Portrait des Fotografen Harald Hauswald (Quelle: imago/imago/Christian Thiel)
Audio: Antenne Brandenburg | 04.05.2017 | Katja Geulen | Bild: imago/Christian Thiel

Interview | Ostkreuz-Fotograf Harald Hauswald - "Bob Dylan wusste gar nicht, wo er ist"

Die Rolling Stones, Bruce Springsteen und Bob Dylan – der Fotograf Harald Hauswald hat für eine Ausstellung am Werbellinsee seine Bilder von legendären Rockkonzerten in Ostberlin rausgekramt. Die Bilder zeigen auch die Stimmung am Anfang vom Ende der DDR.  

Harald Hauswald ist Begründer der Fotografen-Agentur Ostkreuz. Bekannt sind vor allem seine Bilder aus dem DDR-Alltag und der Wendezeit. Subkulturen, Widersprüche, er war immer nah dran. Nun hat er erneut in seinem Archiv gewühlt und zeigt Fotos, die bisher nicht zu sehen waren: Westliche Rockstars im Osten – und ihr Publikum.

Herr Hauswald, Sie haben in den 80er Jahren und bis 1990 West-Musiker auf Ostberliner Bühnen fotografiert. Rockbands aus den USA und Westdeutschland durften plötzlich auftreten. War das die große Offenbarung für Rockmusikfans wie Sie?

Harald Hauswald: Ja. Überhaupt erstmal jemanden aus dem Westen zu sehen – davor hatte ich manche Rocksongs ja nur von DDR-Bands nachgespielt gehört. Nun aber zu sehen, die gibt’s ja echt, zum Anfassen, das war schon eine völlige Veränderung des Lebensgefühls. Denn als Jugendlicher haste gedacht, du wirst nie im Leben Deep Purple live erleben. Und plötzlich gab es das! Es war klar, dass die Konzerte eine Art Ohnmachtshandlung waren, weil man den Jugendlichen was bieten muss. Dass es das Ende der DDR bedeutet, war natürlich nicht klar. Aber dass sich was ändern muss.

Wie kommt es, dass Sie die Berliner Bilder im kleinen Erholungsort Altenhof am Werbellinsee ausstellen?

Das Haus Arton und der Kulturverein "Altenhofer Liedersommer" haben mich eingeladen. Aber es gibt auch einen kulturellen Zusammenhang: in Altenhof gab es ein FDJ-Erholungsheim. Und dort wurden westliche Musiker, wie zum Beispiel Heinz-Rudof Kunze oder auch Bruce Springsteen vor ihren Konzerten verwöhnt, und etwas auf Linie gebracht. Also welche Songs sie lieber von der Liste streichen sollten, und welche Wörter in den Ansagen nicht auftauchten durften. Zum Beispiel die Mauer.

Vernissage in Stones & Co in Weißensee von Harald Hauswald (Quelle: rbb/Katja Geulen)
Zu sehen sind nicht nur die Rockstars, sondern auch das beeindruckte PublikumBild: rbb/Katja Geulen

Ihre Ausstellung heißt "Stones und Co. in Weißensee". Waren die Rolling Stones ihr persönliches Konzert-Highlight?

Als die Rolling Stones kamen, war es ja dann schon der 13. August 1990, das war kurz vor dem Ende der DDR. Ich mag die Stones, aber das ist jetzt nicht das Oberste für mich. Das tollste Konzerterlebnis war schon wirklich Bruce Springsteen 1988. Da hatte ich schon Gänsehaut, als die Fans alle mitgesungen haben. Bruce Springsteen sagt ja selber, dass das sein gigantischstes Konzert war. Offiziell verkauft wurden 160.000 Eintrittskarten, aber dann wurde gestürmt und man schätzt, dass zwei- bis dreihunderttausend Menschen da waren. Wenn man sich überlegt, dass zweihunderttausend DDR-Jugendliche "Born in the USA" singen… Dann war ja klar, dass irgendwas nicht in Ordnung ist. Auch diese riesige USA-Fahne, die da geschwenkt wurde ... wenn die damit übern Alex spaziert wären: zwei Jahre Knast. (lacht)

Aber es gab auch kleinere tolle Konzerte. John Mc Laughlin mit Paco de Lucia auf der Insel der Jugend war auch ein wunderschönes Konzert. Oder Joe Cocker. Absolut enttäuschend war Bob Dylan, der wusste gar nicht, wo er ist.

Warum konnten Sie überhaupt bei den Konzerten fotografieren, Sie waren ja kein offizieller Pressefotograf?

