Künstler und Aktivisten des Kollektiv Staub zu Glitzer besetzen die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin. (Quelle: imago/Christian Mang)
Bild: imago stock&people

Bisher keine polizeiliche Anzeige - Chris Dercon will die Volksbühne zurückhaben

Die Besetzer der Volksbühne haben ein Tagesprogramm veröffentlicht, mit dem sie die Volksbühne nun bespielen wollen. Absichten, zu räumen, gibt es bisher nicht. Intendant Dercon fordert jedoch nun ein Eingreifen der Politik.

Volksbühnen-Intendant Chris Dercon und Programmdirektorin Marietta Piekenbrock kritisieren die Besetzung der Volksbühne. "Wir verurteilen die unverantwortliche Art und Weise, wie sie sich am Freitagnachmittag das Haus gegriffen haben" hieß es in einer Mitteilung am Sonntag.

"Wir fordern, dass die Politik jetzt dringend ihrer Verantwortung nachkommt und handelt", hieß es weiter. Die Besetzer und deren Anliegen verurteilten sie allerdings nicht und erklärten, die stadtpolitischen und sozialen Themen der Aktivisten seien wichtig für die Hauptstadt.  

Die Aktivisten, die seit Freitagabend die Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz besetzt halten, haben für Sonntag ein neues Tagesprogramm veröffentlicht. Darunter finden sich Kinderschminken, experimentelle Kurzfilme, aber auch eine Vollversammlung und ein Treffen stadtpolitischer Initiativen.

Weil der Andrang so groß war, hatten die Aktivisten am Samstagabend allerdings einen Einlass-Stopp verhängen müssen. Mehr als 500 Leute seien aus Sicherheitsgründen nicht in den Räumen erlaubt, heiß es in einer Nachricht über Twitter.

Aktion des Künstlerkollektivs "Staub und Glitzer"

Hinter der Besetzung steckt das Künstlerkollektiv "Staub zu Glitter", das zuvor im Internet eine "darstellende Theaterperformance" angekündigt hatte. Für die kommenden drei Monate sei ein Programm unter anderem aus Gastspielen, Festivals und Tagungen geplant, so die Aktivisten.

Zur Umsetzung ihrer Ziele hätten die Besetzer einen Verein und eine Stiftung gegründet.  Hintergrund der Aktion ist der Streit um den neuen Intendanten Chris Dercon.

Aktivisten sitzen am 22.09.2017 in Berlin im Foyer der Volksbühne. (Quelle: dpa/Paul Zinken)
Aktivisten im Foyer der Volksbühne. | Bild: dpa

Räumung nicht geplant - Bitten um Sachspenden

Wenige Stunden nach der Besetzung hatten unter anderem Intendant Chris Dercon und Kultursenator Klaus Lederer (Linke) über das weitere Vorgehen verhandelt. Die Gespräche endeten vorläufig "ergebnisoffen", erklärte die Volksbühne am Samstag auf ihrer Facebook-Seite. Bis tief in die Nacht habe es Gespräche zwischen den Aktivisten, der Kulturverwaltung und dem Volksbühnenteam gegeben, sagte der Sprecher des Theaters Johannes Ehmann der Deutschen Presse-Agentur. Auch Intendant Chris Dercon und Kultursenator Klaus Lederer (Linke) waren dabei.

Volksbühne-Besetzung nach der ersten Nacht (Quelle: rbb/ Jörg Albinsky)
Die Aktivisten haben bis in die Nacht mit Intendant Dercon und Berlins Kultursenator Klaus Lederer verhandelt. | Bild: rbb/Jörg Albinsky

Dercon könnte Probenbetrieb am Montag einstellen

Die Kassen im Theater blieben nun vorerst geschlossen, erklärte das Volksbühnen-Team weiter. Den Mitarbeitern sei die Arbeit dort unter den aktuellen Umständen nicht zuzumuten. Intendant Dercon teilte mit: "Sollte die Besetzung am Montag noch andauern, sind wir gezwungen, den Probenbetrieb an der Volksbühne einzustellen."

In dem Haus am Rosa-Luxemburg-Platz sind erst ab November Aufführungen des Dercon-Teams geplant. Derzeit finden Vorstellungen nur am zweiten Spielort auf dem ehemaligen Flughafen Tempelhof statt. Das Theater erklärte, dass die geplanten Vorstellungen dort selbstverständlich stattfänden. Von den Aktivisten erwarte man, dass sie die Hausregeln beachteten, das Haus nicht beschädigten und den Mitarbeitern "friedlich" begegneten. "Und, bitte, lüftet mal!"

