ESC-Party im Schwuz (Quelle: rbb Aktuell)
Bild: rbb

Interview | Berlins ältester queerer Club - "Ich hätte nie gedacht, dass das SchwuZ 40 wird"

Das Berliner SchwuZ ist Deutschlands größter und ältester Club für queere Menschen. Club-Chef Florian Winkler-Ohm und Archivar Heiner Beißwenger über bewegte Nächte, aktuelle Rassismus-Vorwürfe und noch ungenutzte Keller.

rbb|24: Herr Beißwenger, Herr Winkler-Ohm, können Sie sich an Ihren ersten Besuch im SchwuZ erinnern?

Florian Winkler-Ohm: Oh ja! (lacht) Das war Ende der 90er Jahre. Ich komme ursprünglich aus Augsburg und mich hat Berlin schon immer fasziniert, zumindest seit ich 18 war und in ein Auto steigen konnte. Bei einem meiner ersten Besuche in Berlin kam ich bei Freunden an, und die sagten: Wir gehen jetzt in so ‘nen Kellerclub, der ist ganz in! Dieser Kellerclub war das SchwuZ, das damals noch am Mehringdamm war. Da war eine unbeschreibliche Stimmung! Ich kam mir zwar vor wie eine Sardelle in Öl, weil es furchtbar heiß und furchtbar eng war, aber es war eine wahnsinnig gute Stimmung – da erinnere ich mich gern dran.

Heiner Beißwenger: Das erste Mal war ich 1977 im SchwuZ, das damals noch HAW hieß, für Homosexuelle Aktion West-Berlin. Da war ich gerade 21, hatte mein Coming Out und großen Redebedarf. Den konnte ich aber in der HAW nicht stillen, weil da die Themen nicht Coming Out waren, sondern harte politische Diskussionen, von denen ich überhaupt nichts verstand.

Also war Ihre erste Erfahrung mit dem SchwuZ gar nicht mal so positiv.

Heiner Beißwenger: Was mich aber nicht abgeschreckt hat, wiederzukommen! Als Gast war ich öfter in den damaligen Räumen des SchwuZ in der Kulmer Straße in Schöneberg. Da ging ich ab und zu hin – mal war offen, mal war zu. Es war sehr unstet. Auch die Räume waren nicht sehr schön: Eine große leere Halle mit einer kleinen Theke, die relativ baufällig war. Es war ziemlich ranzig damals, Anfang der 80er.

Aber Sie haben dafür gesorgt, dass das nicht so blieb?

Heiner Beißwenger: Es hat sich damals eine kleine Gruppe gebildet, die das SchwuZ erhalten wollte, um Gruppen die Möglichkeit zu bieten, sich zwanglos und unverbindlich zu treffen, ohne dass sie etwas bezahlen mussten und es großartige Formalitäten gibt. Das war für mich der Hauptgrund einzusteigen. Wir haben dann immer aufgeschlossen und für die Getränke um den Selbstkostenpreis gebeten.

Das historische Plakat läd zur großen Überlebensfete des Schwuz im Januar 1982 ein. (Quelle: SchwuZ)1992 musste das SchwuZ ums Überleben kämpfen - und lud zur Party

Aber auch damals musste doch schon Miete bezahlt werden.

Heiner Beißwenger: Natürlich mussten wir Partys machen, damit wir Geld reinkriegen. Das Problem war: Wir hatten einen großen leeren Raum, und sobald die Leute kamen und sahen, dass nichts los ist, gingen sie wieder – und das obwohl wir damals keinen Eintritt verlangten. Im Januar 1982 haben wir dann eine Überlebensfete fürs SchwuZ gestartet. Und im Rahmen dessen fand sich ein fester Kern an Menschen zusammen. Wir haben dann Konzepte entwickelt: Wie hält man die Leute in den Räumlichkeiten? Und natürlich Musik besorgt, mit DJs.

Es gab vorher weder Musik noch DJs?

Heiner Beißwenger: Das hat jeder von uns mal so nebenbei mit gemacht – da war eine Theke und daneben eine Ecke mit Plattenspieler, in der Musik gespielt wurde. Ich habe dann Tücher auf dem türkischen Markt am Maybachufer gekauft, diese von der Decke gehängt, und wir haben Sitzecken eingerichtet. Danach hat sich das SchwuZ dann immer mehr gefüllt, sodass wir nach kurzer Zeit die Tücher sogar wieder abnehmen mussten, weil der Platz einfach zu eng wurde. Aber selbst da, als es schon besser lief, hätte ich nie gedacht, dass es 40 Jahre später das SchwuZ noch gibt, und das in dem Ausmaß – das ist natürlich großartig!

Denn das SchwuZ musste immer wieder ums Überleben kämpfen?

Heiner Beißwenger: Definitiv. Uns wurden die Räume gekündigt – dann haben wir drum gekämpft, dass sie erhalten blieben. Dann haben wir Leute gesucht, die arbeiten, aber umsonst, denn Geld konnten wir nicht zahlen. Ich selbst habe lange jedes Wochenende umsonst geputzt, nur für eine Flasche Sekt als Ersatz-Lohn.

