Gunther von Hagens mit Ehefrau und Kuratorin des Menschen Museum, Angelina Whalley. (Quelle: rbb/Ulf Morling)

Entscheidung des Verwaltungsgerichtes - Berliner Leichen-Museum darf bleiben, wenn es umbaut

Im juristischen Streit um das "Menschen Museum" am Alexanderplatz haben der Betreiber wie Bezirk am Mittwoch einen Teilerfolg verbuchen können. Laut Verwaltungsgericht darf das Museum weiterhin plastinierte Tote zeigen - sofern die Papiere für die Leichen in Ordnung sind.

Es verstößt nicht gegen das Berliner Bestattungsgesetz, wenn im "Menschen Museum" Gunther von Hagens plastinierte Leichen öffentlich ausgestellt werden - das hat Berliner Verwaltungsgericht am Mittwoch entschieden. Die Betreiberin des Museums sei ein anatomisches Institut in Heidelberg, dass mit dem Ausstellen der Plastinate populärwissenschaftliche Zwecke verfolge. Allerdings müsste eine "ausreichende Einwilligung der Körperspender vorliegen", hieß es. Bei zehn der 13 ausgestellten Ganzkörperplastinate sei das allerdings zweifelhaft.

Der 72-jährige Gunther von Hagen hatte sich sowohl zum Prozess, als auch zur Urteilsverkündung am Mittwoch in den Gerichtssaal des Berliner Verwaltungsgerichts gemüht. Noch immer ist ein Hut sein Markenzeichen, doch die Parkinsonkrankheit hat ihn schwer gezeichnet; manchmal entgleisten seine Gesichtszüge. Seine Frau, Angelina Whalley, ebenfalls Ärztin und Mitstreiterin, saß am Mittwoch neben ihm. Wenn er stirbt, hat von Hagens Journalisten anvertraut, möchte er von ihr plastiniert und ausgestellt werden.

Ein Plastinat im Menschen-Museum des Plastinators Gunther von Hagen (Quelle: imago/epd)

Der Plastinator gegen Bezirk Mitte - und umgekehrt

Chefplastinator von Hagens traf mit Mitarbeitern und zwei Anwälten auf fünf Vertreter des Bezirksamts Mitte von Berlin: einen leitenden Magistratsdirektor, einen Obermagistratsrat, eine Vertreterin des Gesundheitsamts und ebenfalls zwei Rechtsanwälte. Der Bezirk kämpfte von Anfang an gegen die Plastinate am Alexanderplatz, denn es würden, so hieß es, unter anderem die "postmortalen Grundrechte" der Körperspender, die plastiniert würden, verletzt.

Die Vertreter des "Menschen Museums" geben dagegen an, der populärwissenschaftlichen Bildung zu dienen und mit der Wanderausstellung "Körperwelten" und dem stationären "Menschen Museum" unterm Fernsehturm den Menschen die Angst vor dem Tod nehmen zu wollen.

Keine Anwendung des Bestattungsgesetzes

Schon von Beginn an lagen die Standpunkte zwischen Bezirk und der Plastinate-Ausstellung am Alexanderplatz weit auseinander. Das Bezirksamt war stets der Ansicht, dass nach dem Berliner Bestattungsgesetz das Ausstellen von Leichen verboten sei. Nur in wissenschaftlichen, anatomischen Sammlungen sei das möglich.

Trotzdem hatte im Februar 2015 das "Menschen Museum" seine Türen öffnen können, weil ein erstes Urteil des Berliner Verwaltungsgerichts im Dezember 2014 der Auffassung des Bezirksamt Mitte widersprach. Erstens: Eine Genehmigung für das "Menschen Museum" sei gar nicht erforderlich. Und zweitens: Plastinate seien zwar noch Leichen, fielen aber nicht unter das Bestattungsgesetz. Dieses Gesetz ziele nämlich auf eine schnelle Bestattung von schnell verwesenden Leichen. Plastinate hingegen könnten nicht verwesen.

Nach diesem Urteil konnte seit Februar 2015 die Arts & Sciences Berlin GmbH als Träger des "Menschen Museums" auf 1.200 Quadratmeter 13 präparierte Leichen und ca. 200 Körperteile unterm Fernsehturm vorerst ausstellen. Kirchen und Politiker übten zum Teil scharfe Kritik.

Das Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg (OVG) entschied ein Jahr später im Sinne der Kritiker. Der 12. Senat urteilte, dass

1. die Leichen des "Menschen Museums" trotz Plastinierens Leichen blieben, die unter das Bestattungsgesetz fielen und nicht ausgestellt werden dürften,

2.    keine Ausnahmegenehmigung vom Bezirk erteilt werden könne, da die Betreiber-GmbH kein anatomisches Institut sei und

3.    keine Einwilligungen der Körperspender vorlägen.

Neue Plastinate, neues Glück?

Wenige Monate später war die Ehefrau Gunther von Hagens, an die Öffentlichkeit gegangen. Die Kuratorin des "Menschen Museums" verkündete, dass die rechtlichen Anforderungen des OVG-Urteils nun erfüllt seien: Der neue Betreiber der Ausstellung am Alexanderplatz sei ab jetzt das "Institut für Plastination", ihr wissenschaftliches und anatomisches Institut mit Sitz in Heidelberg, dessen wissenschaftlicher Kopf Ehemann Gunther von Hagens sei. Zudem seien im Museum unterm Fernsehturm nur noch Exponate zu finden, deren Herkunft sich von den Behörden kontrollieren ließe.

