Archivbild: Inge Deutschkron hält als Ehrengast an der Gedenkstätte Neue Bremm in Saarbrücken am 27.01.2014 einen Vortrag. (Quelle: imago)
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Inge Deutschkron wird 95 Jahre alt - "Ich lebe, und die Banditen, die mich töten wollten, nicht"

Sie ist Holocaust-Überlebende und unermüdliche Kämpferin gegen Hass, Rassismus und Rechtsextremismus. Am Mittwoch wird Inge Deutschkron 95 Jahre alt. Jeder Geburtstag, sagte die Publizistin einmal, sei für sie ein persönlicher Triumph.

Inge Deutschkron hat den Holocaust im Untergrund in Berlin überlebt und kämpft seither hartnäckig, engagiert und mit dem ihr eigenen Humor dafür, dass sich die Schrecken des Nationalsozialismus nicht wiederholen. Weltberühmt wurde sie, als 1978 ihre Autobiografie "Ich trug den gelben Stern" erschien. Am Mittwoch wird die Publizistin nun 95 Jahre alt. Anlass für Politik und Prominenz, ihre Persönlichkeit und ihr Wirken zu würdigen.

Den mörderischen Terror am eigenen Leib gespürt

In einem am Dienstag veröffentlichen Glückwunschschreiben hob Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier das Engagement der jüdischen Autorin für Demokratie, Freiheit und das Gedenken an die Ermordeten und Verfolgten der NS-Zeit hervor. "Sie haben am eigenen Leib erfahren, was es bedeutet, wenn Menschenrechte und Menschenwürde mit allen Mitteln staatlicher Gewalt zerstört werden."

Deutschkron sei ein Vorbild für Engagement gegen Rassismus und Antisemitismus, betonte auch Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD). Ihre Lebensaufgabe sei "die Erzählung ihrer Lebensgeschichte: in ihren Büchern, in vielen Gesprächen und Interviews, in
persönlichen Begegnungen und in den Medien", so Müller. "Sie hat in ihrer Jugend im nationalsozialistischen Berlin Verfolgung erlitten, sie hat die Menschenverachtung und den mörderischen Terror dieses Regimes in unserer Stadt mit Leib und Seele gespürt."

Die Erinnerung an diese Epoche deutscher Geschichte sei unverzichtbar, um die Rückkehr
des Unrechts zu verhindern. "Dafür kämpft Inge Deutschkron in der ihr eigenen sympathischen Mischung aus energischer Durchsetzungskraft und liebevollem Humor", so Müller.

"Ich feiere meinen Geburtstag immer wieder"

Inge Deutschkron wurde 1922 als Kind jüdischer Eltern im brandenburgischen Finsterwalde geboren und wuchs in Berlin auf, wo sie auch während der nationalsozialistischen Machtergreifung blieb. In ihrer Autobiografie "Ich trug den gelben Stern" erzählt sie ihre dramatische Überlebensgeschichte als Jüdin in Berlin.

Versteckt von den "stillen Helden" - den wenigen deutschen Nichtjuden, die den Verfolgten halfen - überlebten Deutschkron und ihre Mutter die Terrorherrschaft der Nazis. "Ich feiere meinen Geburtstag immer wieder. Viele alte Leute tun das nicht", sagte die Schriftstellerin und Journalistin einmal. "Ich sage immer, das ist der Tag meines Triumphes. Ich lebe, und die Banditen, die mich töten wollten, nicht."

Joachim Gauck und Inge Deutschkron (Bild: dpa, 30.01.2013)
Joachim Gauck bedankt sich 2013 bei Inge Deutschkrohn für ihr Rede zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus.Bild: dpa-Bildfunk

Sie lebte in Berlin, England und Tel Aviv

Nach dem Zweiten Weltkrieg wanderte sie zunächst nach England aus, kehrte jedoch 1956 nach Deutschland zurück, um als Journalistin zu arbeiten. 1972 zog sie aus Verärgerung über wieder aufflammenden Antisemitismus in der deutschen Politik und die antiisraelische Haltung der Achtundsechziger-Bewegung nach Tel Aviv. Sie arbeitete dort bis 1988 als Redakteurin. Erst danach ließ sie sich wieder in Deutschland nieder.

