Die Kageler Ultras feiern den Sieg ihres Vereins SG Lichtenow/Kagel (Bild: Paul Bohne)
Audio: Antenne Brandenburg | 01.06.2018 | Frieder Rößler | Bild: Paul Bohne

10. Liga-Fußball in Brandenburg - "Heute haben wir wie elf Bratwürste gespielt!"

Wenn die SG Lichtenow/Kagel im heimischen "Manni-Park" ihre Gegner empfängt, wird den Zuschauern so einiges geboten. Die Fans unterstützen ihr Team bedingungslos, laut und bunt - und das in der 10. Liga. Von Friedrich Rößler

Ein Hochsommerabend Ende Mai, im "Manni-Park" von Kagel (Oder-Spree) fiebern mehr als 100 Fans dem Anpfiff entgegen. In Kagel und dem benachbarten Lichtenow (Märkisch-Oderland) leben zusammen ungefähr 1.700 Menschen, gefühlt stehen beide Dörfer gerade am Spielfeldrand. Kein Wunder, denn die SG Lichtenow/Kagel empfängt ihren Erzrivalen Hangelsberg.

Die Wohnorte von Gastgebern und Gästen liegen gerade einmal 20 Kilometer auseinander. In der Tabelle steht die SG Lichtenow/Kagel zwar weit über Hangelsberg, doch vom Auf- oder Abstieg sind beide weit entfernt.

Anreise auch aus Charlottenburg

Während die Mannschaften noch in der Kabine ihre Aufstellungen besprechen, befinden sich die "Ultras Kagel" schon auf Betriebstemperatur. Die blau-gelben Vereinsfarben steigen aus zwei gezündeten Rauchtöpfen empor, die Trommeln geben den Rhythmus vor und die ersten Anfeuerungsrufe ertönen.

Das hört und spürt auch ihre Mannschaft in der Kabine. So muss Kagels Spielertrainer Robin Kalms keinen mehr großartig motivieren. "Ihr wisst alle, worum es heute geht, Hangelsberg muss heute dran glauben", schwört er seine Truppe ein.

Das Team besteht aus Einheimischen und Weggezogenen, viele wohnen in Berlin. Ein Spieler ist sogar fast 90 Kilometer aus Charlottenburg angereist. Beim Auflaufen passiert das Heimteam den vernebelten Fanblock, im Rauch schwingen blau-gelbe und blau-gelb-grün-weiße Fahnen.

Die Kageler Ultras feiern den Sieg ihres Vereins SG Lichtenow/Kagel (Bild: Paul Bohne)
Die von den "Ultras Kagel" produzierten Nebelschwaden lichten sich nach dem Spiel | Bild: Paul Bohne

Verfeindet - und herzlich im Gespräch

Nach dem Anpfiff verzieht sich der farbige Qualm, die Trommeln und Anfeuerungsrufe klingen auf und ab, aber mit zunehmender Spieldauer ertönen sie immer seltener. Auch der Gegner Hangelsberg hat um die 30 Auswärtsfahrer mitgebracht - und die fühlen sich von Minute zu Minute stärker. Schließlich übernimmt immer mehr das Gästeteam das Spielgeschehen auf dem Platz und so trauen sich die Fans von Hangelsberg auch immer lauter und frecher dazwischen zu rufen.

Ein "Ha Ha Hangelsberg" kontert der kleine Auswärtsmob mit "Lichtenow - Katzenklo". Vergebenen Torchancen schicken sie die Frage hinterher, ob das Team "gestern wieder gesoffen hat". Und trotz aller Feindschaft quatschen Heim- und Gästefans mit Bierbecher in der Hand miteinander, besuchen sich gegenseitig und hauen sofort den nächsten Spruch wieder raus: "Ey Hangelsberg, euer letzter Bus ist schon gefahren".

Die Ultras des SG Lichtenow/Kagel auf einem ausgeschmückten Feuerwehrfahrzeug (Bild: Paul Bohne)
Mit einem dekorierten Feuerwehrauto machen die Fans schon vor dem Spiel Stimmung | Bild: Paul Bohne

Am liebsten mit ganz viel Deko

Das Heimteam liegt nach 40 Minuten 0:2 hinten und findet einfach nicht ins Spiel. Die Ultras Kagel feiern ihr Team aber trotzdem und applaudieren sie in die Halbzeitpause. Einer der Supporter heißt Micha. Der geht seit seiner Kindheit zur SG, hat früher selber im gelb-blauen Trikot gespielt und seit 2010 unterstützt er bei fast jedem Spieltermin sein Fußballteam. "Der Zusammenhalt, der hier draußen herrscht, macht einfach Spaß mit jeder Menge toller Freunden unterwegs zu sein".

