Noch ist die Modernisierung nicht abgeschlossen, der neue Dachstuhl noch nicht fertig (Quelle: rbb/Wolf Siebert)

Modernisierung von Wohnungen - Die Angst vor der "Entmietung"

Der Hauseigentümer plant eine "Modernisierung" – ein alltäglicher und legaler Vorgang. Viele Mieter in Berlin erleben eine solche Ankündigung aber als Bedrohung: Kann ich während des Umbaus in meiner Wohnung leben? Kann ich sie mir nachher noch leisten? Von Wolf Siebert

Die Hohenzollernstraße in Zehlendorf, im Süden Berlins: Kopfsteinpflaster, kräftige Bäume, überwiegend alte Häuser, Vögel zwitschern. Die Nummer 29 ist ein Mehrfamilienhaus, erbaut im Jahr 1902. Technisch nicht mehr auf dem neuesten Stand und auch nicht mehr voll vermietet, dennoch wohnten die wenigen Mieter gerne hier. Denn die Hausgemeinschaft verstand sich gut, die Mieten waren billig.

Auch deshalb, weil die Eigentümer – drei Brüder – jahrelang kaum in die Instandhaltung des Hauses investiert hatten. Ende 2014 wurde das Haus verkauft an die "Hohenzollernstraße 29 Grundbesitz GmbH", Geschäftsführer unter anderem: Klaus Breckner. Es dauerte nicht lange, bis die Mieter eine Modernisierungsankündigung bekamen.

Chaos in der Grunewaldstraße 87

Fünf Wochen später gab es erste Abrissarbeiten im Haus, kurz aber heftig: Lärm und Dreck – viele Mieter fragten sich, ob sie das über Monate durchhalten würden. Zusätzliche Verunsicherung entstand durch eine Internetrecherche zu Klaus Breckner. Dabei waren die Zehlendorfer Mieter auf die Grunewaldstraße 87 in Schöneberg gestoßen. Geschäftsführer des Eigentümers: ebenfalls Breckner.

Die dortigen Mieter warfen ihm vor, das nicht voll vermietete Haus in der Grunewaldstraße "entmieten" zu wollen: Bis zu 200 Wanderarbeiter aus Rumänien und Bulgarien zogen nach und nach in die leerstehenden Wohnungen. Drangvolle Enge, Krach, Müll, Streit bei Tag und Nacht. Die Mieter der Hausnummer 87 waren mit ihren Nerven am Ende. Auch dieses Gebäude sollte saniert und verkauft werden.

Heizung funktionierte im Dezember tagelang nicht

Das alles brachte in der Hohenzollernstraße 29 die Stimmung zum Kippen, berichten ehemalige Mieter. Ans "Drinbleiben" dachte bald kaum noch jemand. Im Dezember 2015 funktionierte die Heizung tagelang nicht: Es war kein Heizöl da. Die Mieter erwirkten eine einstweilige Verfügung - das Öl wurde geliefert.

Aus Sicht des Eigentümers war der Heizölmangel auf ein Versehen zurückzuführen: "Heizöl war nachbestellt, irgendein Fehler in der Informationskette führte aber tatsächlich ärgerlicherweise zu dem kurzfristigen Ausfall", heißt es in einer Stellungnahme. Viele erlebten das Vorgehen des Eigentümers als eine Strategie der Abschreckung und Angst. Wenige Monate später waren alle Mieter ausgezogen. Der Eigentümer sagt: "Mit allen gab es einvernehmliche Lösungen…(z.B.) Mietaufhebungsvereinbarungen."

Marion Thomas wäre gerne in ihrer Wohnung geblieben. Aber die neue Miete nach der Modernisierung war ihr zu teuer. (Quelle:rbb/Wolf Siebert)
Bis Dezember 2016 hielt Marion Thomas durch - dann zog auch sie aus der Hohenzollernstraße 29 aus.

Die Bauarbeiten begannen. Marion Thomas führte über ihre Erlebnisse ein viereinhalb Seiten langes Protokoll. Ihre Darstellung und die Darstellung des Eigentümers beschreiben unterschiedliche Welten. Mehrfach, so Marion Thomas, fiel ihr buchstäblich die Decke auf den Kopf, weil Bauarbeiter aus ihrer Sicht unsachgemäß arbeiteten.

Die Bauaufsicht riet ihr, das Schlafzimmer nicht mehr zu benutzen. Der Eigentümer teilt mit: "Richtig ist, dass durch die umfassenden Sanierungsarbeiten in der Wohnung darüber aufgrund von Erschütterrungen Putz von der Decke bei Frau Thomas fiel. Nach Meldung wurde dies sofort behoben. Allerdings war Frau Thomas in dieser Zeit kaum in der Wohnung."

