Die Angeklagten Pawel A. (r) und Adam K. stehen am 13.09.2017 zu Prozessbeginn im Saal 621 des Landgerichts Berlin und verdecken ihr Gesicht. (Quelle: dpa/Soeren Stache)

Prozess um Tod von Sänger Reeves begonnen - Mord aus Schwulenhass?

Wegen Mordes in einem Berliner Hostel müssen sich seit Mittwoch zwei Männer vor Gericht verantworten. Die Angeklagten sollen den schwarzen Sänger Jim Reeves aus Schwulenhass regelrecht zu Tode gequält haben. Von Ulf Morling

Der Tatort - ein Zimmer in einem Hostel am Stuttgarter Platz. Am 1. Februar 2016, kurz nach sieben Uhr morgens, werden Polizei und Feuerwehr alarmiert. Eine Funkwagenbesatzung trifft ein und rennt den langen Gang entlang ins Hinterhaus zu Zimmer 25.

Drei Doppelstockbetten stehen darin. Auf einem der unteren liegt unter einer Decke blutüberströmt das leblose Opfer. Es ist verblutet, wurde geschlagen, getreten und gepfählt. Selbst die Beamten der Mordkommission sind überrascht von dem Ausmaß an Grausamkeit.

An der Rezeption sind drei Bewohner für Zimmer 25 als Übernachtungsgäste eingetragen: das Opfer, der 47-jährige Sänger und Model Jim Reeves, außerdem zwei Polen, die als Bauarbeiter durch Deutschland reisen - und seit Mittwoch wegen gemeinschaftlichen Mordes vor Gericht stehen: Pawel A. (30) und Adam K. (23).

Angeklagte schweigen zunächst

Der Saal 621 des Landgerichts ist zum Prozessauftakt überfüllt, zu viele Zuhörer drängen in den Saal. Auf der Anklagebank sitzen Pawel A. und Adam K. hinter Gittern und lassen das Blitzlichtgewitter über sich ergehen. Beide sind stämmig und haben breite Schultern. Ihre Haare sind kurz geschoren und an den Seiten rasiert. A. hat Tatoos an Oberarmen und Hals. "Wir haben unseren Mandanten geraten, vorerst zu schweigen", sagen die vier Verteidiger unisono.

Den mutmaßlichen Mördern gegenüber sitzen die Geschwister des Getöteten: zwei Schwestern und ein Bruder sind Nebenkläger im Prozess. Die Familie Reeves hat ihre Wurzeln in Tansania. Die Kinder wuchsen in Köln auf. In den 90ern war Reeves Sänger der "Squeezer". 2010 ging er nach Berlin, zur Fashionweek 2016 war er hier noch auf Modenschauen gelaufen. Er war schwul und lebte bei einer Freundin, die ihn kurz vor der Tat hinausgeworfen haben soll.

Mutmaßliche Täter fast noch im Hostel erwischt

Nach der Tat waren die Angeklagten im Hostel vor der Tür, hinter der die Leiche lag, auf einen neuen Mitbewohner für Zimmer 25 getroffen.

Während der Azubi, der mit dem Nachtbus aus Wiesbaden kam, ins Zimmer ging und die Leiche entdeckte, sollen A. und K. geflüchtet sein. Allerdings ließen sie ihre Tasche zurück, die später den Ermittlern wertvolle Hinweise liefern sollte.

Erfolgreiche Fahndung bis Spanien

Die DNA beider Angeklagter sollen am Tatort an Stellen gefunden worden sein, die aus Sicht der Staatsanwaltschaft es möglich machen, die beiden Angeklagten der Tat zu überführen. Es wurden internationale Haftbefehle erlassen und knapp drei Wochen später konnte Adam K. bereits in Polen festgenommen werden.

Pawel A. wurde Anfang Februar durch Zielfahnder in Spanien aufgespürt. Er soll 7.000 Euro Bargeld und falsche Ausweispapiere dabei gehabt haben. Er habe beteuert, unschuldig zu sein, so die Ermittler.

Der mutmaßliche Komplize K. hatte bei seiner Festnahme in Polen berichtet, dass es noch andere Mitbewohner auf Zimmer 25  gegeben habe. Einer von ihnen habe geröchelt und geblutet, da seien sie geflüchtet, um nicht einer Straftat bezichtigt zu werden.

Zwei wichtige Zeugen

Die wichtigsten Zeugen im Prozess werden zwei "Arbeitsvermittler" der angeklagten Bauarbeiter sein. Einer der beiden Zeugen soll am Tattag mit Pawel A. und Adam K. vom Alexanderplatz aus im Fernbus nach Polen gefahren sein. Auf der Fahrt wurde nach seinen Angaben von einer Schlägerei im Hostel gesprochen.

Der zweite Zeuge will gehört haben, dass die Angeklagten von einem "schwulen Neger" berichtet hätten, den sie im Hostel umgebracht hätten, weil er ihnen Sex angeboten habe.

Nachdem die Angeklagten zum Tatvorwurf des gemeinschaftlichen Mordes schweigen, kündigte der Vorsitzende Richter an, mit der Zeugenbefragung systematisch fortzufahren: nach der ersten Polizistin, die am Tatort war, werden in den nächsten Verhandlungstagen weitere Beamte von Polizei und Feuerwehr aussagen.

Danach folgen der Azubi, der die Leiche fand, die Belastungszeugen und schließlich Freunde des getöteten Jim Reeves. Sollten die Angeklagten des Mordes für schuldig befunden werden, so werden lebenslange Freiheitsstrafen ausgesprochen.

Sendung: Inforadio, 13.09.2017, 10:20 Uhr

Beitrag von Ulf Morling

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1 Kommentar

  1. 1.

    Zu gern (auch von manchen, wohl eher verklemmten, Schwulen) so pseudoliberal und wohlfeil geäußerten Sätzen wie "Ach, ob homo oder hetero, das ist doch heute, in unserer toleranten Gesellschaft, gar kein großes Thema mehr, darüber braucht man doch gar nicht zu reden": Es kommt doch eher selten vor, daß (angeblich) Schwule Heterosexuelle aus Heterosexuellenhaß attackieren und womöglich sogar töten. - Was nur ein Beispiel dafür ist, daß in unserer Gesellschaft eben nicht schon alles in Ordnung ist und die sexuelle Orientierung im Alltag so wenig eine Rolle spielt wie die Frage der Haarfarbe, der Körpergröße oder der kulinarischen Vorlieben.

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