Hof in der Grunewaldstrasse 87. (rbb/Wolf Siebert)

"Horrorhaus" in Berliner Grunewaldstraße - Suche nach einem Phantom

Als "Horrorhaus" wurde ein Mietshaus in Schöneberg bekannt: Chaotische Zustände, die Polizei im Dauereinsatz. Die Alt-Mieter fragten sich: Will uns der Eigentümer vertreiben, damit er das Haus sanieren und verkaufen kann? Eine Spurensuche von Wolf Siebert

Dezember 2016, Amtsgericht Charlottenburg: Ein wichtiger Tag für die Gläubiger der Firma "Alpha-Plan", Menschen, die um ihr Geld bangen. "In dem Insolvenzverfahren Alpha-Plan Projektentwicklungs- und Managementgesellschaft bitten wir in den Saal 218 zum Berichtstermin einzutreten", tönt es aus den Lautsprechern im Flur.

Die Firma mit ihrem Geschäftführer Klaus Breckner war mal die Mehrheitsgesellschafterin des Baus in der Grunewaldstraße. Das Haus war in eine Grundbesitzgesellschaft eingebracht, auch dort der Geschäftsführer: Klaus Breckner. Und den hoffe ich hier zu treffen.

Grunewaldstrasse 87(Quelle: rbb/Wolf Siebert)
Das Haus in der Grunewaldstraße 87 - es steht ein Baugerüst dran.

Für mich ist Breckner wie ein Phantom: Gesprochen hat er noch nie mit mir. Auch heute wird das nichts. Statt Breckner erscheint sein Rechtsberater - er war mal Anwalt. "Wir würden gerne mit Herrn Breckner sprechen, ist er dazu bereit?", frage ich. "Herr Breckner ist nicht bereit. Der wird auch nichts sagen, der wird sich nicht äußern, das ist auch so abgesprochen, dass er es nicht tut", antwortet der Mann.

Dreck, Gestank, Lärm, Enge

Über Klaus Breckner wissen wir nicht viel, jedenfalls nicht viel, was gesichert ist. Er wurde in Rumänien geboren. Seit Jahren ist er im Immobiliengeschäft tätig. Ein Eintrag in einer polizeilichen Datenbank besagt, dass er seit 2002 Geldprobleme hatte.

Seit fast zwei Jahren beschäftige ich mich nun mit der Grunewaldstraße 87. Mich hatten die Schicksale der Menschen berührt: Die der Mieter des Hauses, die Angst vor Entmietung hatten. Und die der Wanderarbeiter, die hier vorübergehend einquartiert waren, manche zu horrenden Miete. Viel zu viele lebten hier in drängender Enge. Sie erlebten Dreck, Gestank, Lärm, Kriminalität, es gab mehr als 200 Polizeieinsätze innerhalb weniger Monate.

Für die unhaltbaren Zustände fanden Medien damals das Label "Horrorhaus". Heute zeigt sich Marija Kühn-Dobos, eine der wenigen Alt-Mieter im Haus, überzeugt, dass diese Zuschreibung sie sogar geschützt hat: "Wir und meine Mitbewohner sind froh, dass wir den Namen bekommen haben, dann kümmert sich wenigstens jemand um uns. Wären wir nicht das 'Horrorhaus', dann hätte sich auch das Bezirksamt nicht so gekümmert, und dann hätten wir auch nicht von der Presse Hilfe gekriegt. Wer weiß, was dann mit uns passiert wäre", sagt sie.

Aus dem vermeintlich lukrativen Geschäft ist bisher nichts geworden

Ich habe mich gefragt: Wer sind die Hauseigentümer? Was macht den Kauf eines maroden, zur Hälfte leerstehenden Hauses so attraktiv? Und wo kommt das Geld her?

Bei der Recherche lerne ich viele Menschen kennen, die mir etwas über Klaus Breckner erzählen. Viele wollen anonym bleiben. Selten sind es Menschen, die nicht auch eigene Interessen haben. Der Anwalt Umut Schleyer zum Beispiel. Er vertritt die Firma Alpha-Plan gegen Klaus Breckner vor Gericht.

Breckner soll seinen früheren Arbeitgeber betrogen haben - um Millionen. Was er gegenüber des Gerichts bestreitet. Und er soll die Anteile der Alpha-Plan an der Grundbesitzgesellschaft G 87 heimlich an die Firma crewkerne Immobilien verkauft haben. Den Vorwurf, dieser Verkauf sei heimlich geschehen, weist Breckner ebenfalls zurück.

Der Anwalt Schleyer klagt aber auch in eigener Sache gegen Klaus Breckner. Im Jahr 2014 hatte er ihm ein Darlehen von 550.000 Euro für den Kauf der Grunewaldstraße 87 gegeben. Schleyer wollte auch am Verkaufserlös des Hauses beteiligt werden, ihn lockte ein lukratives Geschäft. Daraus aber wurde nichts, bis heute ist das Haus weder saniert noch verkauft. Das Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg hat die Grunewaldstraße und die angrenzenden Straßen zum Milieuschutzgebiet erklärt  - und den Umbauplänen noch nicht zugestimmt.

