Symbolbild: Studenten trinken Bier (Quelle: imago/Rolf Zöllner)

Anzeigenkampf um WG-Mitbewohner - "Wir suchen jemanden mit Festanstellung"

Auf WG-Suche in Berlin zu sein, heißt entweder den Angepassten zu spielen oder verrückten Anforderungen nachzukommen. Wer nette Anzeigen lesen will, sollte in Brandenburg suchen. Denn in Berlin sorgt der umkämpfte Markt für unfassbare Ansprüche. Von Vanessa Klüber

"WG-Leben: Du teilst die Wohnung mit einem sehr lieben Mitbewohner." Punkt.

Solch eine Online-Anzeige für eine Wohngemeinschaft ist eine sehr liebevoll formulierte Ausnahme ohne größere Ansprüche an den Suchenden. Anzeigen auf WG-gesucht, wohngemeinschaft.de und anderen Plattformen lesen sich in der Regel anders, ruppiger. Da heißt es schon einleitend:

"Im Zimmer inbegriffen sind zwei Mitbewohner mit denen du dir Küche und Bad teilen darfst. Ob Ihr euch versteht hängt ganz von dir ab." Oder: "Erst einmal: Wer Anzeigen richtig lesen und beantworten kann, ist klar im Vorteil !!!".

Ideal wären Pendler, Schichtarbeiter oder Studenten die wirklich in ruhe lernen wollen. Die WG Sprache ist Slang freies Deutsch. NO Drugs!!!!

Rauchend, männlich, ohne Festanstellung: Geringe Chancen

Stark gestiegene Mieten, vor allem in beliebten Wohngegenden, sind wohl Auslöser für freche, fordernde oder schnoddrige Anzeigen. Und die Bewerber fühlen sich gezwungen, sich unterwürfig zu geben, ignoriert zu werden und keine Antwort auf Anschreiben zu erhalten, eine Herabwürdigung nach der nächsten zu ertragen - wochenlang.

Jaron aus Australien erging es so. Die Voraussetzungen für den 27-Jährigen sind ohnehin nicht die besten: Er spricht Englisch aber kein Deutsch. Er ist Musiker in einer Band. Er raucht. Er ist männlich. Und er hat keine Festanstellung, sondern ist freischaffender Künstler, der sein Geld teilweise mit Straßenmusik verdient.

Was ich mir erhoffe: Austausch, Unterhaltung, Spaß, Unterstützung und vor allem auch mal abkotzen darüber wie anstrengend das Leben mit Kindern ist und natürlich die ewige Suche nach der Antwort auf die Frage: wie soll ich das eigentlich alles schaffen!

"Wir kochen gerne und trinken abends mal ein Bierchen"

Das widerspricht den überwiegenden Forderungen in den Anzeigen: "Wir suchen eine Frau und nur eine Frau", so oder so ähnlich heißt es oft. "Du solltest Nichtraucher sein". "Du solltest verhandlungssicheres Deutsch sprechen". "Wir suchen jemanden mit Festanstellung". Standard-Forderungen, die sich zumindest auf der Höflichkeitsskala im grünen Bereich bewegen.

"Wir kochen gerne und trinken abends mal ein Bierchen" - das wenigstens kann Jaron bedienen.

Wir sind Freunde des gemütlichen Bieres und gehen am Wochenende gerne feiern – aber wie jeder weiß: sei nie der Gastgeber.

Mitbewohnberin will über ihr anstrengendes Leben abkotzen dürfen

Jaron hat ein nicht ganz ernst gemeintes Bild von sich und einer Katze, beide schauen niedlich in die Kamera, bei Facebook gepostet. Das hat wenig gebracht, er bekam keine positive Rückmeldung. Wochenlang ging die Suche weiter.

Dann ein kleiner Rettungsanker: Über einen Freund kann Jaron eine Wohngemeinschaft in Charlottenburg finden - allerdings nur für drei Wochen.

Bei der WG-Suche dürften auch Menschen, die perfektes Deutsch sprechen, ruhig und  ordentlich sind und ein geregeltes Einkommen haben, an ihre nervlichen Grenzen stoßen. Die Ansprüche sind oft sehr hoch und die Kriterien sehr präzise.

Es werden Vegetarier und Veganer gesucht oder Leute, die Metal hören müssen, weil das zu Hause eben Standard sei. WG-Suchende sollen den Name der Firma angeben, bei der sie arbeiten, die passende Nationalität haben, gerne Party machen aber nie selbst eine Party zu Hause schmeißen dürfen, eine Privathaftpflichtversicherung nachweisen müssen, Vintage-Möbel mögen oder sportverrückt sein, Dr. Who kennen und lieben oder ein offenes Ohr haben, wenn die Mitbewohnerin über ihr "anstrengendes Leben mit Kindern abkotzen" will.

