Frithjof Zerger, Nicole Drakos, Ivan Stevanovic und Dyria Alloussi von "Die Urbane - Die HipHop Partei" (Quelle: rbb/Anke Fink)
Video: rbb|24 | 14.09.2017 | Anke Fink

Bundestagswahl | "Die Urbane" - Die HipHop-Partei meint es ernst

"Die Urbane. Eine HipHop Partei" wird auf dem Berliner Wahlzettel auf Platz 20 stehen. Wer sein Kreuz bei ihnen macht, bekommt keine MCs oder DJs, sondern Leute, denen HipHop so viel gegeben hat, dass sie daraus ein politisches Programm gestrickt haben. Von Anke Fink

HipHop ist viel mehr als Rap und Platten scratchen, ein Kind von Funk und Soul, entstanden in den 70ern in den USA. Die Protagonisten waren Schwarze und Hispanics, deren Alltag aus Aggression, Gewalt und Kriminalität bestand.

Sie versuchten, den Frust in etwas Positives umzuwandeln, in Graffitti, Musik und Tanzen - ein "kreativer Ausdruck" ihrer Subkultur, sagt Frithjof Zerger, stellvertretender Landesvorstand der HipHop-Partei "Die Urbane" in Berlin. Er tritt im vielbeachteten Wahlkreis Friedrichshain, Kreuzberg, Prenzlauer Berg-Ost an, den zuletzt vier Mal in Folge Hans-Christian Ströbele von den Grünen für sich entscheiden konnte - er wirft einen langen Schatten.

Ohne Migrationshintergrund kein HipHop

Zerger sieht man die Straßenkultur nicht unbedingt an, der promovierte Soziologe arbeitet als Referent im Bundesinnenministerium, im Bereich Migrationsforschung. Er spricht von HipHop als einer "zutiefst politischen Bewegung", die eine ganz neue Musik, einen neuen Tanzstil und Streetart hervorgebracht hat. Heute ist das Mainstream, mit keiner globalen Popkultur wird mehr Geld verdient - in den USA hat kein Solo-Künstler mehr Nummer-Eins-Alben veröffentlicht, als der Rapper Jay-Z. Und die Straßenkunst von Banksy kann man inzwischen im Berliner Adlon besichtigen. 

Die Vordenker und Pioniere des HipHop kamen aus den unterschiedlichsten Familien, viele hatten das, was man heute etwas steif einen Migrationshintergrund nennt. Auf der Straße bekamen sie für ihr Können Akzeptanz und Respekt. An dieser Stelle setzt die HipHop-Partei an. Sie will, dass als Realität anerkannt wird, dass Menschen migrieren - dahin, wo sich ihnen Chancen bieten.

Die Berliner Vorstandsvorsitzende Nicole Drakos sagt, sie ärgere sich darüber, dass Migration, Religion und kulturelle Vielfalt zuletzt auch im TV-Duell zwischen Angela Merkel und Martin Schulz nur als Problem besprochen worden seien. HipHop ist in ihren Augen ein Spiegel der Gesellschaft. Die Bewegung habe ihr und ihren Mitstreitern so viel gegeben, dass sie mit der Gründung der Partei der Gesellschaft etwas zurückgeben wollen. Mit dem Sexismus und dem aggressiven Materialismus im Gangsta-Rap, spätestens seit Ende der 80er, habe das nichts zu tun. Es ist ein anderer HipHop, nicht ihrer.

Überschneidungen mit den Linken nur auf dem Papier

Das Parteiprogramm liest sich klassisch links: Es geht um soziale Gerechtigkeit, die Gleichstellung von Mann und Frau, die Legalisierung von Cannabis und das Wahlrecht für Menschen, die mindestens seit zwei Jahren in Deutschland wohnen. Drakos gibt zu, dass sich einige Forderungen mit denen der "Linken" überschneiden, aber die stünden nur auf dem Papier. "Wenn ich Sahra Wagenknecht im Bundestag von einem verwirkten Gastrecht reden höre, von geflüchteten Menschen, dann vertritt mich das nicht." Asyl sei für sie "ein Recht, das nicht davon abhängig ist, ob ein netter Mensch komme oder ein nicht so netter".

HipHop-Tänzer und Choreograf Raphael Hillebrand hat die Idee zu "Die Urbane" gehabt (Quelle: dpa/Jens Kalaene)
Raphael Hillebrand hat bei Facebook den Aufruf für "Die Urbane" gestartet

Ein Mensch, eine Stimme – egal welchen Pass du hast

In dem Werbespot auf der Partei-Homepage bittet "Die Urbane" nicht nur um Stimmen, sondern bietet auch denen, die nicht wählen dürfen, die Mitgliedschaft an. "Denn bei uns gilt: Ein Mensch, eine Stimme – egal welchen Pass du hast", heißt es darin.

Raphael Hillebrand hat die deutsche Staatsangehörigkeit. In Hongkong geboren und in Berlin aufgewachsen, verkörpert der Tänzer und Choreograph gewissermaßen die DNA der Partei. Er war es, der Anfang des Jahres bei Facebook einen Aufruf postete: "Wir haben alle das Recht und die Pflicht uns an unserer Demokratie zu beteiligen". Am 1. Mai wurde "Die Urbane" gegründet - bisher hat sie 221 Mitglieder (Stand: Ende August).