2006 gründete Deutschkron eine Stiftung, um "insbesondere der jüngeren Generation über den Geschichtsunterricht hinaus Informationen über die Schrecken des Nationalsozialismus in Deutschland zu vermitteln, um dem Wiederaufleben rechtsradikaler Tendenzen entgegenzuwirken".

Vielfach geehrt - auch durch Dokus

Für ihr Wirken wurde Inge Deutschkron bereits vielfach geehrt. 2002 erhielt sie den Verdienstorden des Landes Berlin. Das Bundesverdienstkreuz lehnte sie mehrfach ab, weil in den 1950er-Jahren so viele Nazis damit ausgezeichnet worden seien.

Ihr Überleben während des NS-Regimes war unter anderem auch Gegenstand zweier Dokumentarfilme - "Daffke...! Die vier Leben der Inge D." (1994) und "Plötzlich war ich Jüdin" (2012) - sowie des Theaterstücks "Ab heute heißt Du Sara".

Die Publizistin, die die deutsche und die israelische Staatsbürgerschaft besitzt, lebt heute in Berlin.

Sendung: Abendschau, 23.08.2017, 20.00 Uhr

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Antwort auf [Holger ] vom 01.09.2017 um 12:34
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8 Kommentare

  1. 7.

    Grossartige und mutige Frau.Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag.Mazel tov !

  2. 6.

    Herzlichen Glückwunsch. Leider hat Merkel Leute ins Land gelassen, die Juden wieder Angst machen.

  3. 5.

    Danke das sie den Leuten immer wieder von dem Wahnsinn erzählen. Es muss schrecklich für sie sein. Umso wichtiger ist es das sie es tun. Dafür gilt Ihnen der größte Dank, denn immer mehr scheinen das zu vergessen.

  4. 4.

    Sehr geehrte, liebe Frau Deutschkron,
    zu ihrem 95. Geburtstag möchten wir ihnen als Bürgerinitiaitve „Gedenkort Fontanepromenade 15“ recht herzlich gratulieren.
    Nicht zuletzt ist es ihrer Zeitzeugenschaft, ihrem publizitischen Engagement und ihrem öffentlichen Brief mit zu verdanken, dass die „Schikanepromenade“ - Fontanepromenade 15, die
    „Zentrale Dienststelle für Juden“ des Berliner Arbeitsamts(1938-1943) öffentliche Aufmerksamkeit bekommen hat und gedenk-, stadt- und nicht zuletzt geschichtspolitisch diskutiert wird.
    Wir wünschen ihnen alles Gute und noch viel Lebenskraft.
    Für die Intitiative „Gedenkort Fontanepromenade 15“
    .......
    Zur GOFo 15: http://www.wem-gehoert-kreuzberg.de/index.php/gedenkort-fontanepromenade-15
    mit Pressespiegel rechter Rand
    Zu den Aktivtäten von Frau Inge Deutschkron: hier....
    http://www.inge-deutschkron-stiftung.de/

  5. 3.

    Dem möchte ich mich von ganzem Herzen anschließen.Bleiben Sie uns noch lange erwogen.Wir brauchen Sie gerade jetzt in dieser unruhigen Zeit.

  6. 2.

    Eine wundervolle Frau. Als Jugendlicher ihre Autobiographie zu lesen, war für mich ein großer Gewinn. Ich kann das Buch nur jedem - auch und gerade Berlinern - empfehlen. Möge Inge Deutschkron noch lange und gut leben.

  7. 1.

    Ich freue mich immer, wenn ich irgendwo höre, sehe oder lese, dass es Inge Deutschkron gut geht und sie aus ihrem Leben berichten kann. Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!

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