CO2-Versuchsspeicheranlage aus der Vattenfallanlage Schwarze Pumpe in Ketzin bei Potsdam (Quelle: imago / Jürgen Heinrich)
Video: Brandenburg aktuell | 13.09.2017 | Alexander Golikowski

CO2-Pilotprojekt in Ketzin beendet - Wie Bürgerproteste eine ganze Technologie zu Fall brachten

Beim bislang wichtigsten Forschungsprojekt zur unterirdischen Speicherung von Kohlendioxid in Ketzin werden die letzten Bohrlöcher verschlossen. Es hat Brandenburg technologischen Vorsprung gebracht - profitieren werden wohl andere. Von Alexander Goligowski

Es könnte ein Stück Geschichte sein, das an diesem Mittwoch seinen Abschluss findet, wenn am Pilotstandort Ketzin die letzten Bohrlöcher verfüllt werden. Begleitet von einer Fachtagung endet das wichtigste Forschungsprojekt zur unterirdischen Speicherung von Kohlenstoffdioxid (CO2) und es schließt sich das letzte Kapitel von CCS (Carbon Capture and Storage) in Deutschland. Ist CCS damit tot?

"Weltweit ist CCS sicherlich nicht tot", wie Axel Liebscher, der Leiter der Sektion Geologische Speicherung im Potsdamer Geoforschungszentrum (GFZ), versichert. Er berichtet von mehreren Speichervorhaben in Australien, Nordamerika, China aber auch in Norwegen. "Auch in Deutschland ist CCS in meinen Augen nicht tot, allenfalls in einer Art Koma", sagt Liebscher. "Wir laufen momentan Gefahr, unsere nationalen Treibhausgasziele klar zu verfehlen." Spätestens in fünf bis zehn Jahren, schätzt der Wissenschaftler, könne die Speicherung von CO2 auch in Deutschland wieder interessant werden.

Protest gegen geplante unterirdische CO2-Speicherung am 27.2.2011 in Beeskow (Quelle: imago / Christian Ditsch)
Protest gegen CO²-Speicherung in Beeskow

Erfolgreiche Proteste der Bevölkerung

Für das "CCS-Koma" in Deutschland sind nicht zuletzt die Brandenburger Proteste zwischen 2010 und 2013 verantwortlich. Geplant war, das anfallende Kohlendioxid aus der Lausitzer Braunkohleverstromung klimaneutral dorthin zurückzubringen, wo es herkam – unter die Erde. Noch bevor überhaupt verlässliche Forschungsergebnisse vorlagen, ging die Angst in der Bevölkerung um: Angst vor vergiftetem Grundwasser durch hochkonzentriertes aufsteigendes Salzwasser, durch das Treibhausgas Methan oder Schwermetalle.

Die Proteste hatten Erfolg. Zuerst rückte die Politik von dem Vorhaben ab, dann auch die Wirtschaft. 2014 beendete der schwedische Energiekonzern Vattenfall ein erfolgreiches Pilotprojekt in Schwarze Pumpe, zur Abscheidung von CO2 aus Kraftwerksabgasen. Seitdem ist CCS in Deutschland quasi ein Tabu-Thema, nur nicht in der Wissenschaft.

In Ketzin wurde weiter geforscht und CO2 gespeichert, ohne Proteste und mit Zustimmung der Anwohner. "National belegt die Ketziner Forschung, dass bei entsprechender wissenschaftlicher Begleitung und zielgerichteter offener Öffentlichkeitsarbeit auch solche Bergbauprojekte durchgeführt werden können", sagt der Geoforscher Liebscher und übt damit indirekt Kritik am öffentlichen Umgang mit dem Thema.

Weltweites Interesse

Nach Ketzin im Havelland sind an diesem Mittwoch über 90 Wissenschaftler aus ganz Deutschland und der Welt gekommen. Sie wollen die Forschungsergebnisse diskutieren und von den Brandenburgern lernen. Brandenburg hat mit der Expertise des GFZ in Sachen geologische Speicherung einen technologischen Vorsprung. Kein vergleichbares Projekt hat mehr Daten geliefert über Erkundung, Errichtung, den Betrieb und nun die Stilllegung eines Speichers.

