Pilotanlage zur Erprobung zur CO2-Reinigung auf dem Gelände des Vattenfall-Kraftwerks Schwarze Pumpe bei Spremberg (Quelle: imago/Jürgen Heinrich)

Kommentar zur CO2-Verpressung - Das Ende einer Klimaschutz-Utopie

Erkenntnisse aus dem Projekt zur unterirdischen Verpressung von CO2 in Ketzin bleiben erstmal ohne praktische Umsetzung. Damit versagt man der Leistung brandenburgischer Forscher die Chance, eine Erfolgsgeschichte auch für den Umweltschutz zu werden, meint Andreas Rausch.

Im Potsdamer Geoforschungszentrum (GFZ) darf Sekt geöffnet werden: Nach 13 Jahren haben die Wissenschaftler den empirischen Beweis erbracht, dass das klimaschädliche Gas Kohlendioxid unter der Erde speicherbar ist, statt es wie bislang üblich in die Luft zu blasen. 67.000 Tonnen C02 hat das GFZ in 630 Metern Tiefe unter Ketzin gepresst, ohne nachweisbare Gefährdung für die Anwohner oder andere messbare Schädigungen. WZBW – Was zu beweisen war! Ein Grund zum Feiern! Ein Sieg der Vernunft über diffuse Ängste! Und leider völlig bedeutungslos für den praktischen Umweltschutz.

Niemals wirklich geliebt

Denn das C02-Projekt Ketzin ist über die Dauer seiner Existenz von der gesellschaftlichen Entwicklung überholt worden. Vorbehaltlos geliebt wurde es nie. Von der Industrielobby aufgrund immenser Kosten und unausgereifter Technologie skeptisch begleitet, von Umweltschützern als vermeintliches Feigenblatt ebenso angefeindet, von der Politik nur halbherzig gefördert.

Geforscht wurde im Havelland bereits seit 2004, ab 2008 wurde Kohlendioxid in die unterirdischen Schichten eingeleitet, einiges davon kam bereits aus Lausitzer Kohlekraftwerken. Zu dieser Zeit schien das Verfahren CCS (Carbon Dioxide Capture and Storage), bei der klimaschädliches Kohlendioxid aus den Rauchgasen abgespalten, unter Druck verflüssigt und dauerhaft unter der Erde verpresst wird, als reale Option für die Schwerindustrie, vor allem für die deutschen Kohlekraftwerke. Damit schien ein Paradoxon auflösbar: Einerseits könnte der Ausstoß des Gases spürbar gesenkt werden, andererseits müsste man dafür nicht aus der fossilen Energieerzeugung mit ihren tausenden Arbeitsplätzen aussteigen. Welch schöne Utopie!

Protest wie damals gegen Atomkraftwerke

Von den zwölf CCS-Demonstrationsvorhaben, die vor zehn Jahren europaweit geplant waren, wird derzeit kein einziges mehr verfolgt, konstatierte der Thinktank AGORA Energiewende bereits 2016 nüchtern. Lediglich Norwegen hatte vor kurzem neuerliche Versuche mit dieser Technologie angekündigt.

Der Sargnagel für das Projekt in Deutschland war die Bundesgesetzgebung 2012, die jedem potenziell als CO2-Speicher infrage kommenden Bundesland ein Vetorecht einräumte. Damit war das Verfahren tot, niemand möchte in seiner Nachbarschaft auf einer CO2-Blase sitzen. Auch im Osten Brandenburgs, wo eher kleine potenzielle Speicherplätze verortet wurden, entwickelte sich eine Protestkultur, die bewusst an die Anti-Atombewegung der 70er Jahre andockte. Bis heute sind dort Protestkreuze zu sehen, die zur Wachsamkeit mahnen. Dabei wären hier nicht einmal Speichermöglichkeiten im Industriemaßstab nutzbar gewesen.