Liebe Intressenten, bitte mailt mir die Daten von Euch zu. Ohne diese nehme ich kein Kontakt auf, um nicht zeitaufwendig telefonisch alles abzufragen. 1. deutsche MOBILnummer 2. Alter, Nationalität, Geschlecht, vollständige Namen 3. Besichtigungstermin vorschlagen 4. Name der Firma, wo du arbeitest 5. Möbel haben wenig Platz. Was bringst Du mit ?? 6. Einzugsdatum benennen und Mietdauer 7. 1 oder 2 Personen bzw Paar !!

Nachfrage viel höher als als das Angebot

In einer Anzeige wird ein 7-Quadratmeter-Zimmer in Lichterfelde für 223 Euro angeboten. "Dein Zimmer ist relativ klein, dafür aber gut geschnitten und sehr hell", heißt es. Und es bekommt Resonanz.

Dass sich Leute, die einen Mitbewohner oder eine Mitbewohnerin suchen, so viel herausnehmen können, hat wohl vor allem den Grund, dass die Nachfrage viel höher ist als das Angebot und die Mieten in den letzten Jahren in vielen Bezirken, vor allem in Neukölln, sehr stark angestiegen sind. Wer eine Wohnung sucht, erntet in Berlin mitleidige Blicke.

"Ich bin nicht der Typ, der leicht in Panik verfällt", sagt Jaron auf Englisch. "Aber man behandelte mich teilweise herabwürdigend." So habe ihm ein Freund eines Freundes ein so genanntes WG-Casting angeboten – dabei werden mehrere potentielle Mitbewohner eingeladen. Am Ende wurde Jaron trotz der Bekanntschaft abgelehnt.

Mit Metal solltest du kein Problem haben da dies hier Standard ist.

Toleranz für absolute Ökos oder Geigen-Anfängerin ist gefragt

Von etwa 60 Anfragen, die er rausgeschickt habe, seien vier oder fünf beantwortet worden, sagt Jaron. "That’s super frustrating." Nebenher muss er täglich als Musiker Geld verdienen, sich um sein Visum kümmern und alltägliche Problemchen mit Freunden lösen. Die Situation sei "insane", krank, meint Jaron.

Er war irgendwann so weit zu sagen: "Any location would be a good location", egal was und wo, Hauptsache ein Zimmer finden. In Anzeigen wird beschrieben, dass man auf den Hund oder die Katze mit aufpassen sollte, Toleranz für einen "absolutem Öko" in der WG und einer Frau, die gerade angefangen hat, Geige zu spielen - und vor Einzug ein Empfehlungsschreiben von der Oma mitbringen sollte. Okay, Letzteres ist wohl nicht ganz ernst gemeint.

Dass viele Leute wirklich in Bedrängnis sind, hat diese WG auf dem Schirm und schreibt:
"Du bist vielleicht verzweifelt auf der Suche nach einer Wohnung. Wichtig ist aber vor allem, dass du zu uns passt!" Und das muss man, trotz des verständnisvollen Anzeigentexts, natürlich wiederum bei einem WG-Casting erst einmal unter Beweis stellen.

Zum Haushalt gehören meine Retrieverhündin und ich. An den Wochenenden wohnt dann auch meine erwachsene Tochter (manchmal auch mit ihrem Freund) bei mir. Für uns ist unsere Wohnung ein Ort des Rückzugs und des Auftankens, daher wäre es für uns sehr wichtig, wenn jemand zu uns kommt, der ähnliche Wertvorstellungen hat.

Anzeigen aus Brandenburg bodenständiger

Etwas bodenständiger sind viele Anzeigen aus Brandenburg – Potsdam, Cottbus oder Frankfurt (Oder). Dort fielen auf Anhieb keine außergewöhnlichen Ansprüche auf. Es findet sich sogar eine sehr einladender Text unter dem Thema WG-Leben einer Potsdamer WG:

"Pavlinka kocht mit Herz und tischt ab und an bulgarische Spezialitäten auf. Solltest du jemals Bauchschmerzen haben, erwartet dich der schier unerschöpfliche Vorrat an Rakia aus dem Keller des bulgarischen Großvaters ;)".

Brandenburger WGs kommen für Jaron aber nicht in Frage, weil er in Berlin sein Geld verdienen muss.

