Eine Theatervorführung von ACT e.V. in Berlin (Quelle: ACT e.V/Lukas Oertel)
Interview: Kulturradio, 20.06.2017 | Bild: e.V/Lukas Oertel

Interview | Dokfilm von Rosa von Praunheim - Sie führen Regie über das eigene Leben

Beim Jugendtheaterprojekt ACT in Neukölln führen Jugendliche Regie. Und natürlich spielen sie auch. Rosa von Praunheim hat darüber einen Dokumentarfilm gemacht, der ab Donnerstag in den Kinos läuft. Ein Gespräch über Sitzenbleiber, Sinnlichkeit und Theater als Familie.

Monatelang hat Filmemacher Rosa von Praunheim die frühere Lehrerin Maike Plath begleitet. Die hatte zehn jahre lang an einer Neuköllner Hauptschule unterrichtet, hat aus der Unmöglichkeit, normalen Unterricht zu machen, die Freiheit des Theaterspielens entwickelt. Dann hat sie gekündigt, den Verein "Act" gegründet und inszeniert nun mit Kindern und Jugendlichen im Heimathafen Neukölln.

rbb: Was hat Sie bei den Dreharbeiten am stärksten beeindruckt: Dieser Lebensweg der Maike Plath oder die Kinder und Jugendlichen aus Neukölln, die was völlig anderes machen?

Regisseur Rosa von Praunheim (Quelle: imago/Seeliger Regisseur)
Rosa von Praunheim | Bild: imago/Seeliger Regisseur

Rosa von Praunheim: Sicher beides. Aber klar, mich interessieren Menschen, und Jugendliche sind ja immer sehr spannend. Und hier haben auch viele einen migrantischen Hintergrund oder kommen aus schwierigen Verhältnissen. Und es ist natürlich immer spannend da nachzufragen und zu sehen, wie ihnen Theater hilft. Diese Theatergruppe ist ja so eine Art Familie und Schutzraum für einige geworden. Das ist das Schöne – vor allem weil sie hier eine Bestätigung kriegen. Viele, die sonst im Leben, in der Schule absacken. Ich meine, ich selbst bin dreimal sitzengeblieben, habe noch nicht mal die Mittlere Reife, galt als doof und war eigentlich nur verträumt. Ich glaube, vielen, die viel Fantasie haben, geht das so, dass sie in der Schule, im normalen Unterricht, keine Bestätigung kriegen. Aber hier im Theater, wo Fantasie gefordert ist, da blühen sie auf – und das ist so wunderbar.

Und zwar indem Maike Plath den Kindern und Jugendlichen selbst die Verantwortung übergibt. Sie selbst sind Regisseure, sie schreiben die Texte, sie dürfen inszenieren. Wie finden Sie dieses Konzept?

Dieser Satz "Act – führe Regie über Dein Leben", das ist ja eigentlich dieser wichtige Satz, und der sollte uns alle betreffen. Die Kids kriegen von vornherein eine Aufgabe und sagen: Du und Du und Du, Ihr führt jetzt Regie, Ihr leitet die anderen an. Es ist was sehr Schönes, dass sie eben nicht nur Befehlsempfänger sind.

Gab es Kinder und Jugendliche, die Sie besonders beeindruckt haben?

Wir hatten so einen Zwölfjährigen, der unheimlich toll war. Der wollte Modedesigner werden, und mit zwölf hat der schon seine Modezeichnungen gemacht und war sowas von selbstbewusst…. So ein Typ ist ja auch leicht ein Opfer in der Schule. Aber der konnte sich unheimlich behaupten und wehren, das war großartig zu sehen. Auch bei anderen war zu sehen, dass sie durch die Gruppe ein Selbstverständnis bekamen - den Mut, zu sich selbst zu stehen.

Vorstand von ACT e.V.: Maike Plath (l) Stefanie López (m) und Friederike Faber (r) (Quelle: ACT e.V. / Maria Zillich)
Der Vorstand von ACT e.V. (von links: Maike Plath, Stefanie López und Friederike FaberBild: ACT e.V./Maria Zillich

Wie gewagt fanden Sie die inhaltliche Themensetzung von Maike Plath, also zum Beispiel die Auseinandersetzung mit Religion?

Maike macht das sehr sensibel und auch der Ort ist offen, tolerant und nicht dogmatisch…  jeder hat da so seinen eigenen Glauben. Sie fängt an damit, dass jeder aufschreibt, was er als Kind geglaubt hat, was ja oft sehr absurd ist. Daraus entwickeln die dann Dinge, und da kommen erstaunlich intelligente Sachen heraus.

Was ist Rosa-von Praunheim-typisch an diesem Film?

Mein Interesse an Menschen. Hier war es natürlich ein Glücksfall, dass es eine Gruppe war, die mich sehr interessiert hat. Und Maike Plath, die ja schon viel inszeniert hat. Das Tolle ist, dass sie inhaltlich und politisch ist, aber eben auch formal unheimlich interessant ist. Sie arbeitet viel mit Bewegungen, Choreografien, Gesängen und Tänzen.

Und zwischen den inhaltlichen Sachen kommen immer wieder formale Sachen zum Ausdruck. Eine große Sinnlichkeit. Das ist sehr, sehr intelligent und toll gemacht. Ich bewundere ihre Arbeit als Regisseurin; aber auch die Art, wie sie mit den Jugendlichen umgeht. Ich meine, in Neukölln gibt es viele, die den Rückhalt von ihren Eltern nicht haben. Besonders natürlich auch muslimische Frauen, denen wird oft verboten, Theater zu machen, die aber trotzdem irgendwie kommen und ihre Tricks finden. Das ist so wichtig. Und Maike sagt, dass es einen Riesenunterschied gibt zwischen denen, die in ihrer Schulzeit Theater gemacht haben und denen, die das nicht durften.

Das Interview führte Frank Schmid für kulturradio

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