Marija Kühn-Dobos, Rentnerin, wohnt seit vielen Jahren in der Grunewaldstraße 87 und kämpft gegen die Entmietung des Hauses. (Quelle: rbb/Wolf Siebert)
"Wären wir nicht das 'Horrorhaus', dann hätte sich auch das Bezirksamt nicht so gekümmert", sagt Marija Kühn-Dobos, die seit vielen Jahren im Haus wohnt.

"Mir ist kein Objekt bekannt, das er zu Ende gebracht hat"

Klaus Breckner war offenbar lange erfolgreich bei der Akquise von Geld - das räumt auch Umut Schleyer ein. Wie Breckner genau vorging, darüber gibt es nur Andeutungen. Aber Schleyer sagt: "Meiner Meinung nach hat er einen gewissen Charme, und er verspricht den Menschen mündlich sehr viel, hängt sich dabei sehr weit aus dem Fenster. Dadurch erlangt er Gelder, aber im Nachhinein hält er die Verträge nicht ein. Es ist mir kein Objekt bekannt, das Herr Breckner zu Ende gebracht hat."

Auch das Projekt Knaackstraße 7 in Prenzlauer Berg hat er noch nicht abgeschlossen. Breckner und die Alpha-Plan wollten das Haus, in das seit Jahren nicht investiert worden war, entwickeln – mit einem Partner aus Hamburg. Diesem Investor gehörte mal eine große internationale Modekette. Das Haus wurde entmietet, mit Millionenaufwand saniert, die Wohnungen wurden verkauft. Bevor die Sanierung beendet werden konnte, ging das Projekt in Insolvenz. Der Insolvenzverwalter will nun erreichen, dass die Käufer doch noch einziehen können.

Müll auf dem Hof der Grunewaldstraße 87 (Quelle: rbb/Wolf Siebert)
Müll im Innenhof, Lärm und Dreck in den Fluren: Unhaltbare Zustände in der Grunewaldstraße 87.

Geflecht von Firmen - Breckners Rolle bleibt undurchsichtig

Klaus Breckner hat in Berlin mehrere Immobilienprojekte wie dieses angefangen. Er konzentrierte sich auf sanierungsreife Altbauten, die nicht voll vermietet waren, unter anderem in der Hohenzollernstraße in Zehlendorf, der Konstanzer Straße in Wilmersdorf und der Kollwitzstraße in Prenzlauer Berg.

Eine zentrale Rolle bei vielen dieser Geschäfte spielt ein Mann aus der Ukraine. Er ist inzwischen Geschäftsführer, teilweise auch Gesellschafter mehrerer Grundbesitzgesellschaften, die mit Breckner verbunden sind oder waren. Der Mann aus Kiew ist auch Geschäftsführer der crewkerne Immobilien Gesellschaft. Dieser gehört die Grunewaldstraße 87 mittlerweile mehrheitlich. Seine Firma crewkerne ist Tochter einer crewkerne limited mit Sitz auf Zypern. Die wiederum ist mit mehreren anderen Unternehmen auf Zypern verbunden.

Meine Recherche steckt nun in einer Sackgasse fest. Sie wird auch dadurch erschwert, dass ein Geflecht von Firmen entstanden ist: Mal spielt Breckner eine Rolle, als Geschäftsführer oder Gesellschafter, mal geht er wieder raus. Firmen werden umbenannt, die Geschäftsführer wechseln, Gesellschaftsanteile werden verkauft. Ein fester Kern von handelnden Personen, inzwischen ergänzt durch neue Namen. Hängen sie am Ende gar zusammen?  Auffallend ist, dass viele dieser Firmen dieselbe Adresse haben.

Mehrere Verfahren wegen Betrugs

Viele Mieter, aber auch viele Kunden sind inzwischen über Klaus Breckner und den Hauptgesellschafter der insolventen Alpha-Plan sowie dessen Sohn verärgert. Bei der Staatsanwaltschaft Berlin sind gegen sie mehrere Verfahren wegen des Verdachts des Betrugs im Immobilienbereich anhängig. Ein Staatsanwalt schrieb einem Kläger, er rechne mit empfindlichen Strafen. Der Rechtsanwalt Schleyer hat bereits im vergangenen Jahr bei Gericht einen Insolvenz-Antrag gegen das Vermögen von Klaus Breckner gestellt.

In der Grunewaldstraße 87 ist es wieder ruhig geworden, nachdem die Wanderarbeiter im Sommer 2015 ausgezogen sind. Heute wünschen sich die Mieter, dass sich der Eigentümer um sein Haus kümmert, vor allem, wenn Schäden zu beseitigen sind: "In meinem Aufgang hier hatte ich zu Weihnachten einen Wasserschaden. Im Januar habe ich vier Wochen gewartet, dass man den Schaden behebt. Nur durch Bezirkshilfe habe ich es geschafft. Sonst kümmert sich keiner. Hier kann alles kaputt gehen, das interessiert keinen", sagt die Alt-Mieterin Marija Kühn-Dobos. Sie hofft, dass der Bezirk das Haus übernimmt - in welcher Form auch immer.

FAQ: Was tun gegen explodierende Mieten?

  • Mietpreisbremse

  • Mietenbündnis

  • Gesetz über den Sozialen Wohnungsbau Berlin

  • Milieuschutz

  • Umwandlungsverordnung

  • Zweckentfremdungsverbot

Beitrag von Wolf Siebert

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(Quelle: dpa/Burgi)

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