Verfahren zur Gesichtserkennung auf einem Monitor. (Quelle: imago)
Audio: Radio Fritz | 19.06.2017 | Johanna Tesmer

Probe für "intelligente Videotechnik" in Berlin - Testpersonen für Gesichtserkennung am Südkreuz gesucht

Für den geplanten Probelauf zur Gesichtserkennung per Video- und Computertechnik am Berliner Bahnhof Südkreuz sucht die Bundespolizei Testpersonen. Seit Montag wirbt die Bundespolizei an dem Bahnhof für eine Beteiligung. Gesucht werden bis zu 275 Menschen, die den Bahnhof häufig nutzen, etwa als Pendler.

Das Testprojekt der Bundespolizei zur Gesichtserkennungssoftware soll am 1. August starten und sechs Monate dauern. Von den Testpersonen werden Fotos gemacht. Ein bestimmter Bereich im Bahnhof wird dann von den Kameras mit der neuen Technik gefilmt. Die Polizei will anschließend feststellen, wie zuverlässig die Kameras und die Computer die Testpersonen anhand der gespeicherten Fotos erkennen.

Zuvor hatte die Bundespolizei erklärt, dass Bahnreisende den Kameras auch ausweichen könnten. Außerdem sollte es umfassende Informationen und Löschpflichten geben.

Datenschützerin: Test "kein schwerwiegender Eingriff"

Beteiligt an dem Probelauf sind auch das Bundesinnenministerium, die Deutsche Bahn und das Bundeskriminalamt. Den Polizeibehörden geht es darum, die technischen Möglichkeiten unter realen Bedingungen auszuloten. Innenminister Thomas de Maizière (CDU) hatte erklärt, die neue Technik könne künftig noch bessere Ergebnisse bringen, etwa bei der Aufklärung von Straftaten.

Der Test am Südkreuz geht aus Sicht der Bundesbeauftragen für Datenschutz in Ordnung. Das Projekt sei "für sich genommen noch nicht als schwerwiegender Eingriff zu sehen", hatte Andrea Voßhoff erklärt. Das ändere allerdings nichts an "grundsätzlichen Bedenken" gegen diese Technologie. "Sollten derartige Systeme später einmal in den Echtbetrieb gehen, wäre dies ein erheblicher Grundrechtseingriff."

Berlins Datenschutzbeauftragte Maja Smoltczyk hatte die Technik zur Gesichtserkennung zuvor als hochproblematisch kritisiert. Sie könne "die Freiheit, sich in der Öffentlichkeit anonym zu bewegen, gänzlich zerstören", teilte sie mit. Auch der innenpolitische Sprecher der Grünen im Abgeordnetenhaus, Benedikt Lux, kritisierte das Vorhaben scharf. "Wir auf dem Weg in ein absolutes Überwachungsszenario", sagte er.

Kommentar

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3 Kommentare

  1. 3.

    Das ist mir zu billig.
    Alles Handeln ist Handeln bei Abwägung. Da helligt der Zweck noch lange nicht alle Mittel.

    Ein bewusst groteskes Beispiel, um zu illustrieren, was ich meine:
    Zur Vorbeugung von Erkältungskrankheiten im tiefsten Winter wäre es sicher von Erfolg gekrönt, die Bürger dazu anzuhalten, lange gefütterte Unterhosen anzuziehen.

    Eine Kampagne dazu würde etwas belächelt werden. Wenn jedoch die Polizei beauftragt würde, das auch zu kontrollieren und die Bürger aufgefordert würden, vor aller Augen die Hosen runterzulassen, wäre das nicht nur ein Übergriff, sondern auch unsittlich.

    Gleichwohl: Ein Großteil der Erkältungskrankheiten, die nicht nur den Krankgewordenen, sondern uns allen viel kosten, entsteht durch Kleidung, die nicht warm genug ist. Trotzdem bin ich froh drum, dass das nicht kontrolliert wird. Ebenso wie ich froh bin, nicht in einem Staat der Gesichtserkennung zu leben, um 1 % der Menschen ausfindig zu machen, die Verbrechen begehen.

  2. 2.

    Wenn es hilft, auf die Verbecher aufzupassen, Verbecher zu bestrafen und Verbexchen zu verhindern, sollen sie es tun.

  3. 1.

    Eine "Datenschutzbeauftragte", die sich in der Vergangenheit für die Vorratsdatenspeicherung, Online-Durchsuchungen und ACTA einsetzte, ist natürlich die erste Adresse, an die sich Kritiker von verdachtsunabhängiger und damit verfassungswidriger Massenüberwachung wenden, klar. Diesen feuchten Traum von Sicherheitsfanatikern zu ermöglichen, bedeutet für die Teilnehmenden den Versuch zur Abschaffung von Teilen unserer Verfassung.

    Dass obendrein Algorithmen darüber entscheiden sollen, was verdächtiges Verhalten ist und was nicht, ist ein technologischer Alptraum. Natürlich, Algorithmen sind die Konsequenz eines immer ausgebauteren Überwachungsstaats - das Personal zur Auswertung der Daten reicht schlicht nicht aus, auch seitens Gerichten.

    Und immernur dieselbe Duckmäuser-Haltung: "Ich habe doch nichts zu verbergen." Aber zu bewahren - nämlich Grundrechte und damit unsere Demokratie!

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