Zwar gibt es unter ihnen auch Fans von Union Berlin, Dortmund oder Bayern, aber die Wege zu den Profiteams sind weit, der Eintritt teuer und die Karten oft vergriffen. Außerdem laufe das in der Kreisliga alles ganz anders ab. "Du kannst hier mit jedem quatschen, den Vereinen, den Spielern, den Schiedsrichtern - und selten regt sich einer über unsere Aktionen auf."

Gerade zu den Hangelsbergern habe man ein gutes Verhältnis und die hätten ja jetzt auch eine Ultras-Abteilung, verkündet Micha ein wenig stolz. Die Ultras Kagel tauchen auch bei Auswärtsspielen auf. Mal fallen sie auf Traktoren und Anhängern beim Gegner ein, mal haben sie eine Feuerwehr umdekoriert und ziehen die Blicke der Anwohner auf sich.

Die fahrbaren Untersätze  werden von den Lichtenowern und Kargelern, so heißt es, gern bereit gestellt werden. Für das letzte Auswärtsspiel in der Saison - natürlich in Hangelsberg - plane man Großes: Mit Verkleidung will man dort aufkreuzen.

"Solange hier keiner böse beschimpft, gefällt mir das alles sehr"

Ihre Spielstätte sieht zwar aus wie jeder typische Kreisligaplatz, allerdings trägt sie den Namen "Manni-Park". Der Namensgeber heißt mit echtem Namen Manfred Billerbeck und bekleidet das Amt des Ehrenpräsidenten. Der 82-Jährige gilt als lebendes Archiv des Vereins, dessen Wurzeln bis vor den Zweiten Weltkrieg zurück reichen. Billerbeck begrüßt das Engagement seiner Ultras sehr, steht und redet oft mit ihnen. "Solange hier keiner böse beschimpft oder bedroht wird, gefällt mir das alles sehr", gibt er zu Protokoll.

In der zweiten Hälfte schafft Kagel endlich den ersehnten Treffer zum 1:2-Anschluss. Die Ultras fungieren auf einmal als Stadionsprecher und verkünden Vor- und Nachnamen des Schützen, Rückennummer und den neuen Spielstand: "Kagel EINS, Hangelsberg NULL!"

Das Team des SG Lichtenow/Kagel feiert mit ihren Fans (Bild: Paul Bohne)Trotz der Niederlage feiert sich das Team mit seinen Fans | Bild: Paul Bohne

Das nächste Mal mit dem Traktor

Nach dem Abpfiff geht das Heimteam mit 1:4 geschlagen vom Feld, die Klatsche im Nachbarschaftsduell schmerzt aber nur kurz bei den Spielern, denn im Fanblock steht jetzt das große Finale an. Trommelwirbel, Fahnenmeer, blau-gelbe Rauschschwaden und ein grölender Chor singt: "Wir sind nur zum Feiern hier!".

Das Setting zum Abklatschen mit der Mannschaft steht, die Spieler geben jedem brav die Hand und schon ein paar Minuten später geht in der Kabine der gefüllte Bierstiefel herum. Kagels Verteidiger Paul Bohne analysiert das Spiel und erklärt, dass "wir wie elf Bratwürste gespielt haben".

Hangelsberg Trainer Marko Schulz hätte nach so einem heißen Tag nicht mit so einer Leistung seines Teams gerechnet. "Die Stimmung war super, die Fans waren sehr zufrieden, wir sind begeistert." Für die SG Lichtenow/Kagel heißt es dann in zwei Wochen Chance zur Revanche. Garantiert kommen sie nicht allein in den Nachbarort, denn ihre Ultras planen angeblich neben der Mottofahrt auch eine Traktorkolonne.

Sendung: Antenne Brandenburg, 01.06.2018, 17:40 Uhr

Beitrag von Friedrich Rößler

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