Das Vorstandsmitglied der Vereinigung Cockpit, Markus Wahl, telefoniert am Flughafen in Frankfurt am Main (Hessen) (Quelle: Fredrik von Erichsen / dpa)

Interview | Pilotengewerkschaft Cockpit - "Wir sprechen von 20 bis 40 Prozent weniger Gehalt"

Im Poker um den Verkauf der insolventen Fluggesellschaft Air Berlin fürchten jetzt vor allem die relativ gut bezahlten Piloten um ihre Jobs. Viele von ihnen meldeten sich am Dienstag krank. Piloten-Gewerkschafter Markus Wahl erläutert im rbb|24-Interview die Gründe dafür.  

Am Dienstag haben sich 200 Air Berlin-Piloten krank gemeldet, am Mittwoch waren es rund 150 Piloten. Worum geht es den Piloten bei diesem "wilden Streik"?

Die Kollegen von Air Berlin erleben die Situation wie folgt: Jeden Tag gibt es neue Gerüchte, wie es mit dem eigenen Arbeitsplatz weitergeht und wie die eigene Zukunft aussieht. Mit diesen Ängsten sind die Air Berlin-Piloten natürlich zu ihrem Arbeitgeber gegangen – doch die Geschäftsführung hat es bislang abgelehnt, darüber zu verhandeln, wie es für die Piloten weitergeht. Die Kollegen haben das Gefühl: Die Interessen der Investoren sind dem Management viel wichtiger. Das sorgt natürlich für noch mehr Angst. Die erhöhte Krankheitsquote, der "Sick Out" ist offenbar ein Ventil für diese Ängste.

Air Berlin hat angekündigt, viele Langstrecken-Verbindungen zum Ende des Monats einzustellen. Müssen die Langstrecken-Piloten nun fürchten, vor einer Übernahme durch eine andere Fluggesellschaft gekündigt zu werden?

Die Piloten, die auf den Langstrecken fliegen, sind schon relativ lange beim Unternehmen und stehen dadurch auf den Gehaltstabellen relativ weit oben. Es sind also die "teuren" Piloten. Wenn Air Berlin diese Langstrecken einstellt, drängt sich tatsächlich der Verdacht auf, dass Air Berlin den teuren Teil des Personalkörpers auf die Straße setzen möchte. Das hat so ein bisschen was von: Wir hübschen die Braut für die Hochzeit auf.

Am Montag soll das Air Berlin-Management dann die Gespräche über eine sogenannte Sozialauswahl abgebrochen haben. War das der Auslöser für den „Sick Out“ – und was bedeutet Sozialauswahl in diesem Zusammenhang?

Tatsächlich war das der Punkt, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Bevor wir mit neuen potenziellen Arbeitgebern wie der Lufthansa oder Easyjet verhandeln können, wollen wir uns mit Air Berlin auf einen Sozialplan einigen. Der würde festlegen, in welcher Reihenfolge Piloten von Air Berlin bei einer Übernahme durch einen neuen Arbeitgeber berücksichtigt werden müssen. Da fließt zum einen natürlich die Dauer der Betriebszugehörigkeit mit rein, aber auch soziale Faktoren: Kollegen, die zwei Kinder haben, Kollegen, die gerade langzeiterkrankt sind. Erst im zweiten Schritt ist mit den aufnehmenden Betrieben zu verhandeln, zu welchen Konditionen die Piloten übernommen werden.

Aber ist der „Sick Out“ als Druckmittel bei einer insolventen Fluggesellschaft nicht eine sehr riskante Strategie? Das Air Berlin-Management hat vorgerechnet, dass der "wilde Streik" allein am Dienstag über fünf Millionen Euro kostete – und damit gedroht, die Sanierungsbemühungen einzustellen. Pokern die Piloten da nicht zu hoch?

Die Kollegen handeln sicher nicht nach dem Motto "Augen zu und durch", sondern sie sind sich natürlich auch der Lage bewusst. Wenn es nun zu so vielen Krankmeldungen kommt, zeigt das umso mehr, wie verzweifelt die Kollegen sind. Sie haben insofern jedoch Erfolg gehabt, dass das Management von Air Berlin den Kollegen inzwischen zugestanden hat, in der kommenden Woche Verhandlungen über einen Sozialplan aufzunehmen.

Kommen wir zum Kern der Befürchtungen der Piloten: Auf wieviel Gehalt müssten sie denn verzichten, wenn sie zu Eurowings wechseln und zu den dort geltenden Konditionen weiterfliegen müssten?

Je nachdem, wie lange die Kollegen im Unternehmen sind und bei welcher Gehaltsstufe sie bei Eurowings einsortiert werden, sprechen wir allein beim Gehalt von 20 bis 40 Prozent weniger. Auch die Zulagen fallen bei Eurowings geringer aus als bei Air Berlin.

Ich kann mir vorstellen, dass manche Air Berlin-Piloten bis zu 200.000 Euro im Jahr verdienen

Bei Eurowings bekommt ein Flugkapitän mit sechs Jahren Berufserfahrung über 100.000 Euro im Jahr - plus Zulagen. Warum ist das ihres Erachtens nach zu wenig?

