Der italienische Komponist Claudio Monteverdi (1567-1643) (Quelle: dpa / 91050 / United Archives / TopFoto)
Bild: dpa / 91050 / United Archives / TopFoto

Musikfest Berlin | Gardiner in der Philharmonie - Bei Monteverdi kreischen wie bei den Stones

Der Monteverdi-Zyklus mit John Eliot Gardiner ist zweifellos ein Höhepunkt des Musikfestes Berlin. Denn Monteverdi ist modern, klug, belesen, witzig, traurig und ungeheuer sinnlich. Nach den ersten beiden Abenden sieht Maria Ossowski Parallelen zu Rock-Legenden.

Alte Musik und Gesang. In manchen Klassikkreisen rümpfen Wagnerianer oder Mozartfans, Verdiliebhaber oder Puccinibegeisterte ihr arrogantes Näschen beziehungsweise Öhrchen: diese ewigen Rezitative! Nichts kann man mitsingen! Immer nur komplizierte Madrigale, kombiniert mit angestaubten antiken Handlungen. Und die Musiker mit ihren leise klingenden Instrumenten tragen bestimmt alle eigenhändig gestrickte Socken …

Ich gehörte selbst zu dieser überheblichen Gattung von Ahnungslosen, war oft in überladenen Inszenierungen von Barockopern gelangweilt und habe mich jetzt in einen glühenden Monteverdi-Fan verwandelt, der am Schluss beider Werke so begeistert gekreischt hat wie auf einem Stoneskonzert.

Der Dirigent und Spiritus rector des Projektes, John Eliot Gardiner, ist übrigens genauso alt wie Mick Jagger, ähnlich dünn, ähnlich energetisch, er wurde ebenfalls vom britischen Königshaus zum Ritter geschlagen, hat die Musik aber noch nachhaltiger revolutioniert. Denn Monteverdi ist modern, klug, belesen, witzig, traurig und ungeheuer sinnlich. Er hat musikalisch begriffen, was die Welt im Innersten zusammenhält.

Mit Instrumenten durch das Publikum

Die erste Oper der Menschheitsgeschichte überhaupt war sein L’Orfeo, 1607 in Mantua uraufgeführt. Gardiner und sein Team beziehen den gesamten Konzertsaal der Philharmonie mit ihren Terrassen und Treppen ein in das Drama um den traurigen Sänger, der seine Braut am Tag der Hochzeit zum ersten Mal durch einen Schlangenbiss verliert und in der Unterwelt zum zweiten Mal, weil er sich umdreht und sie anschaut, was die Hadeswächter streng verboten hatten.

Die English Baroque Soloists ziehen mit ihren alten Instrumenten durch die Publikumsreihen ein auf das Podium. Die Botin ruft ihre traurige Kunde über den Tod der Eurydike aus den Tiefen des Raumes. Orfeo weint auf den Stufen des Podiums, bis sein Vater Apoll ihn erlöst und mitnimmt in himmlische Höhen.

Kein Husten, kein Rascheln im Publikum zu hören

Eine bezaubernde Lichtregie verstärkt die Szenerie, im Pentagon der Philharmonie leuchten nur die Treppenstufen im Dunkel, Scheinwerfer strahlen die Sänger in verschiedenen Farben an. Krystian Adam als Orfeo, Hana Blažíková als Eurydike und Lucile Richardot als Botin singen und spielen wie alle anderen Solisten derart intensiv, dass in zwei Stunden ohne Pause kein Husten, kein Rascheln im Publikum zu hören ist.

In der "Rückkehr des Odysseus" ("Il ritorno d’Ulisse in patria"), einem Spätwerk von Monteverdi, treffen wir sie alle wieder. Krystian Adam ist Odysseus' Sohn Telemachos, Lucile Richardot seine seit 20 Jahren auf ihn wartende Gattin Penelope und Hana Blažíková die Glücksgöttin, die das Paar sich wiederfinden lässt.

Unglaublich witziger Vielfraß

In fließende seidige Gewänder gekleidet spinnen die Götter die Schicksalsfäden der Menschen, beschenken die Tugendhaften und bestrafen die Intriganten. Dazwischen tummeln sich verliebte Dienerinnen, treue Schäfer, geile Freier und ein unglaublich witziger Vielfraß. Während Orfeo als ordentlich instrumentierte Partitur überliefert wurde, gibt es vom Ulisse nur Skizzen mit Melodielinien, die der Dirigent ausarbeiten muss.

Gardiner hat seinen Zyklus eine Reise genannt von der Schäferidylle zum höfisch-städtischen Leben, vom Mythos zur politischen Historie, von der Unschuld zur Korruption, wenn Neros Frau Poppea sich zum Schluss krönen lässt. Die ersten beiden Abende endeten mit Begeisterungsstürmen. Monteverdi und Gardiner rocken die Philharmonie, als wäre sie die Waldbühne. Möge die Bestuhlung bei der Krönung der Poppea stehen bleiben.

Beitrag von Maria Ossowski

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Bitte beachten Sie unsereKommentar-Regeln und Hilfe zu Kommentaren zum Kommentieren von Beiträgen.

Das könnte Sie auch interessieren

Glen Hansard, bei einem Auftritt Ende 2017 in Dublin (Quelle: imago/John Rooney)
imago/John Rooney

Konzertkritik | Glen Hansard - Wunderheilung im Admiralspalast

Im ausverkauften Admiralspalast hat der Ire Glen Hansard am Dienstagabend sein drittes Soloalbum "Between Two Shores" live vorgestellt. Trotz schwerer Erkältung beglückte Hansard seine Fans in Berlin mit einem bewegenden Konzert, meint Simon Brauer.