Interview mit dem Präsidenten der Technischen Universität Berlin - 10 Fragen an Prof. Dr. Jörg Steinbach

Mehr Studierende bei gleichbleibenden Personalzahlen betreuen – das ist aktuell eine der großen Herausforderungen für die Technische Universität Berlin, sagt TU-Präsident Prof. Dr. Jörg Steinbach. Der Professor für Anlagen- und Sicherheitstechnik wünscht sich mehr Geld für die Infrastruktur und die Lehre. Nur in Forschungsprojekte zu investieren, sei der falsche Ansatz, sagt Steinbach, der im April 2014 nach vierjähriger Amtszeit von seinem Nachfolger Christian Thomsen abgelöst wird.

 

1. Mit welchen großen Zukunftsfragen beschäftigen sich Forscherinnen und Forscher an der TU Berlin? Welche Themen sind Ihre Leuchtturmprojekte?

Eines der ganz großen Projekte ist der Exzellenzcluster "UniCat" im Bereich der Materialforschung, denn was dort erforscht wird, wird wesentliche Fortschritte für die energieeffizientere Gewinnung von Rohstoffen und für die Energiegewinnung selbst bringen. Was zukünftig hohe Prominenz erreichen wird, ist das Thema "Smart Cities", wofür wir über 60 Kolleginnen und Kollegen aus den unterschiedlichsten Instituten aller sieben Fakultäten zusammenbringen und im klassischen Sinne transdisziplinärer Forschung ein Kompetenzzentrum für Politik- und kommunale Beratung in Megacities schaffen. Mobilität spielt dabei eine Rolle, aber auch Gesundheitsversorgung in Riesenstädten. Es geht um Fragen der Lebensqualität: Was handeln wir uns durch die Urbanisierung ein, was passiert in Außenbereichen, wo die Landflucht stattfindet, wie kann man urbanes Leben überhaupt wieder lebenswert gestalten?

2. Was sind für Ihre Universität die größten Herausforderungen für 2014?

Eine Universität hat deutlich größere Zeitkonstanten. Wir haben eine Agenda 2014 – 2017. Für diesen Zeitraum bemühen wir uns um die Verstetigung der großen Projekte der Exzellenzinitiative. Eine Herausforderung, obwohl sie fast den Charakter von Tagesgeschäft hat, sind große Verbundprojekte, die Königsklasse in der Forschung. Hierauf muss besonderes Augenmerk gelegt werden, damit wir die Reputationsstufe mindestens halten oder noch weiter ausbauen können. In der Lehre verfolgen wir das Ziel der Qualitätssicherung. Wir  haben 6000 Studierende mehr als noch vor ein paar Jahren bei sonst gleich bleibendem Personal. Fragen sind, wie man eLearning-Methoden häufiger einbeziehen kann und virtuelle Kleingruppenarbeit verstärkt. Zudem plagt uns der Investitionsstau bei unserer Bausubstanz, weil seit 15 Jahren keine Erhöhung des Budgets dafür stattgefunden hat. Ein klassisches Reinvestitionsprogramm ist beim Finanzrahmen unserer Landesregierung derzeit nicht leistbar.

3. Was macht die Qualität der Wissenschaftslandschaft Berlin-Brandenburg aus? Wo sehen Sie Probleme?

Es gibt mehrere Facetten: Die Außenwirkung der Wissenschaftslandschaft Berlin und Brandenburg ist hervorragend. Sie hat in der Wahrnehmung sogar den Großraum München überholt. Insofern ist es eine Herausforderung, durch Taten das erreichte Niveau zu halten. Die große Dichte an außeruniversitärer Forschung, die wir hier haben, macht uns dieses deutlich leichter als in anderen Regionen Deutschlands. Wenn Sie die zweite Dimension betrachten - die Universitäten in Berlin und Brandenburg -, dann gibt es strukturelle Probleme. Das Ungleichgewicht zwischen dem Schwergewicht Berlin und dem Leichtgewicht Brandenburg wird größer. Eine dritte Dimension ist die internationale Wahrnehmung, auch die Attraktion für Investoren, die mit Venture-Kapital unsere Ausgründungen begleiten, Lizenzen und Patente ausbeuten. Hier bewegen wir uns auf einer aufsteigenden Welle und hier müssen wir künftig gut darauf surfen können.