Naja, es kommt immer darauf an, von welchem Level man kommt und ob die Einstellung denn auch wirklich zu diesen Konditionen stattfindet. Denn es ist nicht selbstverständlich, dass der Kapitän mit sechs Jahren Berufserfahrung genau zu diesen Konditionen eingestellt wird. Eurowings könnte sich ja auch auf den Standpunkt stellen und sagen: Du bekommst nur das Einstiegsgehalt, obwohl du schon seit 20 Jahren Kapitän bist. Das ist genau Gegenstand der Verhandlungen, die wir gerne mit Eurowings oder Lufthansa führen wollen.

Manche Air Berlin-Kapitäne sollen inklusive Zulagen derzeit bis zu 200.000 Euro im Jahr verdienen. Das klingt nach ziemlich viel…

Genaue Zahlen kenne ich bei Air Berlin tatsächlich nicht. Das Tarifgefüge bei Air Berlin ist relativ weit gespreizt, weil das Unternehmen viele Airlines wie die Deutsche BA und die LTU übernommen hat (Anmerkung der Redaktion: Piloten von Airlines, die Air Berlin übernommen hat, erhalten bei Air Berlin das gleiche Gehalt wie bei ihrem vorherigen Arbeitgeber) Bei den Piloten, die von der LTU kamen, kann ich mir vorstellen, dass sie soviel verdienen, ohne es definitiv bestätigen zu können.

Ohne Einschnitte bei diesen hohen Gehältern wird eine Übernahme durch andere Fluggesellschaften laut Branchenkennern nicht klappen. Wie könnte ein Kompromiss aussehen?

Das kann ich jetzt noch nicht sagen - ob wir bei 70, 80 oder 90 Prozent der jetzigen Gehälter landen. Wir sind ja wegen der bisherigen Blockadehaltung von Air Berlin noch gar nicht soweit, solche Verhandlungen führen zu können. Entscheidend ist aus unserer Sicht, dass diese Arbeitsplätze erhalten bleiben, und das sie vernünftig tarifiert bleiben, dass hier also keine Einzelverträge abgeschlossen werden, sondern dass man sich hier mit den Gewerkschaften zusammensetzt und Lösungen findet.

Das Interview führt rbb|24-Redakteur Robin Avram

Beitrag von Robin Avram

Kommentar

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8 Kommentare

  1. 8.

    Ja, deshalb müssen die unteren Einkommensgruppen der Beamten auch teilweise Aufstockung in Anspruch nehmen, um die Familie durchzukriegen. Nicht jeder Beamte ist Spitzenverdiener!

  2. 7.

    Auf welcher Plattform sprechen die Piloten eigentlich ihren sick-out ab?
    Haben die eine whatsapp-Gruppe oder operieren sie im darknet?

  3. 6.

    @isso
    .Ich gönne jeden alles. Aber in einem Unternehmen muss es eine klare Gehaltslinie geben und derartige gehaltsunterschiede sind nicht tragbar.

    Ich kann doch als angestellter von einer insolventen butze, nicht in das auffangende unternehmen wechseln und deutlichmehr verdienen als die bestandmitarbeiter dort.

    Das macht LH/ Eurowings schon richtig.

    Und ganz erlich: Airberlin ist so kaputt, bis in die letzte Verwaltungsebene beschissen strukturiert, da hilft nur zerschlagen.. einfach Licht aus/Deckel drauf.

  4. 5.

    Ach Erich dann kann ich nur sagen Augen auf und sich erkundigen ehe man etwas kommentiert

  5. 4.

    Da ich selbt bei der kriesenairline arbeite, weiß ich, dass es sich bei den "kranken" Herren zum großen Teil um "alte" LTU'ler handelt und die verdienen wie Piloten der Lufthansa. Die nicht übernommen Piloten bei AB, sondern jene die schon vor der Übernahme LTU bei Airberlin gearbeitet haben oder später dazu kamen, verdienen ähnlich wie die Kollegen bei Eurowings. Der Verzicht hier ist nicht hoch und die machen auch keinen Stress .
    Ich ärgere mich schon immer darüber, dass die Gehälter nicht angepasst wurden. Gut, nun sind die Düsseldorfer ja weg, aber die Differenz von Verwaltungsangestellten DUS zu Berlin lag bei ca 30%!!!! Selbe Ausbildung /selber Job!
    Die Helden der Lüfte jammern auf ganz hohen Niveau und da von Airberlin nur die assets veräußert werden, werden die Herren die Wahl haben, zu unterschreiben oder zu gehen. Ich finde es richtig, dass Eurowings nicht die selben Fehler macht, wie AB einst mit dem LTU-personal.

  6. 3.

    Die Kommentare..Der Deutsche gönnt sich gegenseitig wirklich nicht den Dreck unter den Fingernägeln,daher kann man ihn auch so gut gegeneinander ausspielen.

  7. 1.

    Warum soll es den Piloten besser gehen als den Berliner Beamten, da war "von heute auf morgen" Weihnachtsgeld, Urlaubsgeld gekürzt bzw komplett weg und das Grundgehalt "eingefroren" und das ganze sollte nur 10 Jahre sein, was aber mittlerweile keiner mehr wissen will. Mittlerweile sind es fast 20% weniger. Also willkommen im Club

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