Fast bis zum Dach stehen diese Busse am 27.07.1997 in der von der Oder überfluteten Thälmann-Siedlung nahe Eisenhüttenstadt im Wasser. (Quelle: dpa/Ralf Hirschberger)
Audio: Inforadio | 15.07.2017 | Oliver Meurers

Oder-Flut von 1997 - Alles im Fluss: Wie sicher sind die Deiche heute?

Vor 20 Jahren sind Teile Ostbrandenburgs im Oder-Hochwasser versunken. Wie sicher sind die Deiche heute? Wie gehen die Menschen mit dem Grenzfluss um? Oliver Meurers war zu beiden Seiten von Oder und Neiße unterwegs.

Eine Tour durch eine idyllische Flusslandschaft: Das Fahrrad gleitet über eine wunderbar glatt asphaltierte Piste - sie ist ein Ergebnis der Deich-Sanierungen. Mein erstes Ziel liegt gleich hinter der polnischen Grenze: Ratzdorf. Direkt an der sanft dahinfließenden Oder steht auf einer saftig grünen Deichwiese ein Pyramidensockel mit einem Backsteinhäuschen darauf. Rote Leuchtziffern zeigen den Pegel an. Vor 20 Jahren gab es einen noch nie dagewesenen Rekordwert: 6 Meter 91. Und jetzt: nicht mal 2 Meter.

Hier erzählt mir Bürgermeisterin Ute Petzel von der Dramatik damals: "In Ratzdorf war das Problem, dass wir eine Deichlücke hatten. Denn früher war hier eine Werft, es mussten die Boote zu Wasser gelassen werden." In Ratzdorf hat damals keiner verstanden, warum sich ein paar Anlieger dagegen wehrten, dass diese Deichlücke geschlossen wird, erzählt Ute Petzel. Die Lücke wurde erst 2005 geschlossen. "Seither fühle ich mich sicherer in Ratzdorf", sagt die Bürgermeisterin.

Ein Mini-Überschwemmungsgebiet wird angelegt

Flussabwärts folgt nach wenigen Kilometern die Neuzeller Niederung: wildwuchernde Wiesen, mittendrin Tümpel, doch plötzlich Bagger - und viele Kameras! Medienwirksam zum Oderflut-Jubiläum startet die Brandenburger Landesregierung das letzte große Sanierungsvorhaben, eine Deichrückverlegung. Bauleiter Frank Krüger erklärt, was hier bis zum Jahr 2020 passiert: "Wir werden etwa 550.000 Tonnen Erde bewegen. Das hat den Vorteil, dass die Wasserstände bei Hochwasser deutlich abgesenkt werden. Solche Absenkungen können wirklich über Leben und Tod entscheiden."

Dafür bekommt der Fluss 50 Hektar mehr Platz. Das ist aber nur ein Mini-Überschwemmungsgebiet, gemessen an den ursprünglichen Vorhaben nach 1997. Jetzt gibt es einen Kompromiss: Langfristig soll in der Neuzeller Niederung hinterm Deich ein zusätzliches Poldergebiet entstehen, das im Notfall geflutet werden kann. Betroffen wären landwirtschaftliche Flächen.

Blick auf den Neubau des Oderdeiches am 19.06.2017 am deutsch-polnischen Grenzfluss Oder nahe Neuzelle (Quelle: dpa/Patrick Pleul)
In der Neuzeller Niederung wird im Juni 2017 der Oderdeich erneuert.

In der Ziltendorfer Niederung wächst die Unruhe

Geprüft wird so etwas auch für die Ziltendorfer Niederung, gut 15 Kilometer weiter flussabwärts. Das Problem: Die Niederung ist besiedelt. Entsprechend vorsichtig äußert sich Brandenburgs Umweltminister Jörg Vogelsänger: "Wir haben uns mit dem Bund über ein nationales Hochwasserschutzprogramm mit einem Volumen insgesamt 5,6 Milliarden Euro verständigt." Die Umsetzung werde mindestens ein Jahrzehnt dauern, sagt Vogelsänger. "Insofern sind wir noch ganz am Anfang."

In der Ziltendorfer Niederung wächst dennoch die Unruhe, das ist im Dörfchen Aurith spürbar. Nach den Deichbrüchen 1997 stand hier fast alles tief unter Wasser. Am Radlerhof, einem Imbiss auf einem gepflegten Rasen am Deich, treffe ich Steffi Weiland. Sie war damals zehn Jahre alt und sah das Wasser bis zu den Fenstern des Hauses ihrer Familie stehen. "Wie die Tiere im Wasser schwammen und gerettet wurden – solche Bilder haben sich bei mir eingeprägt", sagt sie.

Ein Haus in der Ernst-Thälmann-Siedlung der Gemeinde Ziltendorf: links am 11.08.1997, rechts am 06.06.2017 (Quelle: dpa/Patrick Pleul)
Ein Haus in der Ernst-Thälmann-Siedlung der Gemeinde Ziltendorf: links am 11.08.1997, rechts am 06.06.2017.

"Vor einem kontrollierten Ertrinken wird einem Angst und Bange"

Als die rund 400 betroffenen Familien nach der Flut 1997 auf ihre schlammüberzogen Grundstücke zurückkehrten, mahnten Umweltschützer und einige Politiker: Man müsse dem Fluss die Niederung zurückgeben. Das aber war kein Thema für den damaligen brandenburgischen Ministerpräsidenten Manfred Stolpe. Die vielen Kriegsvertriebenen an der Oder sollten nicht noch einmal eine Heimat opfern müssen.