Doch diese vollmundige Ankündigung war in der Gerichtsverhandlung vom Bezirksamt Mitte auseinandergepflückt worden: Erst am 7. September 2017, also eine knappe Woche vor dem Gerichtstermin am Mittwoch, waren drei der 13 Ganzkörperplastinate der Ausstellung ausgetauscht worden.

Und sie sind die einzigen, bei denen die Identität feststeht. Für die zehn weiteren sei zwar klar, dass Einverständniserklärungen zur Plastination und Ausstellung "in zwei Aktenordnern" vorlägen, aber die früheren Namen der Lebenden könne man nicht mehr rekonstruieren, so die Vertreter des Unternehmens im Prozess.

Einem Vertreter des Bezirksamts Mitte platzte bei dieser Argumentation der Kragen: Bei jedem Fell müsse rückverfolgbar sein, zu welchem Tier es gehöre. Bei einem Menschen, der plastiniert und ausgestellt würde, müsse das doch wegen seiner "postmortalen Würde" erst recht gewährleistet sein. Die Behördenvertreter führten zwei weitere Beispiele an, wo aus ihrer Sicht die Menschenwürde posthum eventuell verletzt worden sein könnte, wenn keine Einverständniserklärungen der Körperspender vorlägen: zum einen bei einer Seniorin aus Sachsen, deren plastinierter Genitaltrakt ausgestellt sei, und zum zweiten bei einem Ehepaar, das sich gewünscht hatte, gemeinsam als Plastinate nebeneinander plaziert zu werden. Das sei angeblich nicht machbar gewesen, sei den Mitarbeitern des Amtes bei einer Begehung der Ausstellung berichtet worden.

Drittes Urteil ein Teilerfolg für beide Seiten

Angelina Whalley packte während der Verhandlung aus ihrer Aktentasche ein plastiniertes Herz aus und legte es auf den Richtertisch. Das Herz habe sie noch am Vorabend aus der Ausstellung am Fernsehturm entnommen, um alles dem Gericht anschaulicher zu machen. Die fünf Richter beugten sich interessiert über das tote, plastinierte Herz. "Wollen Sie das gerade mal hier liegenlassen?", bat der Vorsitzende Richter Björn Schaefer. Die Kuratorin des "Menschen Museums" nickte und sagte zu den Richtern in Anspielung auf das bevorstehende Urteil: "Es blutete mir das Herz, wenn ich keinen Lungenkrebs mehr zeigen dürfte!"

Das nunmehr dritte Urteil in der Hauptsache ist für Bezirk und Museum jeweils ein Teilerfolg. Von Hagens wird zugestanden, populärwissenschaftliches Engagement zu beweisen mit dem "Menschen Museum". Dem Bezirk Mitte wird gleichzeitig recht gegeben, dass es die Ausstellung mit den Persönlichkeitsrechten der Körperspender nicht genau genug nimmt.

Sehr wahrscheinlich wird vorerst alles bleiben, wie es ist. Allerdings kann sich das ändern, wenn als nächste Instanz das Oberverwaltungsgericht angerufen wird und die Richter anders entscheiden.

 

Sendung: Abendschau, 13.09.2017, 19.30 Uhr

Plastination

Nach Angaben des "Instituts für Plastination":

17.000 noch lebende Körperspender befinden sich in der Kartei des Instituts in Heidelberg. Innerhalb Deutschlands werden die gestorbenen Spender abgeholt und ins brandenburgische Guben transportiert. Dort leitet der Sohn Gunther von Hagens das "Plastinarium".

Der Prozess des Plastinierens dauert oft mehrere Jahre, 50 Mitarbeiter sind in Guben damit beschäftigt. Zunächst wird Formalin in den Körper geleitet, das die Verwesung stoppt. Mehrere Monate wird Aceton in Körper geleitet, das danach durch flüssiges Silikon ersetzt wird. Nachdem das Plastinat in die gewünschte Positur gebracht worden ist, wird es mehrere Tage mit speziellem Gas gehärtet.

Beitrag von Ulf Morling

Kommentar

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6 Kommentare

  1. 6.

    Mag ja sein das es ihnen egal ist, was man mit ihrem Körper macht. Ich möchte das mit Körpern auch nach dem Tode respektvoll umgegangen wird. Ansonsten könnte man sie ja auch irgendwo verscharren. Das hat nichts mit fingiertem recht zu tun. Auch wenn ihnen das nicht gefällt. Der typ ist Geschäftsmann, kein Wissenschaftler.

  2. 5.

    Das Bezirksamt Mitte sollte sich einen neuen Slogan zulegen:
    "BA Mitte - Fortschritt von gestern"

    denn Fortschritte sollen offenbar verhindert werden.

  3. 4.

    Postmortale Grundrechte? Habt ihr n knall dout is dout und hin ist hin da jibbet keine Option Rechte wahrzunehmen
    daher find ich sowas en fingiertes Recht

  4. 3.

    @rbb: ich fürchte, dass die Überschrift nicht ganz korrekt ist. Ein Museum kann nicht aktiv umbauen. Es kann höchstens passiv umgebaut werden. Oder?

  5. 2.

    Stimme Ihnen zu.In der Charité gibt es eine sehr fundierte Wissenschaftliche Dauerausstellung hierzu.Das Naturkundemuseeum tut hier sein übriges.

  6. 1.

    Die Abartigkeit, Geldgier und Sensationslüsternheit in dieser Gesellschaft scheint keine Grenzen mehr zu kennen. Weder vor Lebenden noch vor Toten.

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