Collage: Chris Dercon, Intendant der Berliner Volksbühne (links) und Oliver Reese, Intendant des Berliner Ensembles (rechts) (Quelle: Pressekonferenz zur Spielzeit 2017/2018 im Berliner Ensemble in Berlin, im Bild: der neue Intendant Oliver Reese (Quelle: picture alliance/Eventpress Hoensch/Paul Zinken)
Bild: picture alliance / Eventpress Hoensch/ Paul Zinken

Neubeginn an Volksbühne und BE - Hier der Tanz, dort das Ensemble

Am Berliner Ensemble und der Volksbühne stehen Neustarts unter neuen Intendanten an. Und während auf Castorf-Nachfolger Chris Dercon nach wie vor eingedroschen wird, steht Oliver Reese am BE vorerst glänzend da. Ein Ausblick auf den Herbst. Von Fabian Wallmeier

"Neoliberales Dummgequatsche", "Das ist wie Vergewaltigung des Hauses, einer ganzen großen Familie" oder schlicht "Igitt": Nein, freundlich war der Empfang nicht, als Anfang August das Team des Museumskurators Chris Dercon die Berliner Volksbühne übernahm. Auf Twitter und Facebook schlug der neuen Mannschaft der blanke Hass der Fans von Ex-Intendant Frank Castorf entgegen. Auch die Wortwahl einiger Dercon-Verteidiger ist nicht gerade zimperlich: Die Castorf-Fans werden da etwa als "Stahlgewitter-Sympathisanten" bezeichnet.

Ein solches Debattenniveau ist zwar nicht ganz unüblich für die sozialen Medien - aber für den Kulturbetrieb, dazu in dieser öffentlich präsentierten Schärfe dann doch außergewöhnlich. Dercons Team machte dabei selbst keine gute Figur: Zwischen esoterisch anmutenden Phrasen und leberwurstigen Trotzreaktionen schwankten die ersten Posts.

Dass die furiose letzte Spielzeit unter Frank Castorf nun auch noch höchste Weihen erhalten hat, dürfte es für Dercon zusätzlich schwer machen: In der alljährlichen Kritikerumfrage von "Theater heute" wurde die Volksbühne mit großem Vorsprung zum "Theater des Jahres" gewählt – und der Intendanzwechsel zum "Ärgernis des Jahres". Und dann ist da noch die mittlerweile von Zehntausenden unterzeichnete Petition, die den Senat auffordert, die "Zukunft der Volksbühne neu [zu] verhandeln". Dercon gibt sich unbeeindruckt: "Wir lassen uns nicht irritieren", ließ er einige Tage vor der Spielzeiteröffnung verlauten.

"Vielleicht könnte es ja sogar gut werden!"

Schon seit seiner Ernennung ist Dercon heftigen Vorwürfen ausgesetzt, die er bislang nicht ausreichend entkräften konnte. Die gängige Argumentationslinie seiner Gegner: Er wolle aus der Volksbühne eine Event-Bude machen, das Sprechtheater zugunsten des Tanzes zur Randerscheinung verkommen lassen und dem Internationalismus frönen. Dercon gibt sich kurz vor Beginn der neuen Spielzeit kleinlaut und ein kleines bisschen trotzig. "Man sollte dem Neuen eine Chance und Zeit zur Entfaltung geben", sagte er kürzlich. "Vielleicht könnte es ja sogar gut werden!"

Ja, das könnte es vielleicht - wer weiß das schon? Dass aber gleich die Eröffnung der Spielzeit den Dercon-Gegnern den Wind aus den Segeln nimmt, ist unwahrscheinlich – eher ist mit dem Gegenteil zu rechnen: Auf dem Tempelhofer Feld geht es am 10. September mit einem zehnstündigen Tanzprogramm mit rund 200 Künstlerinnen und Künstlern los: "Fous de danse  Ganz Berlin tanzt auf Tempelhof" ist eine deutsche Erstaufführung, die der Choreograph Boris Charmatz in ähnlicher Form schon in Rennes und Brest präsentiert hat. "Verrückt nach Tanz", so der Titel auf Deutsch, sollen auf dem Tempelhofer Feld nicht nur die Künstlerinnen und Künstler sein, sondern auch das Publikum ist zum Mittanzen aufgefordert. Mit Blick auf den naiven Animateurs-Sprech in einem Ankündigungsvideo könnte das allerdings auch gründlich daneben gehen.

