können. Zu wenig Geld, zu wenig Personal. Das sieht man auch an den Baumscheiben der Belforter Straße, an einigen wächst das Unkraut meterhoch.

Blumenbeet Baumscheibe Belforter Straße (Quelle:rbb/Sylvia Tiegs)
Baumscheibenbepflanzung in der Belforter Straße, die noch da ist

Schwungvoll gärtnern, aber ohne Fachkenntnis

Die Berliner Bezirke regeln die Bepflanzung ihrer Baumscheiben unterschiedlich. Dass viele ihrer Bürger schwungvoll, aber ohne Fachkenntnis drauflos gärtnern, melden fast alle Bezirke. Pankow, Mitte und Spandau aber möchten, dass sich die Leute bei den Grünflächenämtern anmelden - damit sie wissen, wer was an welchem Baum macht. Neukölln und Lichtenberg dagegen verlangen das nicht.

Treptow-Köpenick geht sogar noch weiter: Auf seiner Internetseite ermuntert das Grünflächenamt die Bürger, "...durch das Bepflanzen von Baumscheiben im öffentlichen Straßenland zur Verschönerung unseres Bezirkes beizutragen..." So kommt es, dass Anwohner im Ortsteil Alt-Treptow seit 2013 alljährlich ein Baumscheiben-Fest rund um die Karl-Kunger-Straße veranstalten, organisiert von Privatmann Luigi Lauer. Er hält seit 2010 die Baumscheiben-Regeln seines Bezirkes hoch. Auch hier in Alt-Treptow darf nicht jeder machen, was er will.

Bis zu Lauers Engagement mit einer Gruppe Gleichgesinnter waren Bürger-Blümchen an der Baumscheibe in Treptow-Köpenick regelrecht verboten. Aus Protest setzten Luigi Lauer und ein paar Guerilla-Gärtner dem Tiefbauamt ein Blumenbeet direkt vor die Nase. "So eine Baumscheibe ist schöner als ein Hundeklo und bringt die Menschen, die vorbeilaufen zum Lächeln. Das habe ich bei einem Hundeklo noch nie gesehen." So sah es damals auch die Bezirksverordnetenversammlung, sie entschied einstimmig zugunsten der Bürger.

Das ist jetzt sieben Jahre her, seitdem "läuft es eigentlich ganz gut", teilt das Grünflächenamt auf Anfrage wörtlich mit. Treptow-Köpenick übrigens hat auf seiner Internetseite eine sehr hilfreiche Zeichnung, wie man eine Baumscheibe bepflanzt, ohne den Baum zu beschädigen oder das Amt auf den Plan zu rufen. Erarbeitet haben diese Zeichnung die Bürger.

Beitrag von Sylvia Tiegs

Kommentar

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7 Kommentare

  1. 7.

    Dann hilft informieren und nicht (polemisch) denken - Warum sollte Hundekot den Bäumen schaden ?! Aber das Thema zieht ja immer, ist ja gleich Sommerloch, dann fallen auch die Kampfhunde wie jedes Jahr über friedliche Bäume (und die tausenden an Bäumen urinierenden Männer) her ....

  2. 6.

    Ich dachte immer, dass Hundklacke, Männerpusche und abgestellte Fahrräder den Bäumen viel mehr Schaden zuzufügen als Blumen....

  3. 5.

    Hier der Link zu den Hinweisen des Bezirksamts Treptow-Köpenick zur Bepflanzung von Baumscheiben im öffentlichen Straßenland:

    https://www.berlin.de/ba-treptow-koepenick/politik-und-verwaltung/aemter/strassen-und-gruenflaechenamt/gruen/baeume/artikel.59916.php

  4. 4.

    -> https://www.berlin.de/ba-treptow-koepenick/politik-und-verwaltung/aemter/strassen-und-gruenflaechenamt/gruen/baeume/artikel.59916.php

  5. 3.

    @ Tiegs und wo ist nun der Link zur Internetseite (... mit der) sehr hilfreiche(n) Zeichnung, wie man eine Baumscheibe bepflanzt, ohne den Baum zu beschädigen

  6. 2.

    Wenn das Grünflächenamt nichts anderes zu tun hat, na dann gute Nacht Marie! Willkommen im Staate der Bürokratie.

  7. 1.

    Anscheinend gibt es triftige Gründe, weshalb einige Regeln (nicht nur juristische, sondern vor allem botanische) beim Bepflanzen der Baumscheiben eingehalten werden sollten. Darum, diese den Bürgern nahezubringen, sollten sich die Ämter kümmern. Wenn sie es schon nicht mit den zunehmend verwahrlosten öffentlichen Grünflächen tun (und die Straßenbäume werden bekanntlich auch immer weniger, da die Zahl der Fällungen die der Nachpflanzungen weit übersteigt).

    Im übrigen weiß jeder normale Mensch, wozu Baumscheiben dienen, wenn sie unbepflanzt sind: als Hundeklo. Aber da das ja erst recht illegal ist, glaubt man wohl, das könne es im wahren Leben nicht geben. Zumindest als Politiker.

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