Tom Courtenay und Charlotte Rampling sowie Regisseur Andrew Haigh während der 65. Internationalen Filmfestspiele (Quelle: Britta Pedersen/dpa)
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"45 Years" | Wettbewerb - Die Liebe und ihre Zumutungen

Kate und Geoff müssen kurz vor dem 45. Hochzeitstag ihre Beziehung neu justieren, als mehr als 50 Jahre nach ihrem Tod die Leiche von Geoffs früherer Freundin gefunden wird. Andrew Haigh hat aus dieser Grundidee einen berührenden, aber niemals kitschigen Film gemacht - mit einer umwerfenden Charlotte Rampling in der Hauptrolle. Von Fabian Wallmeier

Am Anfang steht das Klicken eines Diaprojektors, wenn zum nächsten Bild weitergeschaltet wird. Zuerst hören wir ihn nur - und als der Vorspann vorbei ist, zeigt die Kamera etwas ganz anderes. Aber dieser Diaprojektor wird uns eine knappe Stunde später noch einmal begegnen - und ein entscheidendes Geheimnis offenbaren.

Charlotte Rampling während der 65. Internationalen Filmfestspiele (Quelle: Ekaterina Chesnokova/dpa)
Charlotte Rampling beim Berlinale-Photocall am Freitag. | Bild: RIA Novosti

Überhaupt offenbart sich vieles in Andrew Haighs "45 Years" genauso scheibchenweise, wie ein Projektor ein Dia nach dem anderen vor die Linse schiebt. Kate und Geoff Mercer (Charlotte Rampling und Tom Courtenay) leben in einem abgelegenen Haus im flachsten England. In ein paar Tagen wollen sie ein großes Fest zu ihrem 45. Hochzeitstag geben. Doch plötzlich bekommt Geoff einen Brief aus der Schweiz: Die Leiche seiner ehemaligen Freundin Katya, die 1962 auf einer gemeinsamen Alpenwanderung in eine Felsspalte stürzte und nie geborgen werden konnte, ist gefunden worden. Bedeckt von meterdickem, aber glasklarem Eis liegt sie begraben - äußerlich auch 50 Jahre später noch immer 27 Jahre alt.

Die Grundzüge dieser Geschichte aus der Zeit, bevor sie Geoff kennenlernte, waren Kate bekannt. Doch nun erfährt sie nach und nach immer mehr Details, schmerzhafte Details. "Ich habe dir doch von meiner Katya erzählt", setzt Geoff an und sagt schon mit diesem beiläufigen "meine Katya" mehr als Kate hören möchte.

"Ich will diesen Namen nie wieder hören"

Geoff ist schon ein bisschen tatterig, seit er vor fünf Jahren schwer krank war. Der Blick in die lange nicht thematisierte Vergangenheit bringt ihn aus seinem gemächlichen Landhaustrott. Selbstversunken tapert er durch die Szenerie, er grübelt über die Zeit mit Katya und über ihren Tod nach - und kann nicht anders, als Kate davon zu erzählen, so oft sie ihn auch zurückweist. "Ich will diesen Namen nie wieder hören", sagt sie einmal. Doch gleich in seinem nächsten Satz erwähnt Geoff Katya wieder - und scheint es noch nicht einmal zu merken.

Kate dagegen schleicht fast durch ihr Haus. Mit jeder vorsichtigen Bewegung ringt sie um Kontrolle. Charlotte Rampling verkörpert diese Kate mit umwerfender Genauigkeit, zeigt mit perfekt gesetzten Gesten und kleinsten mimischen Regungen Kates Stolz und ihre Angst vor dem emotionalen Abgrund, der sich plötzlich vor ihr auftut. Kate ringt um Fassung, bis zum Schluss des Films - der (vor allem nach den emotionalen Holzhammern, die in den Wettbewerbsbeiträgen von Werner Herzog und Isabel Coixet geschwungen wurden) wohltuend offen ist.

Andrew Haigh hat schon in seinem vorherigen Film eine Liebesbeziehung seziert - wenn auch in einem geradezu diametral entgegen gesetzten Setting: In "Weekend" (2011) lernen sich zwei Männer in einer Schwulenbar kennen, landen zusammen im Bett und verbringen das Wochenende miteinander. In beiden Filmen ist der zeitliche Rahmen wichtig: "45 Years" steuert auf den Hochzeitstag zu und "Weekend" auf den Montag, an dem einer der beiden Männer in die USA auswandern will. In den wenigen Stunden, die den beiden bis dahin bleibt, lässt Haigh sie durch Nottingham laufen und vor allem reden. Kluge, echte, ehrliche Dialoge hat er dafür geschrieben, in denen die beiden ihre Sexualität reflektieren, aber auch die Ausgrenzungserfahrungen, die sie deswegen machen mussten.

Tom Courtenay und Charlotte Rampling sowie Regisseur Andrew Haigh während der 65. Internationalen Filmfestspiele (Quelle: Britta Pedersen/dpa)
Regisseur Andrew Haigh ist mit "45 Years" ein kluger und berührender Film gelungen. | Bild: dpa-Zentralbild

Die ewig 27-jährige Gegenspielerin im Eis

"45 Years" hat naturgemäß eine gesetztere Tonlage - denn die beiden Partner, um die es hier geht, lernen sich nicht gerade erst kennen, sondern teilen seit 45 Jahren Tisch und Bett. Doch Haigh gelingt es, auch diese langjährige Ehe in realistischen, pointierten und allenfalls nicht ganz so quirligen und überraschenden Dialogen auf den Punkt zu bringen.

Musik wird in Haighs Film zum emotionalen Verstärker, zum Katalysator und Kommentator: Geoff legt auf einmal eine lange nicht gehörte Platte auf, und Kate muss sich unweigerlich fragen, ob diese Musik ihn an Katya erinnert, behält die Frage aber für sich; zu Popsongs aus der Zeit ihres Kennenlernens tanzen Geoff und Kate durch die Wohnung; als Kate im Radio "Young Girl" hört, das sie an die ewig 27-jährige Gegenspielerin im Eis denken lassen muss, verliert sie für einen Moment beinahe die Beherrschung; um vor der großen Feier auf andere Gedanken zu kommen setzt Kate sich ans Klavier (und spielt ein von Rampling selbst komponiertes Stück). Und auch die letzte Szene wird von der Musik mitgetragen: Wir hören "Smoke Gets in Your Eyes", als Kate und Geoff auf ihrer Feier den Tanz eröffnen - einen Song, der bei genauerem Hinhören gar nicht das romantische Liebeslied ist, für das man ihn hält.

Haigh hat das Hauptaugenmerk auf Kate gelegt. Sie zeigt er, wie sie den grantelnden Geoff zu einer Feier bei einem Freund bringt. Sie sehen wir auf einer Dampferfahrt auf dem Kanal allein an Deck sitzen und in den spätherbstlichen englischen Nebel starren. Ihr folgen wir auf den Dachboden, zum Dia-Projektor und dem Geheimnis, das er birgt. Und ihr gehört auch die Einstellung, mit der Andrew Haigh "45 Years" beendet - einen ruhigen, klugen, genau beobachtenden, berührenden und niemals kitschigen Film über die Liebe und die Zumutungen, die sie mit sich bringen kann.

Bärenwürdig? - Das sagen die RBB-Kritiker

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Beitrag von Fabian Wallmeier