Politik in Brandenburg hatte fest mit CCS gerechnet

2011 hatte der damalige Bergbautreibende Vattenfall sein Vorhaben, ein milliardenteures CCS-Kraftwerk am Oldie-Standort Jänschwalde zu bauen, aufgegeben. Der Vattenfall-Nachfolger LEAG schließt neuerliche Ambitionen dahingehend gänzlich aus. Damit stehen Brandenburgs Klimaschutzziele meilenweit entfernt vom schmerzlos Erreichbaren - das sorgt bis heute für Spannungen in der rot-roten Koalition. Weil es keine Zukunft mit "sauberer Kohle" geben kann, werden die Klimaschutzziele des Landes aufgeweicht, fest kalkulierte Summen weniger in die Luft abgegebenen Kohlendioxids müssen wieder hinzugerechnet werden. Und der Dinosaurier Jänschwalde, ein zugegeben immer wieder nachgerüstetes und modernisiertes Kraftwerk mit einem jährlichen Ausstoß von mehr als 20 Millionen Tonnen Kohlendioxid, macht nach jüngsten Planungen des Konzerns LEAG weiter das, was es seit vierzig Jahren macht, es läuft, und läuft, und läuft…

In Ketzin sollte bewiesen werden, dass es möglich ist, Kohle zu verbrennen, ohne die Atmosphäre zu belasten. Das ist möglich, gegen alle Unkenrufe. Damit ist das CO2-Projekt eine Großtat brandenburgischer Forscher - die allerdings im Moment keinerlei Chance hat, eine Erfolgsgeschichte zu werden.

Sendung: Brandenburg aktuell, 13.09.2017, 19:30 Uhr

Kommentar

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2 Kommentare

  1. 2.

    Um CO2 zu mindern oder laut IPCC sogar der Atmosphäre zu entziehen, wird man auf die CO2-Speicherung nicht verzichten können. Und Ihre Ängste um die unterirdische Speicherung sind auch etwas abstrakt: Vorher war in den Ketziner Lagerstätte Gas verpresst, da hatte keiner Angst. Und nun beim CO2 wird viel Wirbel gemacht. - Ich weiß auch nicht, wo das Problem liegt, dass man Kohlekraft sauberer machen will. Denn die Erneuerbaren werden auf Jahrzehnte nicht in der Lage sein, die Vollversorgung zu gewährleisten (auch wenn die grünen Verbände das ständig predigen).

    Übrigens ist Nachhaltigkeit auch bei den Erneuerbaren ein riesiges Problem. Z.B.: Was passiert mit den riesigen Tagebauen zum Abbau der seltenen Erden, wie werden die alten WKA entsorgt (es gibt bis dato keinen belastbaren Entsorgungspfad, Hightech-Müll lässt grüßen) bzw. die Lithium-Ionen-Akkus der eCars, was ist mit den Schwermetallen in Photovoltaikanlagen usw. Es also kein altes, sondern auch ein aktuelles Problem.

  2. 1.

    Mir leuchtet die Distanz- und Kritiklosigkeit hier nicht ein. Klar, es ist nur ein Kommentar, da braucht es ja keine Logik und man nennt eigene Haltungen schon per se "wissenschaftlich". Supernummer...

    Es geht doch gar nicht so sehr darum, Kleinstmengen CO2 schadlos zu verbunkern. Was ist daran umweltfreundlich, CO2 in nur sehr begrenztem Umfang speichern zu können? Es wird hier massiv verklärt, dass solch ein Projekt ja gerade im Sinne von (Energie-)Konzernen ist: "saubere" Produktion, ein Heilsversprechen - ganz so wie zu Beginn des Atomzeitalters. Es bleibt ungeklärt, ob und wie viele nachhaltig sichere Lagerstätten es gibt, gerade angesichts völlig anderer Größenordnungen.

    An den Symptomen doktort man nicht herum, wenn man das Problem lösen will. Schon das ist der unseriöse Ansatz, der hier unhinterfragt bleibt. Wir haben an unserem Schadstoffausstoß zu arbeiten, nicht an den - auch wortwörtlichen - Verdrängungsmechanismen der negativen Folgen unseres Handelns.

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