Mit noch mehr Tanz von Boris Charmatz geht das Programm der Volksbühne zunächst weiter, dann in Hangar 5 des ehemaligen Flughafens, wo der Architekt Franis Kéré derzeit an einem neuen Theaterraum baut.  Charmatz präsentiert dort sein "Musée de la danse" in zwei Formaten: "A Dancer's Day" und "Danse de la nuit".

Architekt Francis Kéré erläutert am 04.09.2017 in Berlin bei einem Pressegespräch die Pläne für des neue "Satellitentheater" der Volksbühne in einem Hangar auf dem Gelände des ehemaligen Flughafen Tempelhof. Mit dabei Volksbühnen-Intendant Chris Dercon (Quelle: Paul Zinken/dpa)
Architekt Fancis Kéré (im Hintergrund Volksbühnen-Intendant Chris Dercon) | Bild: dpa

Mit Beckett an den Rosa-Luxemburg-Platz

Am 30. September steht dann erstmals das Sprechtheater auf dem Programm, nach dem die Castorf-Anhänger so lechzen – wieder in Hangar 5, denn in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz wird derweil noch geschraubt. Der syrische Schriftsteller Mohammad Al Attar wendet Euripides' "Iphigenie" mit in Berlin lebenden syrischen Frauen auf die Gegenwart an, auf Arabisch mit deutschen und englischen Untertiteln.

Erst im November geht es im Stammhaus am Rosa-Luxemburg-Platz los: Tino Sehgal präsentiert zur Eröffnung am 10. im ganzen Haus Beckett, am 18. folgt eine weitere Beckett-Premiere unter der Leitung von dessen hochbetagtem Weggefährten Walter Asmus. Auch der Rote und der Grüne Salon in den Seitenflügeln der Volksbühne starten im November in die erste Spielzeit unter Dercon. Die ersten Film-Formate feiern Premiere, auch online entsteht ein eigenes Programm.

Am 30. November feiert dann die einzige originäre Theaterfrau in Dercons fünfköpfigem künstlerischen Leitungsteam ihre erste Volksbühnen-Premiere: Die für ihr radikales. verstörendes, aufwühlendes Masken-Theater bekannte Regisseurin Susanne Kennedy präsentiert "Women in Trouble". Spätestens dann hat sich hoffentlich der Furor der Dercon-Gegner zumindest in der öffentlichen Debatte so weit gelegt, dass das neue Team wenigstens das bekommt, was ihm gebührt: eine Chance.

Reese konnte in aller Ruhe Spielzeit vorbereiten

Dennoch: Das lautstark eingeforderte Sprechtheater wird sich Castorfs enttäuschte Gefolgschaft, gemessen an Dercons Vorhaben, zumindest im Herbst größtenteils woanders holen müsse. Es könnte dabei vor allem im Berliner Ensemble fündig werden. Denn dort gibt es Schlag auf Schlag Premieren: Claus Peymanns Nachfolger Oliver Reese behält, wie in der Branche üblich, nur einen kleinen Teil des bisherigen Repertoires – und muss seinen Spielplan dementsprechend mit Neuem füllen. Das bedeutet zum einen eine hohe Premierenfrequenz, zum anderen hat Reese aber auch einige Inszenierungen aus Frankfurt mitgebracht, wo er zuletzt Intendant war.

Reese konnte in aller Ruhe seine erste Spielzeit am BE vorbereiten – denn im Mittelpunkt stand in den vergangenen Jahren immer wieder der erbitterte Streit um die Volksbühne. Böse Worte musste er allenfalls vom beleidigten scheidenden BE-Hausherrn Claus Peymann hören – der bezeichnete Reese als "Repräsentant[en] einer Generation von gescheiten, gut informierten, aber handzahmen Verwaltern".

