Der BundestagsabgeordneteThomas Nord (Linke) kandidiert erneut in seinem Wahlkreis 63, Frankfurt (Oder) und Umgebung. (Quelle: dpa/Nestor Bachmann)
Video: Brandenburg aktuell | 13.09.2017 | Michael Schon

Direktkandidaten in Frankfurt (Oder) - Grenzkriminalität, erhöhter Adrenalinpegel und Rückkehrwunsch

Martin Patzelt (CDU) hat vor vier Jahren überraschend das Direktmandat für Frankfurt (Oder) und Umgebung gewonnen – und möchte es behalten. Prominenter Konkurrent im Wahlkreis 63 ist AfD-Spitzenkandidat Alexander Gauland. Einer aber könnte der lachende Dritte sein. Von Michael Schon

Es ist kein Zufall, dass die AfD ihre prominentes Zugpferd Alexander Gauland ausgerechnet in Frankfurt (Oder) und Umgebung als Direktkandidaten aufgestellt hat. Grenzkriminalität ist seit Jahren Thema im Wahlkreis. Die Gegend gilt als Hochburg der AfD. Hier hat sie bei vergangenen Wahlen Spitzenwerte eingefahren. Und hier hofft sie dank Gaulands Promi-Bonus auf einen Coup: ein Direktmandat für die AfD.

Dass der 76-jährige Potsdamer die speziellen Probleme und Herausforderungen von Frankfurt (Oder), Eisenhüttenstadt oder Storkow nicht kennt und obendrein auch kaum zum Wahlkampf in der Gegend erscheint, ist vermutlich weder für potenzielle AfD-Wähler noch für den Kandidaten selbst ein Problem. Gauland macht auch keinen Hehl daraus, dass er im Moment kein besonders offenes Ohr hat für die lokalen Probleme im Kreis: "Ich kandidiere ja nicht für den Stadtrat von Frankfurt (Oder) und nicht mal für Frankfurt (Oder) im Landtag. Im Bundestag geht es natürlich um ganz andere Dinge."

Gauland: Grenze zu Polen besser schützen

Welche Dinge das für die AfD und ihre Anhänger sind, liegt auf der Hand. Die Frankfurter Stadtverwaltung hat der AfD für einen der wenigen Wahlkampfauftritte Gaulands wohl nicht ohne Grund das Bolfrashaus zugewiesen. Der Renaissance-Bau ist vor einigen Jahren mit Mitteln der Europäischen Union wieder aufgebaut worden. Draußen hängt ein Transparent mit der Aufschrift: "Dieses Haus steht für eine Stadt ohne Grenzen."

Drinnen bekommt Gauland von seinen etwa 100 Zuhörern Zustimmung für die Feststellung, die Deutschen wollten "nicht der Fußabtreter der Welt sein". Daher, so Gauland, müsse Deutschland das Gemeinwesen von innen und außen besser schützen – natürlich gegen Menschen, die "Frau Merkel irgendwie durch Selfies oder durch andere Dinge hier reinholt". Auch die wenige hundert Meter entfernte Grenze zu Polen müsse sehr viel stärker kontrolliert werden als heute.

CDU-Mann Patzelt: gestiegener Adrenalinpegel

CDU-Mann Martin Patzelt ist so etwas wie der Gegenentwurf zum nationalen Rechtsaußen Gauland. Schon 2014 – also vor dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise – hat er zwei junge Männer aus Eritrea bei sich zu Hause aufgenommen. Und das Beispiel zum Nachahmen empfohlen. "Wenn man miteinander kommuniziert, wenn man sich ins Gesicht schaut, merkt man, das ist ein Mensch, der hat die gleichen Bedürfnisse wie ich", sagt Patzelt. Sein Heimatort Briesen im Landkreis Oder-Spree lebe mittlerweile gut mit Fremden. Man achte sich gegenseitig.

Patzelt, den viele in Brandenburg noch als ehemaligen Oberbürgermeister von Frankfurt (Oder) kennen, war einer der Überraschungssieger bei der Bundestagswahl vor vier Jahren. Diesmal tritt der 70-Jährige ohne Platz auf der Landesliste der CDU an. Die Kandidatur Gaulands habe seinen Adrenalinspiegel steigen lassen. Er wolle den Wählern klar machen, dass man weder privat noch in der Politik in die Vergangenheit zurück könne – sondern sich arrangieren müsse.

Für die Flüchtlingspolitik bedeute das, gut mit denen zu leben, die gekommen seien. "Mit denen schlecht leben, das wäre auch schlecht für mich", sagt Patzelt. Allerdings müsse nun alles getan werden, um die Zahl der Flüchtlinge zu senken: "Die Menschen müssen sehen, dass wir es nicht auf eine Situation hinauslaufen lassen, die dann nicht mehr beherrschbar ist."

Thomas Nord von den Linken will zurück

Auch Thomas Nord von der Linkspartei ist bereits Bundestagsabgeordneter. Sein Direktmandat aber musste er vor vier Jahren an Martin Patzelt abgeben. Sollten viele CDU-Wähler zur AfD wechseln, Spitzenkandidat Gauland aber keine Mehrheit bekommen, könnte Nord den direkten Einzug in den Bundestag diesmal wieder schaffen. Auch wenn die Linke in Brandenburg ihre Rolle als Protestpartei zunehmend einbüßt, seitdem sie Teil der Landesregierung ist.

Nord führt die Erfolge der AfD auf Spätfolgen der Wiedervereinigung zurück. Viele hätten das Gefühl, als Ostdeutsche in der Bundesrepublik nicht anerkannt zu sein. Manche hätten das Gefühl, keine Chancen mehr zu haben. "Die machen nur aus meiner Sicht den Fehler, dass sie für ihre Situation noch Schwächere in der Gesellschaft verantwortlich machen."

Insgesamt 13 Kandidaten

Die Chancen, frustrierte Wähler wieder für eine Partei links der AfD zu gewinnen, hält Nord zumindest teilweise für ernüchternd gering. "Viele Wählerinnen und Wähler sind einfach auch rassistisch", sagt er. In diesen Fällen sei er als Politiker jedoch "nicht der Seelsorger für alle, die hier leben."

Insgesamt treten 13 Kandidaten im Wahlkreis 63 an. Dass es keine echte Auswahl gibt – diesen Eindruck dürften diesmal die wenigsten Wähler in Frankfurt (Oder) und Umgebung haben.

Beitrag von Michael Schon

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