Deutscher Regisseur und Ex-Intendant der Volksbühne (Quelle: dpa/Robert Newald)
Bild: www.picturedesk.com/Robert Newald

Umfrage von "Theater heute" - Berliner Volksbühne ist "Theater des Jahres"

Frank Castorf zeigt es nach seinem Ende als Intendant der Berliner Volksbühne noch einmal allen. Zusammen mit seinem Team ist er im jährlichen Bühnenranking der deutschsprachigen Theaterkritiker an die Spitze gewählt worden.

Die Berliner Volksbühne ist zum "Theater des Jahres" gewählt worden. Wie die Fachzeitschrift "Theater heute" am Donnerstag mitteilte, sind Frank Castorf und sein Team im jährlichen Bühnenranking der deutschsprachigen Theaterkritiker auf Platz eins gelandet. Für die Volksbühne stimmten laut "Theater heute" 18 der 46 befragten Kritiker aus Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Die Berliner Volksbühne habe in ihrer "perfekt inszenierten Abschiedsspielzeit" bei den Kritikern der diesjährigen Hitparade noch einmal nachhaltig Eindruck gemacht, so "Theater heute". Die Volksbühne, die den Begriff "Stadttheater" neu definierte, spalte kämpferisch die Theaterrepublik.

Auch Schauspielerin des Jahres von Volksbühne

Die Stimmen der Theaterexperten sind immer breit gestreut, da sie frei aus allen deutschsprachigen Häusern wählen können. Es gibt keine Nominierungsliste.

Zur "Schauspielerin des Jahres" wurde Valery Tscheplanowa (18 Stimmen) gekürt, die in Castorfs letzter großer Volksbühnen-Inszenierung "Faust" mitspielte. "Schauspieler des Jahres" ist Joachim Meyerhoff (11 Stimmen). Er erhält die Auszeichnung für seine Rolle in "Die Welt im Rücken" nach Thomas Melles gleichnamigem Borderline-Roman am Wiener Akademietheater.

"Drei Schwestern" begeisterte auch beim Berliner Theatertreffen

"Inszenierung des Jahres wurde Milo Raus "Five Easy Pieces" (9 Stimmen) über das Leben und die Verbrechen des belgischen Kindermörders Marc Dutroux - nachgespielt von Kindern und vom Publikum mit großer Betroffenheit aufgenommen. Das "Stück des Jahres" ist Simon Stones radikale Tschechow-Überschreibung "Drei Schwestern" (8 Stimmen) vom Theater Basel, die auch das Publikum des diesjährigen Berliner Theatertreffens begeisterte.

Beste Nachwuchsschauspielerin ist nach Angaben des Berliner Ensembles Sina Martens geworden, die mit der Spielzeit 2017/2018 Oliver Reese an das BE folgen wird. 

Volksbühne ist auch "Ärgernis des Jahres"

Nach einem Vierteljahrhundert hat Castorf zum Ende der Spielzeit die Volksbühne verlassen, mit der er bereits im vergangenen Jahr (zusammen mit dem Berliner Gorki Theater) und im Jahr 1993 die begehrte, undotierte Auszeichnung holte. Castorfs Nachfolger ist der umstrittene belgische Museumsexperte Chris Dercon, dessen Start Anfang September die skeptische Theaterszene mit Spannung erwartet und auch die Theaterkritiker nachhaltig beschäftigt.  

"Wird hier ein epochemachendes Experiment gewaltsam von einer inzwischen abgewählten Berliner Kulturpolitik beendet, oder gehört Veränderung zum Stadttheater?", fragen die Theaterexperten mit Blick auf den Kulturkampf, der zwischen Castorf-Fans und Dercon-Befürwortern tobt. "Wird ein einmaliges Team zerrissen und durch vage Kuratorenversprechungen ersetzt? Oder braucht die Stadt wieder neue künstlerische Öffnungen und Impulse?"

Nahtlos kommt die Kritikerjury so auch vom besten Theater der Saison zum "Ärgernis des Jahres", das sich ebenfalls rund um die Volksbühne dreht. Über nichts habe man sich in Theaterkreisen in der Spielzeit 2016/17 begeisterter, wütender und wehmütiger erregt als über Castorfs Abschied, die Pläne des neuen Chefs Dercon und die Berliner Kulturpolitik.

Trauer und Wut gebe es, aber gelegentlich doch auch "Unverständnis für die unversöhnliche Haltung der bisherigen Volksbühnen-Crew gegenüber den Nachfolgern". Zeit also, in die Zukunft zu blicken!

Sendung: Inforadio, 31.08.2017, 8.20 Uhr

Kommentar

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2 Kommentare

  1. 2.

    Gratulation.Mal Schauen was nun auf das Theater zukommt.

  2. 1.

    So ist das eben: Man soll aufhören, wenn es am schönsten ist.

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