Zwei Fahrradpolizisten von hinten (Quelle: Ulli Winkler)
Audio: radio Berlin 88,8 | 11.08.2017 | Knut Müller

Die Fahrradstaffel bleibt - Berliner Polizisten strampeln sich weiter ab

Seit 2014 sind Polizisten mit Helm, Schutzweste und Pistole zwischen Regierungsviertel und Alexanderplatz unterwegs, sie ahndeten mehr als 30.000 Ordnungswidrigkeiten. Was als Versuch begann, soll jetzt Alltag werden. Doch nicht nur Radfahrer werden kontrolliert.

Berlin behält seine Polizisten auf Fahrrädern. Nach dem Ende der dreijährigen Pilotphase werde der Einsatz der Fahrradstaffel fortgesetzt, sagte der Sprecher der Polizeibehörde, Winfried Wenzel, auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur. Damit werden weiterhin 20
Beamte auf Rädern durch die Berliner Innenstadt radeln und vor allem Radfahrer auf Fehler und Verstöße aufmerksam machen. Sie bremsen aber auch Autofahrer aus, die den Radverkehr behindern oder gefährden.

Die Staffel war 2014 als Modellversuch zwischen Alexanderplatz und Regierungsviertel gestartet. Zunächst blieb die Pilotphase bis Mitte 2017 befristet. Untersuchungen der
Unfallforschung der Versicherer hätten ergeben, dass die Polizisten auf Rädern das Unfallgeschehen positiv beeinflussten, heißt es nun zur Begründung der Fortführung.

Mitfinanziert von der Deutschen Versicherungswirtschaft

Bereits Ende Oktober hatten Unfallforscher und Polizei eine positive Zwischenbilanz bei der Drahtesel-Staffel gezogen. Der Modellversuch habe insbesondere zu einem Rückgang von Radler-Unfällen mit Schwerverletzten oder Toten geführt. Gleichzeitig gab es im Vergleichsgebiet ohne Radstaffel, im Norden Neuköllns, eine Zunahme solch schwerer Unfälle um 30 Prozent.

2016 waren in ganz Berlin 17 Radfahrer ums Leben gekommen - das war der höchste Wert der vergangenen Jahre. In diesem Jahr starben bisher drei Radler auf Berlins Straßen.

Der auf drei Jahre angelegte Modellversuch war vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft mitfinanziert worden. Die Anschaffungskosten für Räder, Spezialkleidung und die Unterkünfte kosteten rund 129.000 Euro. 2016 beliefen sich die Betriebskosten - ohne Gehälter - auf rund 34.000 Euro. Auf mehr Stellen vergrößert wird die Staffel aber nicht. Der Allgemeine Deutsche Fahrradclub (ADFC) hatte eine Ausweitung auf mindestens 100 Stellen im gesamten Stadtgebiet gefordert.
 

Mehr als 30.000 Ordnungswidrigkeiten

Bis Ende vergangenen Jahres ahndeten Rad-Polizisten mehr als 30.000 Ordnungswidrigkeiten. Die wurden allerdings zu rund zwei Dritteln von Auto- und Lkw-Fahrern begangen. Sie hatten zumeist falsch geparkt oder waren gefährlich abgebogen. Radler wurden zum Beispiel gestoppt, wenn sie bei Rot oder ohne Bremse gefahren waren.

Rad-Staffeln gibt es auch in anderen Städten, etwa in Hamburg und Köln. Als einzigartig am Berliner Projekt gilt bisher, dass die Polizisten keine weiteren Aufgabenbereiche haben und das ganze Jahr über im Dienst sind.

Das Verkehrsklima in der Hauptstadt ist nach Beobachtungen von Unfallforschern und der Gewaltschutzambulanz in den vergangenen Jahren aggressiver geworden. Das liegt auch an einer gewachsenen Zahl von Radfahrern und einem größeren Verteilungskampf um den
Straßenraum. Der rot-rot-grüne Senat will bis Ende des Jahres mit einem Mobilitätsgesetz gegensteuern.

Mit dem Fahrrad gegen Kampfradler - und andere Rowdys

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8 Kommentare

  1. 8.

    Eine gute Idee, man fühlt such als Radfahrer gegenüber rücksichtslosen Autofahrern sonst oft allein gelassen.

  2. 7.

    Naja, bei der PR geht noch was. Selbst, wenn es nur um die Verkehrsberuhigung im Regierungsviertel geht. Auf Anhieb nur dieses skurrile Video gefunden: https://www.youtube.com/watch?v=GiMuCgs9Xwo
    Zum Vergleich ein Erklärvideo aus der kalifornischen Hauptstadt:
    "SPD Bicycle Basics" https://www.youtube.com/watch?v=ZWQk33DkheE
    Aber bis Berlin eine echte Fahrradpolizei hat dauert es bestimmt noch 30 ... 50 Jahre. Dafür bleiben uns vorerst Einsätze von Fahrrad-Polizeihundertschaften zur Aufstandsbekämpfung erspart, wie zum 1. Mai in Seattle: https://www.youtube.com/watch?v=zKcTF3-Jl64
    Das SPD (Seattle Police Dept.) ist mit der bike patrol seit 1987 der Vorreiter in den USA und sogar im Flughafen im Einsatz. Das wär vielleicht was für die Bundespolizei, wenn der BER irgendwann mal fertig ist ;)
    @rbb Wie werden die Polizist*innen hier für die Fahrradstaffel ausgebildet? Seattle hat das Ziel möglichst alle für den Einsatz auf Fahrrädern zu schulen; noch ist PKW Führerschein Pflicht ;)

  3. 6.

