Eine alte Notenschrift in einem Buch
Audio: Inforadio | 25.08.2017 | Judith Köchendörfer | Bild: imageBROKER/Martin Jung

Berliner Musiklabel - EDA Records spürt Werke jüdischer Komponisten auf

Immer wieder geraten Musikwerke nach einigen Jahren in Vergessenheit, wenn sich der Musikgeschmack ändert. Im Falle von jüdischen Komponisten in der NS-Zeit wurden viele Werke aber bewusst vernichtet. Diese Arbeiten wieder hervorzuholen, hat sich das Label EDA Records zur Aufgabe gemacht. Von Judith Kochendörfer

Frank Harders-Wuthenow betreibt zusammen mit Tilman Kannegießer das Label EDA Records. "Edition Abseits" hieß es zu Beginn, weil es sich der Musik widmete, die lange im Abseits stand - und zwar nicht aus Qualitätsgründen, sondern weil sie aktiv dorthin gedrängt wurde: von den Nationalsozialisten. Wenn man sehe, welche Komponisten in Theresienstadt waren und dann in den Gaskammern der Nazis umgebracht wurden, sei das eine echte Verzerrung von kulturgeschichtlichen Entwicklungen, die sie unbedingt wieder zurechtrücken müssten, sagt Harders-Wuthenow zu seinen Motiven.

"Man kann nicht einfach in die Bibliothek gehen"

Dort, wo Kunst sich frei entwickeln könne und sich in einem freien Wettbewerb behaupten müsse, seien viele Dinge zu Recht "auf dem Humus" gelandet, sagt Harders-Wuthenow. "Aber in einer Zeit, wo Künstler systematisch verfolgt und ermordet wurden, kann man nicht von einem natürlichen Ausleseprozess sprechen." Deswegen hätte EDA Records mit ihrem Programm in den letzten Jahren einen anderen Blick auf Musikgeschichte eröffnet.  

Polen und Tschechien sind Schwerpunkte in der Arbeit von EDA Records. Die Komponisten heißen etwa Viktor Ullmann, Józef Koffler oder Hans Krása.  

Die beiden Label-Betreiber arbeiten beim Notenverlag Boosey & Hawkes. EDA Records aber ist ihnen eine reine Herzensangelegenheit, für die sie seit 27 Jahren ihren Feierabend opfern: wenn eine Aufnahme ansteht, ein Orchester verpflichtet wird, ein Studio gesucht oder ein Tonmeister bestellt. Und manchmal müssen überhaupt erst die Noten gedruckt werden. "Viel von dem, was wird in den letzten Jahren eingespielt haben, musste erstmal zugänglich gemacht werden, damit es Musiker überhaupt spielen können", sagte Harders Wuthenow. Bei vielen der Werke könne man nicht einfach in die Bibliothek gehen und ins Regal greifen.

Verdrängte Komponisten wieder ins Gespräch bringen

So sind die beiden Labelgründer und auch die Künstler selbst musikhistorisch aktiv. Sie forschen in russischen oder polnischen Archiven und fördern Manuskripte zutage, die sie erstmal verlegen müssen, bevor sie dann eingespielt werden können. "Unser eigentliches Ziel ist es nicht, tolle CDs herauszubringen, sondern Komponisten wieder ins Gespräch zu bringen", so Harders-Wuthenow. Mit ihrem Label wollten die beiden Werke aus diesem "traumatischen Loch" herauszuholen, in das sie die Nazis und auch die Kommunisten gestoßen hätten.

Und wenn dann andere Labels die Stücke aufgreifen und in größerem Rahmen produzieren, dann sieht Frank Harders-Wuthenow seine Aufgabe erfüllt - wie kürzlich erst geschehen bei einer Aufnahme des Komponisten Szymon Laks. Denn dann merke er, so Harders-Wuthenow, dass es fast noch schöner sei, als selbst eine Platte zu produzieren, wenn die Komponisten, um die man gekämpft habe, plötzlich international Anerkennung fänden, nachdem sie 50 oder 60 Jahre lang vollkommen verdrängt gewesen wären.

Beitrag von Judith Kochendörfer

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