Bund-Länder-Kooperationsverbot

In Artikel 91b des deutschen Grundgesetzes steht, dass der Bund den Bundesländern – abgesehen von einigen Ausnahmen - nicht dauerhaft Geld für Bildung geben darf. Diese Regelung wird auch als Bund-Länder-Kooperationsverbot bezeichnet. Viele Hochschulen sehen sich daher gegenüber außeruniversitären Forschungseinrichtungen benachteiligt, für die das Verbot nicht gilt. Auch im sonstigen Bildungsbereich – etwa beim Ausbau von Kitas und Ganztagsschulen – sind die Befugnisse des Bundes durch das Kooperationsverbot stark eingeschränkt.

4. Die Hochschulfinanzierung muss neu geordnet werden. Wie wünschen Sie sich die Neuordnung?

Mit 20 Millionen Euro pro Jahr mehr Budget kann ich mein Haushaltsdefizit ausgleichen und habe 10 Millionen Euro zur gestalterischen Freiheit. Zudem muss das Kooperationsverbot selbstverständlich aufgehoben werden, damit wir im Hochschulbau und in der Hochschulgrundfinanzierung die Basis für diese 20 Millionen Euro bekommen. Die Neugestaltung muss sich auf den Hochschulbau fokussieren, denn die Reduktion auf reine Forschungsgebäude, wie sie derzeit stattfindet, ist für uns inakzeptabel. Mit der strukturellen Unterfinanzierung aller Hochschulen in Berlin versündigen wir uns jedes Jahr weiter an der Bausubstanz, die vorhanden ist. Und irgendwann erreichen wir einen Punkt der Irreversibilität. Nur in Forschungsprojekte zu investieren, ist der falsche Ansatz. Wir benötigen Investition in die Infrastruktur der Hochschulen, um die Lehre zu sichern.

5. Die Förderung vieler wissenschaftlicher Projekte ist zeitlich befristet und an interdisziplinäre Kooperationen gebunden. Wie sinnvoll erachten Sie dies?

Mit einem industriellen Hintergrund als Teil meines beruflichen Lebens habe ich gelernt, dass es vorteilhaft ist, wenn ein Projekt einen definierten Anfang und ein definiertes Ende hat. Das hindert normalerweise nicht daran, ein Fortsetzungsprojekt zu formulieren. Es hilft, zu vorgegebenen Meilensteinen sich selbst zu hinterfragen, ob das Projekt noch das richtige ist. Oder zu analysieren, ob die Frage, die das Projekt rechtfertigt, immer noch richtig gestellt ist. Gute Forschung zeichnet sich aus, indem man zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Fragen stellt. In unserer schnelllebigen Zeit sind fünf Jahre eine angemessene Zeitachse.

6. Funktioniert die Selbstkontrolle in der Wissenschaft oder muss sich etwas ändern?

Die Diskussion der vergangenen zwei, drei Jahre hat uns alle wachgerüttelt. Dass diese Frage gestellt worden ist, war notwendig. Aber Dinge, die mit Prävention zu tun haben, sind selten richtig motivierend, weil sie nicht irgendeinen Gewinn ausdrücken. Deshalb sind sie oftmals nicht so beliebt. Es war gut, dass wir wachgerüttelt worden sind und es ist richtig, dass wir selber uns hinterfragen, ob wir Mechanismen entwickeln können, die qualitätsfördernd sind.

Tenure Track

Der so genannte "Tenure Track" soll angehenden Professorinnen und Professoren den Weg zur Lebenszeitprofessur erleichtern. Das aus dem US-amerikanischen Bildungssystem entlehnte Modell sieht vor, dass nach einer befristeten Juniorprofessur Aussicht auf eine Stelle auf Lebenszeit besteht. Bei entsprechender Leistung können Juniorprofessorinnen und –professoren ohne erneute Ausschreibung der Stelle auf eine dauerhafte Professur an der eigenen Hochschule übernommen werden. Einige deutsche Universitäten haben dieses Modell, teilweise in abgewandelter Form, übernommen.

7. Befristete Verträge, unsichere Perspektiven im Wissenschaftsbetrieb: Warum sollten junge Akademikerinnen und Akademiker dennoch lieber in die Wissenschaft als in die Industrie gehen?

