Ein Stand der Initiative und das Alfa-Mobil, das die Woche über durch Brandenburg tourt (Quelle: rbb/Stefan Kunze)

Alfa-Mobil tourt durch Städte - Wie ein mobiles Team versucht, Analphabeten zu helfen

Rund 360.000 Menschen in Brandenburg können nicht richtig lesen und schreiben. Ein sogenanntes Alfa-Mobil tourt jetzt über Land und versucht, Analphabeten zu helfen. Denn es ist schwierig, diese Menschen überhaupt zu erreichen. Von Stefan Kunze

"Hallo darf ich Ihnen was mitgeben?", sagt die 31-jährige Juliane Averdung und lockt in der Frankfurter Innenstadt Vorbeigehende mit kostenlosen Parkscheiben als Geschenk. "Die ziehen mehr Leute an als etwa Kulis oder nur Weingummis oder der Flyer allein. Mit den Parkscheiben bleiben viel mehr Leute stehen und nehmen dann auch den Flyer gerne mit."

Denn mitnehmen sollen sie eigentlich etwas anderes: die Information, dass es Angebote in Städten wie Potsdam und Frankfurt sowie Forst, Lübben, Elsterwerda oder Templin gibt, die sich speziell an Menschen richten, die nicht oder nur mit Mühe Lesen und Schreiben können.

Das Alfa-Mobil, das die Woche über durch Brandenburg tourt (Quelle: rbb/Stefan Kunze)
Noch bis Freitag tourt das Alfa-Mobil durch Brandenburg

Grundbildungszentrum mit wenig Resonanz

"Man spricht von 14,5 Prozent der erwerbsfähigen Bevölkerung in Deutschland", sagt Joshua Meszar vom Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung mit Sitz in Münster. Auf Brandenburg bezogen heißt das: rund 360.000 Menschen zwischen 18 und 64 Jahren gelten als sogenannte funktionale Analphabeten.

"Das heißt, dass man so wenig lesen und schreiben kann, dass man nicht in der Lage ist, an gesellschaftlichen Dingen teilzuhaben: eine Speisekarte lesen etwa oder einen Brief, den die Kita-Erzieherin nach Hause mitgegeben hat", sagt Carmen Winter. Sie leitet das vor einem Jahr eingerichtete Grundbildungszentrum in Frankfurt (Oder). "Wahlprogramme lesen zum Beispiel geht auch nicht. Also all diese Dinge funktionieren nicht, und damit funktioniert nicht die Teilhabe an der Gesellschaft."

Das Frankfurter Grundbildungszentrum ist eine von sieben Einrichtungen dieser Art im Land Brandenburg. Gemeinsam mit Volkshochschulen und anderen Instituten bieten sie Lernkurse und Hilfsangebote für Analphabeten an. Die Resonanz aber ist gering, so Winter. "Es ist schwierig, die Menschen zu erreichen, die wenig lesen und schreiben können. Die lesen natürlich auch nicht unser Volkshochschulprogramm."

Mutter, Tante und Onkel sind Analphabeten

Genau deswegen sind Juliane Averdung und Joshua Meszar mit ihrem Alfa-Mobil bis Freitag in fünf Brandenburger Städten unterwegs. "Wir wollen einfach diese erste Schwelle nehmen, die man sich oft nicht traut zu nehmen, um sich zu informieren. Und hauptsächlich geht es darum, die Leute aus dem Umfeld, die sogenannten Mitwisser, anzusprechen."

Mit der "aufsuchenden Beratung" am Alfa-Mobil klappt es am ersten Tag besser als erwartet, freut sich der 25-Jährige Joshua Meszar. Gleich zu Beginn sei eine junge Frau von allein auf den Stand zugekommen. Ihre Mutter, ihre Tante und ihr Onkel seien alle Analphabeten, habe sie erzählt, so Meszar. "Das war natürlich super, da hab ich ihr gleich die Infos mitgeben können und gesagt, an wen sie sich wenden kann. Jetzt hoffen wir natürlich, dass die sich melden, das wäre super."

Alfa-Mobil mit positivem Effekt in anderen Ländern

Einige geben auch zu, dass sie Probleme mit dem Lesen oder Schreiben haben und selbst dadurch auch Nachteile erfahren. "Bei den Ämtern weniger, aber vor allem bei Vorstellungsgesprächen, bei Tests oder vor allem beim Schreiben. Man muss ja erst einmal ein Bewerbungsschreiben schreiben. Da macht sich das doch sehr bemerkbar. Rechtschreibfehler fallen einem auf die Füße", sagt eine 36-Jährige Frankfurterin. Sie spricht lange mit Juliane Averdung vom Alfa-Mobil.

Averdung weiß, dass Betroffene auch in vielen anderen Bereichen abgestempelt werden: "Für mich ist es völlig unverständlich, wenn etwa ein Arzt sagt: 'Sie haben Legasthenie. Das war's. Damit müssen Sie leben'. Es ist für mich unerklärlich, wenn jemand so etwas einfach behauptet oder sogar bescheinigt. Das darf es in unserer Gesellschaft überhaupt nicht geben. Unglaublich."

Ebenso unglaublich ist es, dass es trotz der Bund-Länder-Kampagne zur Alphabetisierung in vielen Regionen Brandenburgs kein Angebot gibt. "Den Bedarf gibt es natürlich, und es ist bei der Gründung der Grundbildungszentren auch gefragt worden, 'warum nur sieben, warum nicht in jedem Landkreis ein Mobil?'" Die Antwort darauf ist einfach: Das Geld habe nicht gereicht, sagt Carmen Winter vom Frankfurter Grundbildungszentrum.

Dabei hat in anderen Bundesländern der Besuch des Alfa-Mobils durchaus bewirkt, dass wieder mehr Angebote und Lernkurse von Menschen mit Lese- und Schreibschwächen angenommen wurden.  

Beitrag von Stefan Kunze

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