Szene aus dem Film Zoologiya (Quelle: NewEuropeFilmSales)
Zoologie (Copyright: New Europe Film Sales) | Bild: NewEuropeFilmSales

Russischer Film "Zoologie" gewinnt in Cottbus - Die Frau mit dem Schwanz

Der Wettbewerb des Filmfestivals Cottbus hatte 2016 nur wenige Höhepunkte. Einer ist "Zoologie", in dem einer Frau ein Schwanz wächst. Ivan I. Tverdovskiy hat für seinen schrägen, warmen Film den Hauptpreis gewonnen – zurecht, findet Fabian Wallmeier.

Natascha, eine Frau jenseits der 50, sitzt beim Arzt. Seit Kurzem fühlt sie sich eigenartig. Bei der Arbeit im Zoo, wo sie für die Beschaffung des Tierfutters zuständig ist, ist sie einfach so zusammengebrochen. Und dann wäre da noch diese Stelle ganz unten am Rücken. Natascha macht sich frei und zum Vorschein kommt ein Schwanz – fleischig, unbehaart, dick wie ein Unterarm und mindestens ebenso lang. Das müsse man röntgen, sagt der Arzt, ganz ungerührt. Den Schwanz betrachtet er ohne jede Verwunderung.

Dass der russische Regisseur Ivan I. Tverdovskiy die zunächst reichlich bescheuert klingende Prämisse seines Films "Zoologie" so nebenbei und witzig einführt, ist ein kluger Kniff. Einer Frau wächst am Steiß ein Schwanz? Ist doch das Normalste auf der Welt. So läuft sein Film zu keiner Zeit Gefahr, zur Freak-Show zu verkommen. Vielmehr ist der Schwanz eine ungewöhnliche, aber umso selbstverständlicher in Szene gesetzte Metapher für ein Anderssein, aus dem sich neue Kraft schöpfen lässt. "Zoologie" zeigt eine zarte Liebesgeschichte: Natascha kommt ihrem Radiologen Petya immer näher, zusammen sitzen sie am Strand und trinken, rodeln mit Blechkanistern einen Abhang herunter, kreischen wie die Kinder. Nataschas Schwanz, den sie tagsüber im Schlüpfer versteckt, wackelt vor Freude, wenn sie zusammen sind.  

Zweite Cottbuser Auszeichnung für Tverdovskiy

Tverdovskiy hat für seinen kleinen feinen Film am Samstagabend den Hauptpreis des Filmfestivals Cottbus gewonnen. Schon vor zwei Jahren war ihm das gelungen. Auch damals wurde er für eine Liebesgeschichte ausgezeichnet: "Corrections Class" zeigt das Anbändeln zweier Jugendlicher, die zusammen eine "Korrekturklasse" für Schüler jenseits der Norm besuchen und gegen alle Widerstände aufzublühen beginnen. Ein solches Aufblühen gibt es auch in "Zoologie" – nur sind es eben nicht die Blüten der Jugendliebe, sondern die eines späten zweiten Frühlings. Den spielt Natalia Pavlenkova so erfrischend, dass sie für die Darstellung der Natascha zurecht als beste Darstellerin ausgezeichnet wurde.

Doch wie auch in "Corrections Class" ist die Liebe alles andere als ungetrübt: Bei aller Freude über die zarten Liebesbande, bei aller jugendlichen Lebensfrische gibt es Probleme: Zum einen kommen Natascha Zweifel an Petyas Motiven – und dann ist da noch das Gerede ihrer Kolleginnen und ihrer Mutter über eine Frau in der Nachbarschaft, der ein Schwanz gewachsen sei und die vom Teufel besessen sei.

Viel Mittelmaß im Wettbewerb

Der nach "Zoologie" zweitoriginellste Film des Wettbewerbs ging dagegen leer aus: "Houston, wir haben ein Problem!" ist eine überaus witzige Mockumentary, die mit den Mitteln des Dokumentarfilms eine zu großen Teilen erfundene Geschichte erzählt. Es geht um ein Atomprogramm, das Jugoslawien in den 1960er Jahren für viel Geld an die USA verkauft haben soll.

Insgesamt regierte im Cottbuser Wettbewerb dieses Mal das Mittelmaß: Es gab behäbige Geschichts- und Sozialdramen ("Der Ankläger, der Verteidiger, der Vater und der Sohn", "Nightlife", "Annas Leben") und nur teilweise überzeugende Genre-Spielereien: Der rumänische Krimi "Hunde" etwa beginnt zwar vielversprechend mit einem aus einem See auftauchenden blutigen Etwas, verliert sich dann aber in einer zäh erzählten Geschichte, die auch die ausufernden Bilder der sommerlichen Ödnis nicht retten können.

