Der Künstler Hiwa K. steht am 07.06.2017 auf der documenta in Kassel (Hessen) vor seiner Installation aus 20 Kanalröhren. (Quelle: dpa/Boris Roessler)
Bild: dpa/Boris Roessler

Start der Documenta in Kassel - Künstler rekonstruiert das Leben im Abwasserrohr

Die Installation des in Berlin lebenden Künstlers Hiwa K ist prominent vor der Haupthalle aufgebaut und schon vor dem Start der Documenta 14 am Samstag ein Publikumsmagnet. In Abwasserrohren, wie er sie nachgebaut hat, lebten Flüchtlinge in Griechenland wochenlang. Von Cora Knoblauch

Ob ihm selbst vor vielen Jahren in so einem Rohr die Flucht von Griechenland nach Italien gelang, darüber gibt Hiwa K unterschiedliche Auskünfte. Meistens erzählt er die Fluchtgeschichte eines Freundes namens K, dessen Initial er sich zu Eigen gemacht hat. K versteckte sich gemeinsam mit anderen Geflüchteten in leeren Abwasserrohren, die von Griechenland nach Italien transportiert werden sollten. Da sie wochenlang in diesen großen, leeren Röhren lebten, richteten sich die Männer nach und nach häuslich und durchaus individuell ein. Es seien im Grunde sehr gemütliche Wohnstätten gewesen, berichtete der Freund.

Kunstwerk von dem Künstlern Hiwa K. auf der Documenta 14 in Kassel (Quelle: rbb/Cora Knoblauch)
Bllick in die Röhre mit Waschbecken. | Bild: rbb/Cora Knoblauch

Hiwa K stammt aus dem Irak, mittlerweile lebt er in Berlin. Anfang des Jahres wurde er mit dem Kunstpreis der Schering Stiftung 2016 ausgezeichnet.

"Jeder kann meine Arbeit verstehen"

Als Künstler bezeichnet er sich selbst aber nicht. Hiwa K hat in Deutschland Gitarre studiert. "Ich bin kein Künstler und auch kein Intellektueller", sagt er, "ich habe eine Arbeit für die Documenta gemacht, die eine einfache Sprache spricht. Jeder kann sie verstehen."

Zwanzig ockerfarbene Rohre hat er in einem Block neben und übereinander gestapelt. "When We Were Exhaling Images" (engl., "Als wir Bilder ausatmeten") heißt die Kunstinstallation. Jedes Rohr ist etwa zehn Meter lang und hat einen Durchmesser von cirka 90 Zentimetern. Zu beiden Seiten sind sie offen. Stehen kann man in den Rohren aus Steinzeug nicht, nur kauern und liegen.

Design- und Architekturstudenten aus Kassel haben die Rohre innen individuell ausgestaltet. Es gibt eine kleine Bibliothek, eine Bar, ein Bad und einen Kräutergarten. Schlafen könnte man in den Rohren selbstverständlich auch. Gemütlich wirken die Miniatur-Wohnungen. Eigentlich wollte der Künstler sie während der Documenta über AirBnB vermieten, aber das erlaubten die deutschen Behörden nicht.

Abwasserrohre schon jetzt Publikumsmagnet

Schon jetzt ist diese öffentlich zugängliche Installation - prominent vor der Documenta Halle im Freien aufgebaut - ein Publikumsmagnet.

War es nicht beklemmend für die Geflüchteten, wochenlang in solchen Rohren auszuharren? "Nein, ganz und gar nicht!", erzählt Hiwa K. Abgesehen von den Unsicherheiten einer Flucht stellten die Rohre eine durchaus schützende und gemütliche Behausung dar. Die Installation will er auch nicht als Kunst über die Flüchtlingskrise verstanden wissen.

"Wenn Du in so einem Kanalrohr lebst, dann merkst Du ganz schnell, welche Dinge dir wirklich etwas bedeuten."

Hiwa K

Der irakisch-deutsche Künstler Hiwa K ist fasziniert vom Leben in der Horizontalen. "Wir im Kapitalismus sind besessen von der Vertikalen" sagt er. "Wir respektieren alles, was höher reicht, was oben ist. Es ist wirklich eine Frage unserer Klassengesellschaft. Untere Gesellschaftsschichten, den Süden, alles was unter uns liegt, respektieren wir nicht." Es würden zum Beispiel weltweit billige Sozialwohnungen abgerissen, um teure Hochhäuser zu bauen. "Ich möchte den Blick lenken auf die Horizontale." Hiwa K lächelt.

Überhaupt strahlt der 41-jährige Iraker eine große Freundlichkeit und viel Humor aus. Was er sagt, ist aber durchaus ernst gemeint: "Der Mensch brauchte ja hunderttausende Jahre, um sich aufzurichten und auf zwei Beinen zu gehen. Danach hat er sich seine Umwelt unterworfen. Das Resultat sehen wir ja." Wieder lächelt der Installationskünstler.

Reduktion auf das Wesentliche in der Horizontalen

Ein Leben in der Horizontalen sei ziemlich spannend, findet der in Berlin lebende Iraker. Unsere Wohnungen stopften wir voll mit Zeugs, schmissen weg und kauften wieder neu, sagt er. Wenn man horizontal lebe, würde man eine andere Beziehung zu den Dingen entwickeln. "Man muss sich genau überlegen, welche Dinge einem am wichtigsten sind, die hat man dann nämlich nah bei sich dran. Wenn Du in so einem Kanalrohr lebst, dann merkst Du ganz schnell, welche Dinge dir wirklich etwas bedeuten."

Kunstwerk von dem Künstlern Hiwa K. auf der Documenta 14 in Kassel (Quelle: rbb/Cora Knoblauch)
Bild: rbb/Cora Knoblauch

Auf das Thema Flucht kommt Hiwa K am Ende aber dann doch nochmal zu sprechen. "Sehen Sie, die großen Flüchtlingskrisen stehen uns doch noch bevor. Wir erleben doch gerade erst den Anfang. Wenn in den nächsten 70 Jahren viele Länder wegen des Klimawandels kaum noch bewohnbar sind, dann kann ich nur sagen: viel Glück uns allen!", lacht Hiwa K.

Kritik: Zu viel Spektakel bei der Documenta 14

"When We Were Exhaling Images" ist ein gutes Beispiel für Denkrichtung der 14. Documenta. Fast alle gezeigten Positionen beschäftigen sich mit der krisengeschüttelten Welt. Manch einem Kritiker ist das zu plakativ. Die Kunst in Kassel würde das Elend der Welt vor sich hertragen, mokieren sich manche Kunstwissenschaftler. Zu viel Spektakel und zu wenig Inhalte, bemängeln einige Kunstjournalisten.

Ab Samstag (10.06.2017) ist die 100-Tage Schau für das allgemeine Publikum geöffnet. Wie es die kuratorische Arbeit der diesjährigen Documenta aufnehmen und bewerten wird, bleibt mit Spannung abzuwarten.   

Sendung: Inforadio, 10.06.2017, 11 Uhr

Beitrag von Cora Knoblauch

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