    Von den 16.416 Polizisten in Berlin werden 20 für die Fahrradstaffel eingesetzt, also 0,125% der beschäftigten Polizisten bzw. 1 Fahrradpolizist pro 180.000 Einwohner. Zum Bußgeldaufkommen im ersten Jahr des Fahrradstaffeleinsatzes hatte die Piratenfraktion schriftliche Anfragen gestellt, mit folgendem Ergebnis: "Gesamteinnahmen durch Buß- und Verwarnungsgelder gegen Radfahrer belaufen sich auf 328.269,20 Euro [...] Somit belaufen sich die Einnahmen gegen Kraftfahrer auf eine Gesamtsumme von 32.348,11 Euro."
    https://rad-spannerei.de/2015/07/14/berliner-fahrradstaffel-der-polizei-kassiert-radfahrer-ab/
    Anschaffung und Unterhalt von Fahrrädern und Ausrüstung wären interessant im Vergleich zu Anschaffung und Unterhalt von PKW gerechnet auf den Einsatz von 20 Polizisten. Erfahrungsgemäß sind Fahrräder günstiger, sogar in der Schweiz: https://de.wikipedia.org/wiki/Fahrr%C3%A4der_der_Schweizer_Armee#Fahrrad_12

  4. 5.

    Eine ganz tolle Truppe! Aber dadurch werden bestimmt keine Unfälle vermieden. Nur sie selbst genießen (meistens)den Respekt der Verkehrteinehmer. Ansonsten werde ich vermutlich auch weiterhin von Autofahrern und auch von Profis wie BVG-Bussen, Taxis und LKW weggehupt, geschnitten, bedrängt und beschimpft werden. Gesetze nützen eben nichts, wenn die Mehrheit der Verkehrteilnehmer etwas anderes möchte und immer egoistischer daher kommt. Ich kann meinem Vorredner da nur zustimmen, wenn es um die Begriffe "abSTRAMPELN" und "DrahtESEL" geht.

    An den polizeibekannten Brennpunkten wie z.B. am Großen Stern habe ich diese Staffel noch nie gesehen.

  5. 4.

    Zum Thema "Kampfradler" schrieb der ADFC in seiner Pressemitteilung vom 30.07.2014 https://hamburg.adfc.de/news/die-wahren-unfallursachen-im-radverkehr/ :
    "Hauptursachen bei Unfällen mit Radfahrerbeteiligung sind unachtsames Abbiegen und Missachtung der Vorfahrt durch die Autofahrer. Verkehrsverstöße durch Radfahrer, sind nicht hauptsächlich Schuld für Unfälle mit Beteiligung von Radfahrer, auch wenn das leider häufig in Zeitungen und Polizeiberichten behauptet wird."

  6. 3.

    Erstaunlicherweise scheint sich die Radstaffel auch in anderen dt. Städten vor allem auf Radfahrer zu konzentrieren. Besonders im internationalen Vergleich fällt auf, dass viele Polizeien das Fahrrad als Fahrzeug strategisch und taktisch für die originäre Polizeiarbeit einsetzen. Zum Beispiel um Staus in der Innenstadt einfach zu umfahren, bei großer Verkehrsdichte schneller zu patrollieren; sowie in Fußgängerzonen, Parks und anderen mit PKW oder zu schwer zu patrollierenden Gegenden. In London auch Treppen auf und ab, siehe Bild im Guardian! https://www.theguardian.com/environment/green-living-blog/2010/apr/14/wrong-police-bike-training
    Siehe auch:
    International Police Mountain Bike Association http://www.ipmba.org/
    https://en.wikipedia.org/wiki/Police_bicycle
    @rbb Offenbar wird das Fahrrad nicht nur von der dt. Polizei weiterhin als exotisches Fahrzeug betrachtet, worauf auch ihr Titel "abstrampeln" und der Begriff "Drahtesel" hindeuten.

  7. 2.

    Sehr bedauerlich, dass die Fahrradstaffel nicht auf alle Bezirke mit hohem Radfahraufkommen ausgeweitet wird - nicht mal in der Zuständigkeit - wie in Hamburg! Damit wird die Chance wieder vertagt Radfahren überall sicherer und attraktiver zu machen - sowie die Polizeiarbeit effektiver (mehr Bürgerkontakte :).
    http://akademie-der-polizei.hamburg.de/fahrradstaffel/
    Der Erfolg, die Unfallstatistiken und die polizeiinternen Bewerberzahlen (ursprünglich 60!) sprechen für einen Ausbau der Fahrradstaffel! "Der Modellversuch habe insbesondere zu einem Rückgang von Rad-Unfällen mit Schwerverletzten oder Toten geführt. Gleichzeitig gab es im Vergleichsgebiet ohne Radstaffel eine Zunahme solch schwerer Unfälle um 30 Prozent."
    2014 Zunahme tödlich verunglückter Fahrradfahrer um 11,9 % zum Vorjahr auf 396
    und der Radunfälle auf 78.653; Steigerung um 10 % !
    http://www.polizeipraxis.de/themen/mobilitaet/detailansicht-mobilitaet/artikel/fahrradstaffeln-bei-der-polizei.html

  8. 1.

    Das ist eine tolle Idee der Polizei und sie ist auch preiswert. Immer mehr Radfahrer in Berlin, also bitte auch mehr Polizisten auf dem Rad.

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