Gleich mehrere Genres vermengt der ungarische Film "Kills on Wheels" von Attila Till, der den FIPRESCI-Preis der internationalen Filmkritik und den Preis der ökumenischen Jury erhielt. Zwei körperbehinderte Freunde geraten dabei an einen ebenfalls im Rollstuhl sitzenden Auftragskiller. Der Film vermengt liebevoll, wenn auch nicht immer ganz überzeugend, Comic und Superhelden mit einer Coming-of-Age-Geschichte und sozialkritischen Anklängen.

Szene auis dem Film "It's not the time of my life" (Quelle: Filmworks LTD)"It's not the Time of my Life" (Copyright: Filmworks LTD)

Überzeugender war der zweite ungarische Wettbewerbsbeitrag: "It's not the Time of My Life" von Szabolcs Hajdu ist eine intime Momentaufnahme aus dem Leben einer Familie. Der für nur 4.000 Euro ausschließlich in Hajdus Wohnung gedrehte Film zeigt zwei Tage im Leben zweier Schwestern mit ihren Männern und Kindern. Man streitet sich, man wirft sich Dinge an den Kopf, man schwingt große Reden und macht sich Vorwürfe. Die Kamera streift dabei durch die verwinkelte Wohnung, scheint die Figuren und die knarzigen Holzwände im Vorbeigehen zu streicheln. Regisseur und Darsteller Szabolcs Hajdu wurde für den mit simpelsten Mitteln eindrücklich ein Stück Wirklichkeit einfangenden Film mit dem Preis für die beste Regie bedacht.

Von Essaykunst bis Popcorn-Kino

Was man dem Festival in jedem Fall zu Gute halten kann, ist die große Spannbreite im diesjährigen Wettbewerb: Am einen Rand des filmischen Spektrums stand "All the Cities of the North" von Dane Komljen, ein in seiner ausgestellten Kunstbeflissenheit extrem dröger Essay-Film. Männer verrichten in Bauruinen ihren Alltag , gesprochen wird nur aus dem Off und nur in Zitaten anderer Geistesgrößen. Das andere Extrem bildet "Planet Single" von Mitja Okorn. Der polnische Film ist eine kreischbunte, mit 135 Minuten deutlich zu lange und ein kleines bisschen doofe romantische Komödie um ein vom glücklosen Daten geplagten Aschenputtel und einen Late-Night-Moderator mit aufgeblasenem Ego. In der Cottbuser Sektion "Nationale Hits" wäre der Film sicherlich besser aufgehoben worden als im Wettbewerb – doch immerhin zeigt er, dass das polnische Mainstream-Kino durchaus international wettbewerbsfähig ist. Auch in Cottbus kam "Planet Single" bestens an – er heimste den Publikumspreis ein.

The last family (Quelle: Hubert Komerski)"The Last Family" (Copyright: Hubert Komerski)

Der zweite polnische Beitrag wurde gleich mit zwei Preisen bedacht: Jan P. Matuszyński wurde für "The Last Family" als bester Debütant geehrt. Der Film erzählt über Jahrzehnte hinweg die Familiengeschichte des Malers Zdzisław Beksiński, seiner Frau und seines überaus exzentrischen Sohnes Tomasz, eines Radiomoderators und Übersetzers. Für dessen Darstellung wurde Dawid Ogrodnik als bester Darsteller ausgezeichnet – eine überraschende Entscheidung, denn selten hat man einen Schauspieler dermaßen enervierend und überagierend herumfuchteln und herumkieksen sehen.

Deutlich nachvollziehbarer ist dagegen die Auszeichnung für "Das Haus der anderen": Der Film erhielt den Dialog-Preis für die Verständigung zwischen den Kulturen. Die Georgierin Rusudan Glurjidze macht am Beispiel zweier Familien, die 1990 in einem verlassenen Dorf aufeinandertreffen, die Auswirkungen des Krieges sichtbar. Sie tut das auf ausgesprochen formbetonte Weise – ihre Bilder im selten im Kino zu sehenden Format 4:3 sind äußerst streng, vielleicht ein bisschen überambitioniert, komponiert – und bleiben im Gedächtnis vielleicht sogar noch länger haften als Nataschas Schwanz in "Zoologie".

Beitrag von Fabian Wallmeier

Nächster Artikel

Das könnte Sie auch interessieren