Man muss zweierlei unterscheiden: die Zeit der Promotion und die Zeit danach. Es ist richtig, Promotionsstellen zeitlich zu befristen, denn das ist ein gewisser Garant für den Austausch von Ideen, den Wechsel, die Neugier. Von diesen Erneuerungsprozessen des wissenschaftlichen Nachwuchses lebt die Forschungsqualität einer Universität. Bezüglich des wissenschaftlichen Nachwuchses sind wir an der TU ähnliche Wege gegangen wie ein halbes Dutzend anderer Universitäten in Deutschland mit der Einführung des Tenure-Track auf Strukturprofessuren. Hier ist wichtig, dass exzellenter wissenschaftlicher Nachwuchs auch Lebensperspektiven geboten bekommt, denn es gibt nicht nur die Forschung als Lebensinhalt, sondern auch noch Familie und anderes. Hier haben wir in strukturell verträglichen Grenzen neue Möglichkeiten geschaffen, die den Standort attraktiver für den wissenschaftlichen Nachwuchs machen.

8. Stichwort Gleichstellung: Welches Konzept zur beruflichen Gleichstellung von Mann und Frau verfolgen Sie?

Eines der interessantesten Projekte an der TU ist das IPODI-Programm. Damit können wir weiblichem Nachwuchs aus dem Ausland einen 6-monatigen Forschungsaufenthalt an der TU ermöglichen. Zudem gilt es für die Zukunft, zwei Ideen zu kombinieren: nämlich die Förderung des weiblichen Nachwuchses auf Hochschullehrerpositionen sowie die Frage der Internationalisierung. Unser Ziel muss sein, in den einzelnen Fakultäten die Zahl von Kolleginnen und Kollegen zu erhöhen, die keinen deutschen Pass besitzen und aus dem Ausland berufen worden sind. Wenn uns gelänge, mithilfe der IPODI-Stipendien die eine oder andere Nachwuchswissenschaftlerin danach an der TU zu halten, dann könnten wir einerseits die Quote weiblicher Professuren und gleichzeitig unsere Internationalität erhöhen.

9. Wer im Ringen um Drittmittel die Nase vorne haben will, muss die Öffentlichkeit auf seine Seite ziehen. Welche Kommunikationsstrategie verfolgen Sie?

Die Frage hat zwei Aspekte: einen internen und einen externen. Intern hat die TU eine sogenannte Dialogplattform geschaffen, bei der Mitarbeiter aus zentralen Forschungsbereichen Kollegen aus verschiedenen Fakultäten zu Workshops und zum wissenschaftlichen Austausch zusammenführen. Denn das wunderbare Thema der Inter- oder Transdisziplinarität ergibt sich nicht von allein - da muss man die Kolleginnen und Kollegen ein bisschen zu ihrem Glück zwingen. Dafür ist die Dialogplattform ein geeignetes Kommunikationsmittel, solche Forschungsverbünde zusammenzuführen. Extern ist es Aufgabe des Präsidenten, die Netzwerke mit regionalen, überregionalen und EU-Partnern zu pflegen. Hierbei geht es nicht nur darum, Projekte zu beantragen und zu gewinnen, sondern auch wissenschaftspolitische Lobbyarbeit zu leisten. Das ist mein Job.

10. Welche Frage würden Sie gerne mal beantworten, die Sie nie gestellt bekommen?

Ich selber würde gerne eine Frage stellen, in der eine große Herausforderung für uns alle liegt: Wie schaffen wir es, dass die Berliner Universitäten und insbesondere eine technische Universität vom Gros der Bevölkerung als ein Juwel in der Stadt angesehen wird? Das wäre sehr, sehr hilfreich, auch in vielen Haushaltsdebatten. Wie schafft man das Bewusstsein in der breiten Bevölkerung, dass wir zum Bruttoinlandprodukt beitragen, dass durch Ausgründungen fast 20.000 Arbeitsplätze zu den Steuereinnahmen der Stadt beitragen, dass Universitäten eine Ressource sind, um die uns andere beneiden sollten. Wie man diesen Zustand hinbekommt, das ist eine Frage, die mich beschäftigt, aber ich weiß noch keine Antwort darauf.

Beitrag von Ina Krauß, Stand: 18.12.2013

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