Klaus Lederer übt Kritik an Aktivisten

Klaus Lederer kritisierte die Besetzung der Volksbühne via Facebook: Der Kampf um Freiräume sei wichtig und notwendig. Der Kampf um Freiräume könne jedoch nicht dadurch geführt werden, dass existierende Freiräume privatisiert und unter "angemaßte Kontrolle gestellt werden", so Lederer.

"Zur Kunstfreiheit gehört auch, sie den anderen zu gestehen", hieß es weiter. Der Kultursenator zeigte sich aber auch gesprächsbereit. Es würden Angebote gemacht, die es den Besetzern ermöglichten, "ihre Positionen in einem vereinbarten Rahmen auszudrücken."

Theaterkritiker kritisieren die Besetzung

Auch zwei Theaterkritiker stehen der Besetzung kritisch gegenüber.

So schlug Peter Laudenbach gegenüber dem rbb vor, als Protest gegen Gentrifizierung kein Theater zu besetzen, sondern zum Beispiel leer stehende Spekulationsimmobilien. Rüdiger Schaper sagte im rbb: "Ich weiß wirklich nicht, was die Leute da wollen. Sie wollen eine Eventbude verhindern, aber das ist eben genau das, was da gerade stattfindet – große Aktionen in Mitte wahrscheinlich auch für Touristen."

Laudenbach kritisiert auch Dercon: Der Intendant habe den zweithöchsten Etat aller Theater in Berlin. Die Volksbühne sei jedoch ein Haus, in dem für "unglaublich viel Geld unglaublich wenig Theater" gezeigt werde.

Rüdiger Schaper sieht das anders: Er finde nicht gut, dass man Dercon vorwerfe, alles sei Mist. Man rede bei Dercons Plänen noch von "ungelegten Eiern", die erst einmal umgesetzt werden müssten. Durch die Politik von Kultursenator Klaus Lederer werde die Institution Volksbühne als solche geschädigt.

Künstlerkollektiv: Protest wird friedlich verlaufen

Eine Sprecherin des Künstlerkollektivs "Staub und Glitzer" hatte kurz nach der Besetzung mitgeteilt, man ziele mit der Aktion auf eine Neuausrichtung des Theaters und fordere vom Kultursenat, dem Intendanten Chris Dercon "eine andere, angemessenere Wirkstätte" zur Verfügung zu stellen. Dercon selbst aber greife man mit der Aktion nicht an.

"Wir nehmen das Theater in Besitz und erklären es zum Eigentum aller Menschen", hieß es. Im Gebäude der Volksbühne solle hingegen ein "Parlament der Wohnungslosen" und ein "Anti-Gentrifizierungszentrum" entstehen. Der Protest werde friedlich verlaufen, hieß es.

Flyer des Künstlerkollektivs "Staub zu Glitzer" zur Besetzung der Volksbühne in Berlin (Quelle: rbb / W. Porsche)
Die Besetzer wollen auch allgemein gegen Verdrängung und Gentrifizierung in Berlin protestieren. | Bild: rbb|24 / W. Porsche

Am Theater gibt es seit Monaten einen Streit um den Kurs des neuen Intendanten Chris Dercon. Dem Belgier wird von Kritikern unter anderem vorgeworfen, er wolle aus dem traditionsreichen Theater eine Abspielstätte von Fremdproduktionen machen.

Sendung: Abendschau, 24.09.2017, 19.30 Uhr

Kommentar

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3 Kommentare

  1. 3.

    Was passiert eigentlich, wenn demnächst ein paar „Identitäre“ ein öffentliches Gebäude besetzen und verkünden, dort in den nächsten Monaten mal Diaabende veranstalten zu wollen, Sackhüpfen und Konferenzen, auf denen ihnen wichtige Themen (Massenzuwanderung, Stellung der deutschen Kultur etc.) erörtert werden sollen?

    Einer der Grundsätze von Demokratie und Rechtsstaat lautet schließlich: Gleiches Recht für alle.

  2. 2.

    Die Zuständigen könnten diesen Zirkus ganz schnell beenden, wenn sie Strom und Wasser abstellen lassen. Aber nach dem Vorbild unserer geliebten Kanzlerin wird es für Politiker und Co wohl Usus, sich um Recht und Gesetz nicht mehr groß zu scheren und Rechtsbrüche durchgehen zu lassen, wenn es ihnen gerade in den Kram passt.

  3. 1.

    Aktivisten, Aktivisten, Aktivisten. Dieser Aktivisten-Wahn, der in der Presse vorherrscht, ist nicht mehr zum aushalten. Jeder der sich dreimal am Tag in der Nase popelt ist ein Aktivist. Entsetzlich.

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