Direkt vor ihrer Wohnungstür wurde der Fahrstuhlschacht aufgemauert und Marion Thomas beinahe eingemauert: Nur 30 cm Platz blieben ihr beim Verlassen der Wohnung (Quelle: Marion Thomas)
Direkt vor Marion Thomas' Wohnungstür wurde ein Aufzugsschacht aufgemauert - nur 30 Zentimeter Platz blieben ihr beim Verlassen ihrer Wohnung.

Mieterin und Eigentümer beschreiben unterschiedliche Welten

Nur eine blieb: Marion Thomas hielt bis Dezember 2016 durch, trotz Baulärm, Schmutz und Ärger. Seit siebzehn Jahren wohnte sie bereits in ihrer Zwei-Zimmer-Wohnung im ersten Stock. Die Miete - 800 Euro warm für 72 Quadratmeter - war vergleichsweise günstig. Die neuen Eigentümer boten ihr an, die eigene Wohnung zu kaufen: für bis zu 360.000 Euro – unbezahlbar für die 51-jährige Frau. Alternativ wurde ihr angeboten, vorübergehend aus- und nach der Modernisierung  wieder einzuziehen: als Mieterin in der dann verkauften Wohnung. Dann hätte sie aber fast 100 Prozent mehr Miete zahlen müssen.

Ohne Rechtsschutzversicherung nicht durchgestanden

Marion Thomas hatte zum Glück ein Ausweichquartier, sonst – so sagt sie – hätte sie das alles nicht bewältigt. Eines Tages wurde ihr Keller geflutet, dann abgerissen. Thomas empfand das als Schikane. Sie erwirkte eine einstweilige Verfügung, mit dem Ergebnis, dass ihre Sachen im Keller in einem Verschlag gelagert wurden.

Ganz anders schildert es der Eigentümer: "Es gab einen Rohrbruch, der den Keller teilflutete. Zur Abwendung von Schäden wurde der Kellerinhalt von Frau Thomas gesichert, indem man ihn in eine andere Ecke des Kellers trocken stellte, dort einen neuen Verschlag baute und ihr einen Schlüssel übergab. Das war sogar Gegenstand eines einstweiligen Verfügungsverfahrens, bei dem man sich vor dem AG (Arbeitsgericht, d. Red.) Schöneberg genau hierauf einigte."

Ohne Rechtsschutzversicherung, so sagt sie, hätte Marion Thomas diese Zeit finanziell nicht durchgestanden. Im Dezember 2016 zog sie aus, mit einer Abfindung, um die sie monatelang mit dem Eigentümer gerungen hatte. Dieser schreibt dazu: "Der Entwurf einer Modernisierungsvereinbarung lag vor. Am Ende lehnte Frau Thomas dies ab und entschied sich, doch gegen Zahlung einer Entschädigung (...) auszuziehen."

Während der Modernisierung des Hauses fielen immer wieder Teile der Decke in ihr Schlafzimmer (Quelle: Marion Thomas)
Während der Modernisierung fielen immer wieder Teile der Decke auf den Boden von Marion Thomas' Schlafzimmer, erklärt sie.

Ehemalige Mieter: Hätten Modernisierungsankündigung anfechten sollen

Klaus Breckner schied Mitte 2015 als Geschäftsführer der "Hohenzollernstraße 29 Grundbesitz Gesellschaft" aus. Seine Anteile an dieser Gesellschaft verkaufte er im Juli 2016. Zu den Gesellschaftern gehört nach wie vor eine Firma aus Zypern.

Im Rückblick sagen die ehemaligen Mieter, mit denen wir gesprochen haben: Wir hätten die Modernisierungsankündigung Punkt für Punkt anfechten sollen. Vielleicht hätte sich dadurch der Umfang der Modernisierung reduzieren lassen. Und wir wären heute noch in unseren Wohnungen. Sie wünschen sich Schutzmaßnahmen, damit andere Mieter in Berlin nicht durch Sanierung und Modernisierung entwurzelt werden.

Beitrag von Wolf Siebert

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Bitte beachten Sie unsereKommentar-Regeln und Hilfe zu Kommentaren zum Kommentieren von Beiträgen.

1 Kommentar

  1. 1.

    Hat es überhaupt Sinn, sich Möbel zu kaufen, wenn man nicht weiß, ob man bei der nächsten Gelegenheit aus der Wohnung raus muss?

    Die Deutscfhe Rechtsprechung ist ja faktisch ein Freispruch für die Zerstörung der Möbel bei einem Umzug.

Das könnte Sie auch interessieren