Symboldbild: Niederländische Firma und ihr medizinisches Cannabis. (Quelle: ANP/Lex van Lieshout)
Video: Abendschau | 12.08.2017 | Raphael Jung | Bild: ANP/Lex van Lieshout

Problem für Schmerzpatienten - Cannabis-Patienten klagen über fehlenden Nachschub

Seit März ist Cannabis als Medizin erlaubt. Es hilft bei einer Reihe von Krankheiten, vor allem auch bei Schmerzen. Doch erst ab 2019 darf Medizinalcannabis auch in Deutschland hergestellt werden. Bis dahin muss es importiert werden - und die Vorräte werden knapp. Von Raphael Jung

Unbeschwert durch den Alltag zu kommen, ist für Sebastian Weiß nicht selbstverständlich. Er leidet an ADHS, einer Aufmerksamkeits-Hyperaktivitäts-Störung. Um seine Hyperaktivität zu mindern, nimmt er Cannabis als Medizin. 

Sebastian Weiß hat ADHS und braucht Cannabis (Quelle: rbb)
Sebastian Weiß hat ADHS. Cannabis hilft ihm.

Er hat ein Problem: "Im Moment gibt es nicht alle Sorten. Oder besser gesagt gar keine verfügbaren Sorten", sagt Sebastian Weiß. Das betreffe alle Patienten: "Schmerzpatienten, Krebspatienten, Palliativpatienten. Da ist dann einfach nichts verfügbar", so der Cannabispatient weiter.

Um das Cannabis nicht rauchen zu müssen, stellt Sebastian Weiß aus den Blüten eine ölige Lösung her. Alle paar Stunden nimmt er mittels Pipette ein paar Tropfen zu sich. Es hilft ihm. Die Sorte Gras, die er benutzt ist ebenfalls nicht lieferbar. Sie beinhaltet ätherische Öle, die angstlösend und entspannend bei ihm wirken: "Das hat für mich Vorteile und das fehlt mir jetzt."

Apotheker Bernd Wasmuth hat kein Cannabis mehr. (Quelle: rbb)
Dem Apotheker am Roten Rathaus geht das Gras aus.

Jetzt schon beim Gesamtbedarf von 2016

Deshalb will er sich in der Apotheke erkundigen, wann seine Sorte wieder lieferbar sein wird. 16 Cannabis-Sorten sind für den deutschen Markt zugelassen, die wenigsten sind derzeit zu bekommen. Apotheker Bernd Wasmuth erreichen mittlerweile Anfragen aus dem ganzen Bundesgebiet: "Der Bedarf ist einfach gestiegen. Dass, was wir in den letzten drei Monaten an Patienten abgegeben haben, entspricht fast dem ganzen Bedarf in 2016." Er vermutet: "Das ist deutschlandweit so, dass einfach mehr Cannabis verordnet wird und die Lieferanten beziehungsweise die Hersteller einfach nicht mit der Produktion hinterherkommen." Hintergrund ist die im März verabschiedete Reform des Betäubungsmittelgesetzes (BtMG), das unter bestimmten Umständen im Einzelfall den Cannabis-Konsum auf Rezept erlaubt.

Patrick Hoffmanns Firma Pedanios beliefert 1.300 Apotheken mit Cannabis. (Quelle: rbb)

Berliner Unternehmen beliefert 1.300 Apotheken

Erst ab 2019 soll Medizinalcannabis in Deutschland angebaut werden. Bis dahin muss es aus den Niederlanden - wo die Produktionskapazitäten begrenzt sind - und aus Kanada importiert werden. Einer der großen Importeure ist der Berliner Arzneimittelgroßhändler Pedanios. Das von Patrick Hoffmann gegründete Unternehmen hat sich ausschließlich auf Cannabinoid-Arzneimittel spezialisiert.

Die Telefone stehen hier seit Wochen nicht mehr still. Rund 1.300 Apotheken in Deutschland beliefert Pedanios inzwischen mit Medizinalcannabis - Tendenz steigend: "Wir haben bislang jede Menge Modelle durchgerechnet und wurden jedes Mal in der Realität dann doch überrascht davon, dass die Nachfrage auch unsere kühnsten Kalkulationen übertroffen hat", so der Geschäftsführer.

Zusätzliche Quelle aus Kanada soll Knappheit beenden

Gerade ist eine Lieferung aus Holland angekommen. Nun wird sie von Berlin aus an Apotheken in ganz Deutschland verschickt. Geht es nach Pedanios und Geschäftsführer Patrick Hoffmann, dann ist die derzeitige Versorgungskrise auf dem deutschen Markt - bald schon Geschichte. Er hat eine weitere Quelle in Kanada erschlossen, die ihm Medizinalcannabis liefern darf: "Wir erwarten die Ware innerhalb vom Wochenfrist hier, dann machen wir noch Freigabetests, so dass wir ab Anfang September wirklich den gesamten Bedarf, der in der Bundesrepublik Deutschland an Medizinalcannabisblüten herrscht, bedienen können."

Einige Wochen muss sich Sebastian Weiß noch gedulden. Dann soll seine Sorte Medizinalcannabis wieder in der Apotheke lieferbar sein, damit er seinen Alltag mit ADHS gut bestreiten kann.

Sendung: Abendschau, 12.08.2017, 19:30 Uhr

Beitrag von Raphael Jung

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3 Kommentare

  1. 3.

    Vielen Dank f.Ihre Berichtigung u.es ist richtig das es Patienten gibt d.ein extraiertes Cannabis benötigen.Meine vorherigen Ausführungen bezogen sich aber nicht auf die v.Ihnen genannten ADHS Patienten u.a.wie Schmerzpatienten,sondern um Personen im Alter u.an Demenz erkrankte.Insbesonders die welche i.Pflegeeinrichtungen ruhiggestellt werden mit Psychopharmaka u.somit ein sehr eintöniges Leben fristen müssen.

  2. 2.

    Wenn man keine Ahnung hat...
    Bei Therapie von ADHS durch Cannabis geht es um den Wirkstoff CBD. Dieser ist nicht Psychoaktiv.

    Warum informiert sich heutzutage niemand mehr, bevor er/sie seinen Senf dazu abgibt.
    Man kann auch ganz sachlich über solche Dinge diskutieren ohne das dabei das Bauchgefühl und "Befürchtungen" überhand nehmen müssen.

  3. 1.

    Zitat:
    "Unbeschwert durch den Alltag zu kommen, ist für Sebastian Weiß nicht selbstverständlich. Er leidet an ADHS, einer Aufmerksamkeits-Hyperaktivitäts-Störung. Um seine Hyperaktivität zu mindern, nimmt er Cannabis als Medizin."

    Das bestätigt leider meine Befürchtung, dass es bei der Legalisierung von Cannabis vor allem um die Ausweitung des Drogen-/Psychopharmaka-Marktes geht.

    ADHS nannte man früher Zappelphillip. Das behandelt man mit sportlicher Aktivität.
    Ansonsten sollte man sich mal den Stoffwechsel in der Nebenniere anschauen, an dem Stresshormone in erheblichen Maße beteiligt sind. Ebenso muss man nach Nährstoffmangel schauen.

    Solche Dinge mit Psychopharmaka zu behandeln, ist bar jeglicher wissenschaftlicher Seriösität.

    Staatliche Aufsicht und Kontrolle der Medzin?

    Die hat hier wieder einmal auf ganzer Linie versagt, falls es sie überhaupt geben sollte, wo doch in den Gesundheitsbehörden Medizin- und Pharma-Lobbyisten das Sagen haben.

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