Ziltendorfs Bürgermeister Danny Langhagel liest und hört solche Forderungen heute wieder und ist alarmiert: "Wir können uns nicht vorstellen, dass man das, was hier mit viel Engagement errichtet wurde, so isolieren kann, dass die Wohnbevölkerung von einer eventuellen Flutung nicht betroffen ist. Wenn heute darüber geredet wird, dass man hier ein kontrolliertes Ertrinken prüft, dann wird uns Angst und Bange." Und das trotz eines einen neuen, höheren Deiches.

Star Trek in Frankfurt an der Oder

20 Kilometer weiter liegt Frankfurt, die größte deutsche Stadt an der Oder. Ich besuche das Leibniz-Institut für innovative Mikroelektronik. In einem Labor tüftelt Krzysztof Piotrowski an Sensoren. Sie sollen aus den Deichen heraus Informationen über deren Zustand ins Rathaus funken - so erklärt es der Wissenschaftler. Und er ist offenbar ein Fan der Star-Trek-Filme. "Da war Doktor Crusher mit dem Scanner und konnte alles auslesen, was einem fehlte", schwärmt Piotrowski. "Schön wäre es, nah an so ein System zu kommen. Dann könnte man mehr Informationen über den Stand kriegen, bevor die Deiche brechen."

Ausprobiert werden soll das System in Frankfurt und der polnischen Schwesterstadt Slubice. Ob das Pilotprojekt von der EU gefördert wird, wird sich in diesen Tagen entscheiden.

"Böschungsbruch, 30. Juli 1997"

Nächstes Ziel ist das Oderbruch, genauer: Hohenwutzen am nördlichen Ende. Auf dem Deich steht ein unscheinbares Gedenksteinchen mit der eingemeißelten Inschrift: "Böschungsbruch, 30. Juli 1997". Darauf macht mich Günter Wartenberg aufmerksam, damals und heute Oderbruch-Experte des Landesumweltamtes.

Er hat hier die Bundeswehr beraten, als ihre Hubschrauber unentwegt tonnenschwere Sandsack-Pakete heranflogen: "Da war schon ein gewisses Risiko dabei, auch unter Einsatz des eigenen Lebens." Die Pakete mussten präzise abgesetzt werden, erklärt Wartenberg. "Die konnte man nicht abschmeißen wie eine Bombe. Das hätte noch mehr Risiken eines Deichbruchs hervorgerufen."

Video: Oder-Flut 1997 in Brandenburg

Soldaten und Taucher verstärken mit Sandsäcken einen Deich an der Oder bei Hohenwutzen am 02.08.1997 (Quelle: dpa/Eckehard Schulz)

Das Wunder von Hohenwutzen

Trotz der Gefahr erinnert er sich an "eine super Arbeit damals". Selbst nüchterne Experten sprachen von einem Wunder, dass der Deich hielt. Denn er wackelte wie Pudding, sein Unterbau war wie vielerorts jahrhundertealt. "Das ganze System wurde auf vier Meter Tiefe wieder neu aufgebaut und gegründet. Wo wir noch was nachholen müssen – da geht es in erster Linie um Biber", sagt Wartenberg.

Gegen die Nager kommen jetzt Gitter auf die Deiche: eine weitere Investition. Insgesamt hat Brandenburg seit der Katastrophe 300 Millionen Euro in den Hochwasserschutz an der Oder gesteckt. Mein Blick schweift über den Fluss: Ich sehe kaum Schiffe.

Das Gespräch zwischen Polen und Deutschland suchen

Am Ziel meiner Tour liegt Schwedt in der Uckermark, der Hafen. Der wurde vor 16 Jahren teuer für große Frachtschiffe aus Stettin ausgebaut. Aber die kommen leider nicht durch. Deshalb soll nun die Verbindung vertieft werden. Darauf hofft Robert Radzimanowsksi von der Industrie- und Handelskammer Ostbrandenburg. Der Wirtschaftsmann pflegt rege Kontakte nach Polen und kennt ziemlich genau die gigantischen Wasserbau-Pläne der Warschauer Regierung.

Auf der anderen Oderseite und in angrenzenden Gewässern sollen die seit dem Zweiten Weltkrieg verfallenden Anlagen instandgesetzt werden. Das gilt auch für eine Staufstufe, sagt Radzimanowsksi, die müsse aber nicht zwingend zu einer Verschlechterung der Hochwassersituation führen. "Insofern wäre es uns wichtig, dass die Bundesregierung viel stärker mit der polnischen Regierung ins Gespräch kommt, um Gerüchten vorzubeugen."

Internationale Wasserstraßenklasse an der Oder?

Mein letzter Gesprächspartner kennt ebenfalls Gerüchte und tatsächliche Vorhaben. Die wirken erstmal bedrohlich, sagt Sascha Maier vom Bund für Umwelt- und Naturschutz: "Die neue polnische Regierung wünscht sich einen Korridor von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer." Ein sogenannter Donau-Oder-Elbe-Kanal sei geplant, eine internationale Wasserstraßenklasse an der Oder das Ziel. "Die Pläne decken sich sehr stark mit dem Main-Donau-Kanal, von dem viele sagen: Der würde heutzutage so nicht mehr gebaut werden in Deutschland", sagt Maier.

Von den polnischen Visionen existiert bislang allerdings nur eine halbfertige Schleuse bei Breslau. Allein dafür sind die Kosten explodiert. 450 Kilometer abwärts bei Schwedt plätschert der Fluss entspannt durch den Nationalpark Unteres Odertal.

Beitrag von Oliver Meurers

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