Völkerfreundschaft, Stepan M. Karpow (1890–1929) Sowjetunion, 1923/24 (Quelle: Staatliches Museum für Zeitgenössische Geschichte, Moskau)
Audio: Inforadio | 19.10.2017 | Maria Ossowski | Bild: Staatliches Museum für Zeitgenössische Geschichte, Moskau

Ausstellung zur russischen Revolution - "Schritt in die richtige Richtung - mit dem Hintern nach vorne"

Die russische Revolution hat das gesamte 20. Jahrhundert geprägt. Ihre Vorgeschichte, die Utopie, die Repressionen sowie die Auswirkungen auf ganz Europa stehen im Zentrum der Ausstellung im Deutschen Historischen Museum. Von Maria Ossowski

"Treibstoff war diese Sehnsucht nach dem Paradies auf Erden" - mit diesem Zitat von Marianne Birthler empfängt die über 1.000 Quadratmeter große Ausstellung im Untergeschoss des Deutschen Historischen Museums die Besuche. Gregor Gysi kommentiert die russische Revolution: "Hoffentlich gelingt es mal." Und Wladimir Kaminer nennt das Geschehen 1917: "Ein Schritt in die richtige Richtung, nur mit dem Hintern nach vorne."

Panzerkreuzer Potemkin spielt auch eine Rolle

Die Revolution, ihre Voraussetzungen, ihre Folgen für Russland und Europa, vor allem aber die Ambivalenz der neuen Ideologie und ihrer Macht: Die Ausstellung führt durch eine der atemberaubendsten Umstürze der Weltgeschichte. Aus vier großen Museen in Russland, unter anderem aus der Tretjakow-Galerie und aus dem staatlichen Museum in Moskau, stammen die meisten der 500 Leihgaben.

Darunter befindet sich auch ein großer Mast. "Es handelt sich um ein Stück des Fockmastes des Panzerkreuzers Potemkin aus dem Film von Sergej Eisenstein aus dem Jahr 1925", erklärt Kuratorin Kristiane Janeke. "Wir haben es hier als Beispiel für die landesweiten Erhebungen, zu denen die Meutereien der Matrosen in Odessa auch gehörten."

"Es geht nicht nur um die Kunst"

80 Prozent der russischen Bevölkerung lebte auf dem Lande, nicht mehr als Leibeigene, aber belastet mit riesigen Abgaben. In den Städten bildete sich ein hungerndes Proletariat. So zeigt ein Foto Obdachlose in den winterlichen Straßen Moskaus, nur ein Prozent der Russen waren unendlich reich. Das war sozialer Sprengstoff. Und das, obwohl sich seit 1905 viel änderte, der Zar immerhin ein Parlament erlaubt und die Pressezensur gelockert hatte. Die zwölf Jahre zwischen 1905 und 1917 werden auch silbernes Zeitalter genannt, denn Kunst und Kultur blühten.

"Hier geht es uns nicht nur um die Kunst. Es geht auch um historische Zusammenhänge, weil Themen bildwürdig wurden, die vorher niemanden interessiert haben und auch nicht zur Debatte standen", so die Kuratorin. Das Thema der jüdischen Kultur habe beispielsweise auch sehr stark an Leben und Relevanz gewonnen. "Die Beteiligung von Frauen am künstlerischen Prozess ist zu einer ersten Blüte gekommen. Dafür steht das Gemälde von Natalja Gontscharowa."

Feierliche Eröffnung des II. Kongresses der Komintern, Isaak I. Brodski (1883-1939), Sowjetunion, 1924 (Quelle: Staatliches Historisches Museum, Moskau)Eröffnung des II. Komintern-Kongresses, Gemälde von Isaak Brodski

Postkarte von Ernst Reuter aus russischer Kriegsgefangenschaft

Gontscharowa, beeinflusst von den Futuristen in Italien und den Fauves in Frankreich, zeigt mit kräftigen expressionistischen Pinselstrichen, wie Bauern Äpfel sammeln. Sie versuchte, die russische Volkskunst wiederzubeleben, floh aber, wie so viele andere Künstler, nach Paris.