Stimmt, außer mal im "Sonntag" und in der Kirchenzeitung durfte ich in der DDR nicht veröffentlichen. Das mit den Konzertfotos kam so: Der für die Technik bei den Rockkonzerten zuständige FDJ-Typ war in meine Freundin verliebt. Und der hat mir Pressekarten für die Konzerte besorgt. Der oberste FDJ-Chef hat sich zwar immer wieder bei ihm beschwert, 'der Hauswald war ja auch wieder da', aber er hat mir trotzdem immer wieder Karten besorgt. Deswegen konnte ich die ganzen Konzerte aus dem Fotografengraben fotografieren. Also direkt vor der Bühne.

Sie haben aber auch das Publikum fotografiert. Da sieht man neben viel Begeisterung ungläubige Blicke von Fans, die ihr Idol auf der Bühne sehen. Oder auch mal grimmige FDJ-Ordner, die völlig fehl am Platz wirken. Können Sie sich an die einzelnen Situationen erinnern, wenn Sie die Fotos sehen?

Das ist ja das Schöne an Fotos, dass man sich erinnert. Das sind ja optische Notizen. Bei Brian Adams zum Beispiel, da hatte Kati Witt die Moderation übernommen und sagte: 'als ich neulich in Kanada war, habe ich auf einem Empfang Brian Adams kennengelernt'. Dafür wurde sie auch ausgepfiffen.

Manche Fans schauen auch irritiert in die Kamera, als wüssten sie nicht genau, wer sie da aufnimmt und warum. Das könnte man heute wohl nicht mehr machen und schon gar nicht veröffentlichen?

Ich hab nie gefragt, das stimmt. Ich hab immer einfach losfotografiert, und dann hinterher nett gelächelt – und ich hab nie dafür auf die Fresse gekriegt.

Vernissage in Stones & Co in Weißensee von Harald Hauswald (Quelle: rbb/Katja Geulen)
Nicht alle hatten auf den Konzerten Spaß - ihr Frust ist den Ordnern im Vordergrund des obersten Bildes deutich anzusehenBild: rbb/Katja Geulen

Sie sind ja sonst vor allem für Ihre Alltagsszenen bekannt, warum nun diese Konzertfotos? Und wo haben Sie die jetzt ausgegraben?

Eigentlich bin ich Straßenköter, das stimmt. Aber wir hatten schon mal zur Eröffnung dieses Kulturhauses drüber gesprochen, weil es ja hier auch den Altenhofer Liedersommer gibt, dass wir noch mal was mit Rockmusik machen könnten. Und da habe ich im Archiv rumgewühlt – meiner Meinung nach hatte ich so fünftausend Filme aus DDR-Zeiten. Das war ein Irrtum. Es stellte sich heraus, dass es weit über 7.000 Filme sind. Bisher sind nur ein paar Hundert in der Agentur [Anm. d. Red.: Ostkreuz] archiviert. Und für diese Ausstellung haben wir gewühlt und diese Bilder rausgesucht. Bis auf wenige haben die jetzt hier auch Premiere. Also bis auf zwei oder drei Bilder, die schon veröffentlicht sind. Wie die FDJ-niks hier, Pat und Patachon, die sind schon in einem Buch erschienen.

Wie sah denn Ihr bisheriges Archiv zu Hause aus?

Stapelboxen. Mit Kontaktabzügen, damals auf Pergamin. Und die Negativtaschen hab ich hinten rangehängt. Ich habe aber nie wirklich was archiviert, weil ich öfter Hausdurchsuchungen hatte von der Stasi und ich wollte nicht, dass die da einen Selbstbedienungsladen vorfinden. Also die Filme haben keine Nummern, und es stehen keine Jahreszahlen drauf. Aber das wollen wir jetzt nachholen. Das wird richtig Arbeit, aber ich freue mich drauf. Da sind sicher noch Schätze dabei.

Welche Ausrüstung haben Sie damals benutzt?

Ich hatte da schon eine Canon A1, ich hatte ja schon im Westen veröffentlicht, und von dem Honorar hab ich mir die Canon mitbringen lassen. Bei den Orwo-Filmen war Farbe richtig scheiße. Aber schwarzweiß war richtig gute Qualität.

Heute gibt es von jedem Konzert hunderte Handy-Fotos…

Naja, wenn man das Fotos nennen will. Meiner Meinung nach muss ein Foto eine Geschichte erzählen. Was da jetzt gemacht wird ist Massenware, das wird dann einmal verschickt und dann war es das.

Welche der Bands und Musiker von damals würden Sie gerne noch mal sehen?

Ach, naja, ich weiß nicht. Ich hab kein Berliner Rammstein-Konzert verpasst. Mein Musikgeschmack ist wohl etwas härter geworden.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Katja Geulen, Regionalbüro Prenzlau

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