Florian Winkler-Ohm: Das schaffen wir heute nicht mehr, dass Menschen für eine Flasche Sekt den Club putzen.

Womit wir schon bei der Frage sind: Wie hat sich das SchwuZ in den 40 Jahren seit seiner Gründung verändert?

Heiner Beißwenger: Es ist vom Wohnzimmer zum großen Veranstaltungsort geworden. In den Anfangsjahren gab es nicht viele Möglichkeiten für schwule Männer, sich zwanglos zu treffen – aber das SchwuZ war ein Ort dafür. Damals hat sich eine schwule Schülergruppe im SchwuZ gegründet, außerdem das rosa Telefon, der Vorläufer der Berliner Schwulenberatung, und dann, ganz wichtig, die "Siegessäule" – das queere Stadtmagazin, das es bis heute an jeder Ecke in Berlin gibt. Die konnten im SchwuZ ihre Redaktion aufmachen und haben damals nichts bezahlt für die Räume, weil sie kein Geld für die Raummiete hatten. Ohne das SchwuZ gäbe es also die "Siegessäule" gar nicht!

Florian Winkler-Ohm: Vor allem die Besucher*innen haben sich verändert. Während ich das SchwuZ in den ersten Tagen meiner Berlin-Zeit als sehr schwulen Club wahrgenommen habe, erlebe ich heute ein SchwuZ, das hochdivers ist. Da sind trans*-Personen, queerfeministische Personen, Menschen im Rollstuhl, die auf der Tanzfläche mittanzen – einen größeren, bunteren Club kann ich mir gar nicht vorstellen. Das ist die schönste Veränderung, zumindest aus meiner Sicht.

Andere gesellschaftliche Veränderungen – zum Beispiel die größere Sensibilität gegenüber Minderheiten – führen beim SchwuZ aktuell immer wieder zu Konflikten. Erst vor knapp drei Wochen wurden Vorwürfe laut, SchwuZ-Türsteher*innen hätten Schwarze Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe den Eintritt zu einer Party verwehrt, bei der mit Beyoncé ausgerechnet eine Schwarze Künstlerin gefeiert wurde.

Florian Winkler-Ohm: Vorweg: Natürlich sind Schwarze Menschen im SchwuZ willkommen. Sich in Bezug auf diese Vorwürfe zu positionieren ist äußerst schwierig, auch weil ich in dieser Nacht nicht vor Ort war. Fakt ist: Mehrere Menschen wurden an diesem Abend abgewiesen und es kam im Zuge dessen zu Verletzungen, die das SchwuZ ganz sicher nicht beabsichtigt hat.

Würden Sie sagen, in der Reaktion des SchwuZ auf diese Vorwürfe sind Fehler passiert?

Florian Winkler-Ohm: Dass ein solcher Vorfall nicht für alle Seiten zufriedenstellend aufgearbeitet werden kann, liegt in der Natur der Sache. Die Gemüter sind erhitzt. Gerade in den Sozialen Medien schaukelt sich eine Situation schnell hoch, und Menschen, die selbst gar nicht dabei waren, positionieren sich plötzlich mit einer sehr starken Meinung. Auch über viele Jahre an verschiedenen Orten gemachte Erfahrungen mit Diskriminierung und Rassismus beeinflussen sicherlich die aufgeladene Stimmung. Wir fanden es vor allem wichtig, zu signalisieren: Wir hören euch zu und wir nehmen auch kritische Standpunkte zum SchwuZ an.

Welche Konsequenzen hat das SchwuZ aus den Vorfällen gezogen?

Florian Winkler-Ohm: Wir haben zahlreiche Personen bei uns an einen Tisch geholt – Vertreter*innen der betroffenen Menschen ebenso wie unsere Mitarbeitenden – und wir haben daraus in gemeinsamer Abstimmung ein Statement entwickelt. Außerdem gab es diese Woche ein Gespräch mit der Organisation "White Guilt Clean Up", die von den Menschen, welche die Vorwürfe geäußert haben, vorgeschlagen worden ist.

Das historische Plakat läd zur Party zum 5jährigen Bestehen des Schwuz am 16.6.1982 ein. (Quelle: SchwuZ)
So sah der 5. Geburtstag des SchwuZ aus. | Bild: SchwuZ

Und was passiert nach diesem einen Gespräch?

"White Guilt Clean Up" wird jetzt noch einmal mit beiden Seiten sprechen und am Schluss einen Punkte-Plan vorlegen, um die Frage zu klären: Was kann das SchwuZ als Club noch besser machen als bisher? Ich glaube, es gibt kaum einen Club in Berlin, der mit so offenen Türen und so großen Awareness-Programmen arbeitet wie das SchwuZ. Wir haben Geflüchtete als Übersetzer*innen an der Tür, wir haben Broschüren gedruckt in zwölf Sprachen, in denen wir unseren Ansatz für Inklusion erklären. Wir haben auch in der Vergangenheit schon einen Anti-Rassismus-Workshop gemacht, mit einem Vertreter der Antidiskriminierungsstelle des Bundes. Wir haben Menschen aus dem queeren Bereich an der Tür beschäftigt, deren schwierige Arbeit man auch wirklich mal loben kann. Wir werden in naher Zukunft auch auf der Homepage einen eigenen Bereich einrichten, wo wir erklären, was wir in unseren eigenen Awareness-Programmen gerade leisten.