Kurz vor dem Auszug aus seiner Übergangs-WG geht Jarons Geschichte dann doch gut aus: Er findet ein Zimmer bei einem Freund im südwestlichen Reinickendorf. Wer Freunde mit WG-Plätzen hat, ist klar im Vorteil.

Kommentar

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9 Kommentare

  1. 9.

    Wenn ich mich an mein erstes Studium zurückerinnere, fühle ich mich unendlich privilegiert, auch wenn es nicht in Berlin war. Es war eine 100m²-Wohnung für drei Leute für alle insgesamt 400 €. Das klingt wie aus einer Parallelwelt verglichen mit heutigen Berliner Verhältnissen.

    Aber wenn in Berlin sozialer Wohnungsbau nur von denjenigen für gut befunden wird, die darüber nichts zu entscheiden haben, dann wird sich die Tendenz fortsetzen. Denn im Jahr 2016 sind wohl zum ersten Mal mehr Menschen nach Leipzig als nach Berlin gezogen. Ich glaube, beim Ausverkauf von Berlins Wohnungsmarkt und Verdrängung von vielfältiger Kultur wird das Wegziehen aus dieser Stadt wohl die Wahl sein, denn eine andere bleibt einem kaum. Es lebe der Mammon!

    Mit etwas Glück platzt die Berliner Immobilienblase in ein paar Jahren, dann könnte es wieder günstiger werden, auch wenn wir weit entfernt von Londoner oder Pariser Verhältnissen leben, was aber mit 200 und x € für 7m² nicht so weit weg ist.

  2. 8.

    Beim letzten Versuch, eine WG-Zimmer anzubieten, war die Menge der Antworten riesig und es gab genau eine, die auf den Inhalt der Anzeige eingegangen ist.
    Alle anderen haben nur Standardmails gesendet, dass sie ganz dringend ein Zimmer brauchen.
    Nachdem das dritte mal derselbe Mann sich beworben hat (auf eine Anzeige, dass ich ein Frau suche) und ich ihm bereits zweimal höflich abgesagt hatte, habe ich aufgehört auf Leute zu antworten, die die Anzeige offensichtlich nicht gelesen haben.

    Das geht echt in beide Richtungen. Ich habe meine Zeit auch nicht im Lotto gewonnen.

  3. 7.

    Das Problem ist, dass Studenten zwar einen Wohnberechtigungsschein (WBS) erhalten können, allerdings immer nur für eine Ein-Raum-Wohnung. Ein Zusammenlegen von WBS mit weiteren Studenten zum Anmieten einer WG ist nicht möglich, dazu ist eine Ausnahmegenehmigung vom Wohnungsamt erforderlich. Die Wohnungsämter vergeben solche Ausnahmegenehmigungen aber wegen der Wohnungsnot nicht mehr so freizügig wie einst, zudem werden von den städtischen Vermietern (Degewo, Howoge etc.) mittlerweile fast nur noch WBS-Wohnungen angeboten.

    So sind die Studierenden die großen Verlierer der Wohnungsnot. Für den freien Wohnungsmarkt reicht das Geld nicht mehr, seit 10-12 Euro je qm nettokalt üblich sind, aus dem öffentlichen Wohnungsmarkt wird man ausgesperrt.

  4. 6.

    Landleben... ist ein altbackener Kommunikationsbegriff. Sagen wir lieber... das ist die normale Welt! Und das Leben hat auch so seine Herausforderungen. Diese sind aber mit Kreativität und Organisationssinn gemeinsam gut zu meistern. Deswegen klappt das Leben auch ganz gut unter normalen Menschen in der normalen Welt.

  5. 5.

    Ich pflichte dem bei.
    Der Berlin-Hype nimmt langsam echt überhand. Da bleibe ich lieber in meinem Berliner Umland, wo die Mieten noch bezahlbar sind und ich für 800 Euro im Monat nicht nur eine Abstellkammer bekomme.
    Zudem ist die Infrastruktur dort mittlerweile auch gut und ich bekomme alles was ich brauche. Lediglich auf mein Auto würde ich im Umland wahrscheinlich nicht immer verzichten wollen :-)

  6. 4.

    Gut, jetzt habe ich ein neues Hobby: WGAnzeigen lese, totlachen, Wohnung anzünden und die Stadt verlassen.

  7. 2.

    Leute, seid vernünftig. Macht es wie Kraftklub und geht nicht nach Berlin. Soll in D auch noch zwei, drei andere Städte geben.

  8. 1.

    Ach wie schön einfach und unkompliziert ist da doch das Landleben.

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