Szenenbild "Glückliche Tage" von Samuel Beckett, Quelle: Arno Declair
Arno Declair
Audio: Inforadio | 24.04.2017 | Nadine Kreuzahler | Bild: Arno Declair

Kritik | Beckett mit Dagmar Manzel am DT - "Oh, das wird wieder ein glücklicher Tag gewesen sein"

"Glückliche Tage" gehört neben "Warten auf Godot" und "Endspiel" zu den meist gespielten Stücken von Samuel Beckett. Seit Samstag läuft "Glückliche Tage" mit einer ganz großen Dagmar Manzel in der Hauptrolle im Deutschen Theater. Von Nadine Kreuzahler

Eine Frau, Winnie, steckt in einem Erdhügel fest. Hinter dem Hügel fristet ihr Mann Willie sein Dasein. So absurd, so endzeitlich, so typisch Beckett.

In der Inszenierung von Christian Schwochow gibt es keinen echten Erdhaufen. Stattdessen sitzt Winnie, gespielt von Dagmar Manzel, auf einem Stuhl vor einer verspiegelten Wand. In dieser Wand: eine Tür, dahinter: Leere. Und ihr Mann Willie, gespielt von Jörg Pose. Er bleibt hinter der Spiegelwand, zu sehen ist von ihm nur sein Hinterkopf oder ein Arm, zu hören sind nur einzelne Wörter oder ein Grummeln. Winnie dagegen redet die ganze Zeit.

"Kannst Du mich von dort aus sehen?"

Immer wieder holt Winnie Dinge aus einer großen Einkaufstasche: eine Zahnbürste, Schminkzeug, ein Feder-Hütchen – Erinnerungsstücke und banale Instrumente des Alltags, mit denen sie sich verzweifelt an einer längst vergangenen Normalität festklammert, mit denen sie sie sich vergewissern will, dass alles gut ist.

"Oh, das wird wieder ein glücklicher Tag gewesen sein". Dieser unbedingte Wille zum Glücklichsein, dieser Zwangsoptimismus, das Ignorieren der  Lage - wird im Verlaufe des Stückes immer verzweifelter. Die erste Hälfte könnte noch als munteres, böse-komisches Ehedrama über eine festgefahrene, in die Jahre gekommene Beziehung gelesen werden. "Huhu! Kannst Du mich von dort aus sehen? Das frage ich mich immer wieder. Nein? Na gut, ich weiß, wenn zwei versammelt sind in dieser Weise, bedeutet das nicht nur, weil man den anderen sieht, dass man auch von dem anderen gesehen wird. Glaubst Du, dass Du, mich von dort aus sehen könntest, Willie, wenn Du Deine Augen zu mir aufschlügest, Willie?"

In der zweiten Hälfte dagegen verliert  Winnie ihren Optimismus. Sie steckt jetzt bis zum Hals in einer Art Zwangsjacke aus grobem, grauem Stoff – der Erdhaufen hat sie fast völlig verschluckt. Dagmar Manzel bleibt nur noch ihr Gesicht als Instrument, auf dem sie spielen kann und sie beherrscht es perfekt. Es geht hinab in die tiefsten Tiefen der Psyche, in Erinnerungen, Angst, Traumata.

Das Stück ist Dagmar Manzels Show

Es steckt viel im Text von Samuel Beckett, von Christian Schwochow eng am Original inszeniert: gesellschaftlich verordneter Zwangsoptimismus. Verunsicherung in Zeiten von Terror. Angst vor der Endlichkeit. Deshalb ist das Stück auch so aktuell.

Leider wirken Bühnenbild und Ausstattung - Spiegelwand, Stuhl, zwangsjackenartiger Überwurf - wenig originell und visionär, sondern etwas lustlos. Christian Schwochow setzt voll und ganz auf Dagmar Manzel. Es ist ihre Show. Und wie sie über fast anderthalb Stunden lang nahezu alle menschlichen Gefühlsregungen durchexerziert - das ist schauspielerisch ganz groß.

Beitrag von Nadine Kreuzahler, Inforadio

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