Ivan Stevanovic Tanzleher und Berlin Chef von "Die Urbane" (Quelle: rbb/Anke Fink)
Ivan Stevanovic lehrt seit 17 Jahren Breakdance und HipHop

Breaken ist Sozialarbeit

Angesprochen von der Idee einer HipHop-Partei fühlte sich Ivan Stevanovic, Breakdance-Lehrer in Berlin. Er unterrichtet in Neukölln, Wedding, Kreuzberg - Gegenden, die nicht zu den einkommensstarken zählen. "Ich mache seit 17 Jahren politische und pädagogische Sozialarbeit. Ich führe Kids in die Gesellschaft ein", beschreibt er sein Tun. Fast alle seine Schüler haben Wurzeln in anderen Ländern. Er bringt ihnen bei, dass der öffentliche Raum auch ihnen gehört und tanzt mit ihnen auf der Straße. Wenn seine Schüler die Energie, die sie beim Erlernen vom Breakdance entwickelten, in Mathematik umleiteten, könnten sie auch einen mittleren Schulabschluss erreichen, sagt Stevanovic.

Soviel Zuspruch "Die Urbanen" auch für ihre neue Partei bekamen - die Gründer mussten etliche Widerstände überwinden, um bei der Bundestagswahl zugelassen zu werden. 2.000 Unterschriften brauchten sie allein in Berlin. Die 40- bis 50-Jährigen hätten sofort unterschrieben, weil sie etwas mit der Idee des Ursprungs-HipHop anfangen könnten, erzählt Ivan Stevanovic. Bei der Jüngeren sei mehr Überzeugungsarbeit nötig gewesen.

Aber nun ist es geschafft: "Die Urbane" steht jetzt auf Platz 20 auf dem Wahlzettel zur Bundestagswahl zwischen "Die Grauen" und "Menschliche Welt". Dass sie am 24. September über die Fünf-Prozent-Hürde klettern ist vorsichtig formuliert eher unwahrscheinlich. Aber weitermachen wollen sie in jedem Fall, sagen die Kandidaten.

Diese 24 Parteien treten in Berlin an

  • Christlich Demokratische Union Deutschlands (CDU)

  • Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD)

  • Die Linke

  • Bündnis 90/Die Grünen (Grüne)

  • Alternative für Deutschland (AfD)

  • Piratenpartei

  • Freie Demokratische Partei (FDP)

  • Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative (Die PARTEI)

  • Freie Wähler

  • Ökologisch-Demokratische Partei (ödp)

  • Bürgerrechtsbewegung Solidarität (BüSo)

  • Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands (MLPD)

  • Sozialistische Gleichheitspartei, Vierte Internationale (SGP)

  • Bergpartei, die Überpartei - ökoanarchistisch-realdadaistisches Sammelbecken (B*)

  • Bündnis Grundeinkommen - Die Grundeinkommenspartei

  • Demokratie in Bewegung

  • Deutsche Kommunistische Partei (DKP)

  • Deutsche Mitte - Politik geht anders... (DM)

  • Die Grauen - Für alle Generationen (Die Grauen)

  • Die Urbane. Eine HipHop Partei (du.)

  • Menschliche Welt – für das Wohl und Glücklich-Sein aller (Menschliche Welt)

  • Partei für Gesundheitsforschung (Gesundheitsforschung)

  • Partei Mensch Umwelt Tierschutz (Tierschutzpartei)

  • V-Partei³ - Partei für Veränderung, Vegetarier und Veganer (V-Partei³)

Beitrag von Anke Fink

Kommentar

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6 Kommentare

  1. 6.

    Pustekuchen, wer hier versucht zu spalten, sind wohl andere, Sie wahrscheinlich auch. Dieser Sumpf Berlin muss endlich trocken gelegt werden.

  2. 5.

    Dass diese kleine Partei mit den wenigen Stimmen, die sie bekommen wird, das Land kaputt macht, halte ich für vollkommen lächerlich. Ich bin mir sicher, dass auch die im Beitrag gezeigten Menschen ihren Anteil für das Land geleistet haben. Angst müssen Sie vor der AfD haben, die bewusst die Gesellschaft mit ihren rechtspopulistischen Thesen spaltet.

  3. 4.

    Ah, danke!! Auf sowas muß man erstmal kommen.
    Besitze kein Smartphone, kein Facebook oder Twitter.

  4. 3.

    Hallo. Das machen wir, weil wir erfahren haben, dass viele User ohne Ton gucken. Und das auch bei Facebook und Twitter so ausspielen können. Gruß!

  5. 2.

    Wozu sind diese Videos eigentlich immer untertitelt? Das gesprochene Wort ist nicht sehr anspruchsvoll und nicht schwer zu verstehen bzw. nachzuvollziehen.

  6. 1.

    Da wähle ich eher die Grauen. Denn die haben nähmlich durch ihren Fleiß das Land erst zu dem gemacht was es ist. Nur keiner Dankt es ihnen! Ihr macht es kaputt!!!

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