An vielen Abenden ist die Schlange vor dem SchwuZ lang. Gibt es Erweiterungspläne?

Florian-Winkler-Ohm: Alle vorhandenen Kellerräume und auch unsere Nebenräume, die wir noch mit dazu nehmen können, sind noch nicht Brandschutz-ertüchtigt. Und wenn wir über Brandschutz reden, können sich Menschen kaum vorstellen, wie teuer das ist. Um eine Fläche wie das SchwuZ mit Notausgängen auszustatten, einer Brandschutz-Meldeanlage oder Türkontakten, die Alarm auslösen, braucht man so viel Geld, dass wir auf jeden Fall in den nächsten zwei, drei Jahren nicht über eine Erweiterung des Clubs nachdenken müssen.

Schild an der Theke des SchwuZ, Quelle: rbb
2013 verabschiedete sich das Schwuz aus Kreuzberg und zog nach Neukölln | Bild:

Aber das SchwuZ steht in der Zukunft wahrscheinlich nicht still?

Florian-Winkler-Ohm: Ich kann mir durchaus vorstellen, das SchwuZ noch mehr zu einem Kulturstandort werden zu lassen. Wir könnten wieder queere Kinoabende machen, uns Theatergruppen ins Haus holen, Ausstellungen organisieren oder Diskussionen veranstalten. Vieles von dem machen wir schon, für anderes braucht es einfach noch mehr Ressourcen und vor allem Zeit. Aber das SchwuZ wird immer Veranstaltungen leisten können, die nicht hochprofitabel sind. Wir haben große Renner in unserem Programm, die uns Geld einbringen, das wir in andere Bereiche investieren können. So können wir auch einen Diskussionsabend machen, zu dem nur 30, 40 Leute kommen, und für die wir trotzdem das ganze Personal brauchen, sei es für Tür, Garderobe oder Bar. Das ist nicht mehr wirtschaftlich, aber es ist sinnvoll und notwendig. Diesen Bereich noch mehr auszubauen, würde ich mir wünschen.

Das Interview führte Klaas-Wilhelm Brandenburg für rbb|24.

Auf Wunsch des SchwuZ wird in dem verschriftlichten Gespräch Gender-sensible Sprache verwendet.

Sendung: Abendschau, 23.06.2017, 19.30 Uhr

Das steckt hinter 40 Jahren SchwuZ

Das SchwuZ (kurz für SchwulenZentrum) wurde 1977 aus der Homosexuellen Aktion Westberlins (HAW) heraus gegründet und war Treffpunkt für verschiedenste queere Gruppen. Allerdings kam vor dem Club das politische Engagement: Mit der HAW gründete sich schon 1974 der Verein, aus dem später das SchwuZ hervorging. Er kämpfte für die Abschaffung des sogenannten Schwulenparagraphen 175 des Strafgesetzbuches, der sexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe stellte. Außerdem organisierte die HAW 1979 den ersten Christopher Street Day Deutschlands in Berlin. Partys gab es in den ersten Jahren des SchwuZ nur samstags unter dem Namen "Männerfang". 1987 folgte der Umzug in die Hasenheide am Südstern, und 1995 dann zum Mehringdamm, wo das SchwuZ 18 Jahre blieb. Im November 2013 feierte das SchwuZ seine Neueröffnung in den ehemaligen Räumen der Neuköllner Kindl-Brauerei. Heute bietet der Club Platz für etwa 1.000 Menschen und beherbergt um die 260 Veranstaltungen pro Jahr – nicht nur Partys, sondern zum Beispiel auch Messen oder Kongresse.

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Bitte beachten Sie unsereNetiquette zum Kommentieren von Beiträgen.

Das könnte Sie auch interessieren

Berliner Rapper Capital Bra (Quelle: rbb/ Abendshow)
rbb/ Abendshow

Berliner Rapper in Spotify-Charts - Wer dieser Capital Bra ist

In den Spotify-Charts Deutschland hat es Capital Bra aus Hohenschönhausen bis an die Spitze geschafft. Über 28 Millionen Klicks hat einer seiner Songs auf Youtube. Dabei war sein Start alles andere als unkompliziert - und er selbst ist es bis heute nicht. Von Tom Garus

Künstlerkolonie Berlin (Quelle: rbb)
rbb

Video | Künstlerkolonie Berlin - Das war mal "roter Block"

Nirgendwo in Berlin haben so viele Künstler und Intellektuelle an einem Ort gewohnt: Vor 90 Jahren sind die ersten Mieter in die sogenannte Künstlerkolonie Berlin gezogen. Künstler, wie Ernst Bloch, Alfred Kantorivicz, Erich Weinert, Steffi Spira oder Ernst Busch.