Zwischen dem Start 2004 und heute wurden insgesamt 67.000 Tonnen CO2 in eine Tiefe von knapp 650 Metern gepumpt. Poröse Gesteinsschichten, sogenannte Aquifere, können es wie ein Schwamm aufnehmen. Das flüssige Gas stammt zum Teil aus dem Kraftwerk Schwarze Pumpe. Es soll dauerhaft im Untergrund von Ketzin lagern. Erfolgreich getestet wurde aber auch, wie das Gas aus der Tiefe wieder zurückgeholt werden kann.

Das könnte dann nützlich werden, wenn es um neue Energiespeicher geht. Das Geoforschungszentrum Potsdam hat ein Patent auf die sogenannte "Power-to-Gas-to-Power"-Technologie. Dabei wird mittels Strom aus Wind und Sonne per Elektrolyse Wasserstoff aus Wasser gewonnen. Dieser reagiert mit gespeichertem Kohlenstoffdioxid zu energiereichem Methan. Und das könne wiederum in vorhandenen Erdgasspeichern gelagert werden; eine Reserve für Tage ohne Sonne und ohne Wind.

Andere Länder profitieren

Das Kohlenstoffdioxid unterhalb Ketzins wird von den Wissenschaftlern auch in Zukunft weiter beobachtet. "Im Laufe der Zeit wird sich CO2 in dem ebenfalls im Gestein vorhandenen Salzwasser lösen. Anschließend bilden sich neue Karbonatmineralien", beschreibt Axel Liebscher, was im Untergrund in den nächsten Jahren passiert. Die Erforschung von CCS ist damit in Brandenburg aber beendet.

Jetzt profitieren andere Länder von dem Brandenburger Know-how. Aktuell soll in einem Reservoir vor der norwegischen Küste CO2 aus Industrie-Emissionen gespeichert werden. Die Norweger sind an diesem Tag auch in Ketzin und werden sich die Ergebnisse aufmerksam anschauen.

Plan in der Schublade

Ein Umdenken bezüglich CCS ist in Deutschland noch nicht zu erkennen, obwohl es potenzielle Lagermöglichkeiten gäbe. Die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe schätzt, dass in Deutschland etwa zwölf Gigatonnen – also zwölf Milliarden Tonnen – CO2 gespeichert werden könnten. Das entspricht den Industrieemissionen von etwa 30 Jahren – bei jährlichen 400 Millionen Tonnen.

Deshalb wird das Geoforschungszentrum Potsdam am CO2 dranbleiben, beispielsweise mit Projekten in anderen Ländern. Und es hat einen Plan für den Fall, dass CCS in Deutschland doch noch einmal aktuell wird. Für Axel Liebscher aber ist das Thema vorerst abgeschlossen. Sein neuer Forschungsschwerpunkt wird die Speicherung von Wasserstoff sein  - und die nukleare Endlagerung.

Beitrag von Alexander Goligowski

Kommentar

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5 Kommentare

  1. 5.

    Wie alle Kohlenwasserstoffe verbrennt Methan unter Freisetzung von Kohlendioxid und Wasser. Es hat gegenüber Kohlendioxid die 40fache Wirkung als Treibhausgas. Wie kann man Methan als umweltfreundliche Alternative hinstellen?! Die Proteste gegen eine solche Art, scheinbar den Klimawandel zu bewältigen, waren und sind 100%ig richtig.

  2. 4.

    Was für eine hirnverbrannte Technik. Jeder, der denken kann, würde aufhören, fossile Energie zu verbrennen, anstelle den Dreck anschließend zusammenzuklauben und ihn für die nächsten Generationen in die Erde zu pressen. Als ob wir unseren Kindern nicht auch so schon genug andere Müllhalden hinterlassen würden. Aber die Lobby der Kohleindustrie will weiter Geld verdienen, und wenn 's gar nicht anders geht, muß eben das Geld der Steuerzahler dafür herhalten.

  3. 3.

    Ein interessanter Artikel. Was mir nicht klar ist: Seit wann führen Proteste der Bevölkerung zur Meinungsänderung bei Politik und Wirtschaft??? Da müssen doch noch andere Gründe vorliegen.

  4. 2.

    Lieber Herr Buchholz,

    vielen Dank für Ihren Hinweis. Wir haben die 2 tiefergestellt und den Text korrigiert.

    Beste Grüße aus der Redaktion

  5. 1.

    Hallo Redaktions-Team,

    es handelt sich nicht um CO im Quadrat. :-) Sprich, die 2 in CO² sollte eine Tiefstellung sein.

    Viele Grüße

    Sven Buchholz

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