Doch das scheint Reese kaum angefochten zu haben. Er machte bei öffentlichen Auftritten einen aufgeräumten, entspannten Eindruck, der ganz große Protest der Peymann-Verehrer blieb aus – auch in den sozialen Medien. Allerdings hatten Reese und sein Team hier den großen Vorteil, dass man ihnen nicht, wie ungerechterweise im Fall der Volksbühne geschehen, eine feindliche Übernahme vorwerfen konnte. Denn unter Peymann gab es das BE weder auf Facebook noch auf Twitter. Jetzt will Reeses Team dort direkt Trends setzen: Im Programm des BE hat jede Inszenierung einen eigenen Hashtag. Ob diese den Weg in die Twitter-Trending-Charts finden? Das ist sehr unwahrscheinlich, dazu ist die Followerzahl des BE noch zu gering – und das Thema Theater auf Twitter insgesamt zu randständig.

Drei Premierenabende zum Auftakt

Bis Ende November stehen im BE elf Premieren und Berliner Premieren auf dem Programm. Den Auftakt am BE macht ein Trio: "Caliluga" von Albert Camus feiert am 21. September unter der Regie von Antú Romero Nunes Premiere, am 22. folgt im kleinen Haus die deutschsprachige Erstaufführung von "Nichts von mir" von Arne Lygre und am 23. Inszeniert erstmals Michael Thalheimer: Der Regisseur, der zu Reeses Leitungsteam gehört, inszeniert Brechts "Der kaukasische Kreidekreis".

Reese hat, dem Namen seines neuen Hauses verpflichtet, zudem etwas, das Dercon nach eigenem Bekunden erst nach und nach aufbauen will: ein Ensemble. Darunter sind etliche Hochkaräter. Im "Kaukasischen Kreidekreis" steht etwa mit Sina Martens ein frisch von "Theater heute" zur Nachwuchsschauspielerin des Jahres gewähltes Talent auf der Bühne – zusammen unter anderem mit Stefanie Reinsperger, die zwei Jahre zuvor nicht nur Nachwuchsschauspielerin des Jahres wurde, sondern zugleich auch Schauspielerin des Jahres.

Die Schauspielerin Corinna Kirchhoff (Quelle: Imago/ Drama-Berlin)
Jetzt fest am Berliner Ensemble: Corinna Kirchhoff | Bild: imago stock&people

Mit Corinna Kirchhoff kehrt zudem eine der ganz Großen aus Frankfurt zurück nach Berlin: Die Schauspielerin des Jahres 1996, die große Erfolge an der Schaubühne und am BE feierte, ist nun festes Ensemblemitglied. Ihren ersten Auftritt hat sie in "Nichts von mir", an der Seite einer weiteren Wieder-Berlinerin: Judith Engel, die von 2004 bis 2014 dem Ensemble der Schaubühne angehörte. Das Rampenlicht in der Eröffnungsinszenierung "Caligula" gehört einer dritten Berlin-Rückkehrerin: Constanze Becker, Schauspielerin des Jahres 2008, die am Deutschen Theater große Erfolge feierte, ist Reese ebenfalls aus Frankfurt ans BE gefolgt.

Die Rückkehr des Frank Castorf

Eine Regie-Arbeit von Reese selbst ist zum ersten Mal am 27. September zu sehen – dann feiert seine Frankfurter Inszenierung von Joël Pommerats "Die Wiedervereinigung der beiden Koreas" Berlin-Premiere. Drei Tage später folgt Reeses Frankfurter Bühnenadaption von Grass' "Die Blechtrommel", ein Solo für den Schauspieler Nico Holonics. Außerdem im Herbstprogramm ist unter anderem das von Reese versprochene zeitgenössische Theater aus dem englischsprachigen Raum: Er bringt aus Frankfurt Stücke von Wallace Shawn, Roddy Doyle und Tracy Letts mit, dazu Peter Handke und Heinrich von Kleist.

Kurz nach Ende des Theaterherbstes kehrt auch Frank Castorf zurück ins Berliner Rampenlicht – allerdings natürlich nicht an der Volksbühne: Am BE feiert er am 1. Dezember Premiere mit "Les Misérables" nach Victor Hugo. In diesem weitschweifigen Roman müsste doch eigentlich auch der eine oder andere Kommentar zum Geschehen an der Volksbühne zu finden sein. Und wenn Castorf ihn aufgreift: Man darf hoffen, dass er dabei einen weniger aggressiven Ton anschlägt als seine wütende Gefolgschaft in den sozialen Netzwerken.

Beitrag von Fabian Wallmeier

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