Marius Müller Westernhagen auf der Bühne bei seinem Konzert in der Waldbühne. (Quelle: imago/Martin Müller)
Audio: Inforadio | 06.09.2017 | Hendrik Schröder | Bild: imago/Martin Müller

Westernhagen in der Berliner Waldbühne - Marius' beste Idee seit 1994

Marius Müller-Westernhagen füllte in den 1990er Jahren mit Songs wie "Sexy" und "Freiheit" Stadien. Seine größten Hits hat er vor einer Weile noch einmal rein akustisch aufgenommen und ist damit auf Tour - demütiger als sonst. Von Hendrik Schröder

Es verspricht ein diszipliniertes Konzert zu werden. Auf den Videowänden steht preußisch ernst: Konzertbeginn um 20 Uhr, sowas gibt es sonst nie. Es gibt keine Vorband, kaum Musik vom Band und der Innenraum ist bestuhlt, die unverhältnismäßige Stille hat etwas Gespenstisches. 17.500 Zuschauer in der nicht ausverkauften Waldbühne warten in gespannter Ruhe, was passiert.

Cowboy Marius reitet ein

Aber wenige Minuten später haben Ruhe und Disziplin ein Ende. Marius ist da und rockt das Haus. Im Sitzen und im Westernoutfit, genau wie seine vielköpfige Band: breiter Hut, Lederfransenweste, Cowboystiefel, schwarze enge Hosen. Sein Gitarrist Carl Carlton, der auch in Lindenbergs Panikorchester und in Maffays Live Band spielt, hat sich seinen Hut tief ins Gesicht gezogen und spielt eine rauchige Steel Guitar. Auf einem Podest stehen Backroundsängerinnen und der Percussionist, davor sitzen Basser und Pianisten, es ist ganz schön voll auf der Bühne.

Dafür gibt es aber außer den beiden Videowänden keine Show, keine Effekte, nur Musik. Gleich als dritten Song "Mit Pfefferminz bin ich Dein Prinz", etwas umarrangiert, aber sofort wiedererkennbar. Die Menschen springen auf: Manche drängen vor die Bühne, manche tanzen paarweise, werfen vor Entzückung ihre Bierbecher in die Luft, manche schreien sich mit hochrotem Kopf den Text gegenseitig ins Gesicht. Gänsehaut: Wenn so vielen Menschen gleichzeitig kollektiv der Puls höher schlägt, nur wegen eines Songs.

Zuschauer beim Konzert von Marius Müller-Westernhagen (Quelle: imago/VIADATA, Holger John)
Bild: imago/VIADATA, Holger John

Alte Hits im neuen Gewand entzücken die Leute

Die Idee mit dem Unplugged-Album war Westernhagens beste seit ungefähr 1994. Durch das neue Soundgewand bekommen die angestaubten Zeltfetenhits Frische, Wärme, mehr Tiefe. Schon das dazugehörige Album bekam gute Kritiken, stieg auf Platz zwei der deutschen Charts. Auch live überzeugen die Songs. Sexy, Taximann, Wieder hier, Johnny W, Freiheit, das ganze Programm neu aufgelegt. Durch die ausufernde Instrumentierung wirken die Versionen vielschichtiger als die Originale.

In der Band herrsche ein sehr liebevoller Umgang, sagt Westernhagen zwischendurch, er sei stolz, mit so guten Leuten zu spielen. Die Harmonie in der Band ist zu spüren, die Songs sind mehr als die Summe ihrer einzelnen Teile und viel mehr, als nur unverstärkte Coverversionen der Originale. Die Fans bekommen so zwar was sie kennen, aber gleichzeitig etwas ganz Neues. Zwischendurch driftet die Band in kontrollierte Jam-Sessions ab, findet dann gekonnt wieder zum Refrain.

Demut und Dankbarkeit

Die Leute lieben das genau so und Marius liebt, dass die Leute das lieben. So demütig und herzlich wie an diesem Abend hat man ihn selten gesehen, gilt er doch sonst oft als arrogant und schnöselig. Er bedankt sich gerührt bei den Fans, manchmal stockt ihm gar die Stimme, werden seine Augen ganz glasig und man denkt, gleich fängt er an zu weinen. Vor Rührung darüber, dass so viele ihn immer noch toll finden. Macht er dann aber zum Glück nicht.

Seine Demut wirkt aufrichtig, er strahlt konstant wie eine altmodische 100-Watt-Lampe und murmelt immer wieder knapp am Mikro vorbei: Mann, macht das einen Spaßßß. Natürlich darf auch seine neue Frau nicht fehlen, Lindiwe Suttle, die er vor zwei Wochen erst geheiratet hat und für die er seine Ex nach 25 Jahren Beziehung verlassen hatte, kommt für ein Duett im pink-braunen Westernkleid auf die Bühne, küsst ihren berühmten Mann innig, in Großbild auf der Leinwand zu sehen. Dann singt sie mit ungeheuer kraftvoller Stimme den Song "Luft um zu atmen" mit, küsst Westernhagen noch mal und geht von der Bühne. "Meine Frau", sagt Marius stolz

Als Außenpolitiker ungeeignet

Ehrenhaft eigentlich, dass Marius neben der ganzen Knutscherei und Bedankerei noch Zeit für politische Ansagen findet und auch den Mut dazu hat, aber er verheddert sich ein ums andere Mal, wettert in einem Satz zusammenhanglos gegen Trump, Erdogan und Kim Jong Un, sagt noch etwas von der Macht des Volkes, die es sich nie nehmen lassen darf, zischt dann im nächsten Song gar ein "Fuck You Trump". Später sagt er dann über 9/11, den Angriff auf die New Yorker Twin Towers, dass er die terroristische Tat zwar verurteile, aber ja irgendwie verstehen könne wenn unterdrückte Menschen sowas machen.

Und nennt als weiteres Beispiel palästinensische Flüchtlinge ohne Perspektive. Er meint es wahrscheinlich gut, aber das kommt so verkürzt und verquer daher, dass man ihn in dem Moment auch für einen aus der ganz schrägen politischen Ecke halten könnte. Dafür gibt es auch kaum Applaus, was ja immerhin bedeutet, dass die Leute wirklich zuhören und mitdenken und nicht jeden Quatsch abjubeln.

Als Außenpolitiker wäre Westernhagen also wahrscheinlich ungeeignet, als Musiker hat er sich tatsächlich mit 68 Jahren ein kleines bisschen neu erfunden. Er bleibt eine große Nummer.

Beitrag von Hendrik Schröder

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