Die Revolution begann im ersten Weltkrieg, die Soldaten sollten zunächst für Zar, Land und Freiheit kämpfen. Als die Bolschewiki an die Macht kamen, änderten sie das Motto auf den Fahnen: Land und Freiheit, hieß nun die Losung. Das Wort "Zar" ist auf einer Originalfahne mit einem roten Tuch überklebt.

Die Ideologie der Revolution faszinierte Intellektuelle in ganz Europa. So auch der spätere Berliner Regierende Bürgermeister Ernst Reuter, Kriegsgefangener der Russen. "Ernst Reuter schreibt aus russischer Kriegsgefangenschaft im Jahr 1916 eine Postkarte an seine Eltern in Aurich und berichtet davon, dass er begonnen hat die russische Sprache zu lernen", berichtet Kuratorin Julia Franke. "Er hofft, dass er es gut machen wird, um im Laufe der Jahre als Verwalter von den Bolschewiki eingesetzt zu werden." Wenn er zurück nach Deutschland geschickt würde, wolle er die bolschewistischen Ideen weiter promoten.

Massive Repressionen waren die Kehrseite

Die Kehrseite waren die massiven Repressionen, die forcierten Hungersnöte, die Gefangenenlager. Lenin nannte sie bereits 1919 Konzentrationslager. Es gab 1921 schon 48 große Lager im Norden des Landes. Die Skulptur eines Häftlings, an Karren gekettet, hat die Bildhauerin Maria Strachowskaja geschaffen. Der Brief eines Anwalts aus dem Solowjetskilager im nördlichen Weissmeer berichtet von guten Essensrationen - der Zensur geschuldet.

Häftling, an eine Karre gekettet, Maria M. Strachowskaja (1879–1962), Sowjetunion, 1920er Jahre (Quelle: Staatliches Museum für Zeitgenössische Geschichte, Moskau)Häftling, an eine Karre gekettet von Maria M. Strachowskaja (1879–1962), Sowjetunion, 1920er Jahre

Alexander Ern starb im Lager. Die Ideen der Revolution aber wirkten in alle Welt, besonders in Ungarn, aber auch in Deutschland. Wir erkennen Clara Zetkin und Karl Radek auf einem riesigen Ölgemälde von Isaak Brodski. Der zweite Kongress der Komintern 1920 hat den Kommunismus als einzig mögliche Ideologie festgelegt, Sozialdemokraten galten fortan als Feinde. Weit über eine Million Russen verließen ihre Heimat.

"Wir zeigen auch, dass die anderen europäischen Staaten, die Zufluchtsländer wurden vor enormen Herausforderungen standen und darauf reagieren mussten." So verständigten sie sich beispielweise auf ein internationales Ausweisdokument, um diesen Flüchtlingen ein Mindestmaß an Sicherheit zu gewährleisten.

Revolution zwischen Aufbruch und Terror

"Wir zeigen das in Form des Nansenpasses, der 1922 vom Völkerbund beschlossen und zunächst für russische Flüchtlinge eingeführt wurde", so Julia Franke.

Die Ausstellung zeigt: Die Revolution bedeutete zugleich Aufbruch und Terror, Emanzipation und Gewalt, Faszination und Hoffnung, Angst und Abwehr. Eine höchst sehenswerte Ausstellung im Deutschen Historischen Museum, eine der besten seit Jahren in diesem Haus.

Beitrag von Maria Ossowski

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1 Kommentar

  1. 1.

    Die Fülle der Ausstellung kann schon erschlagend wirken, doch ist ja kein einziger gezwungen, sich alles anzuschauen. Einfach mal der eigenen Intuition folgen.

    Mich selbst hat beispielsweise interessiert, ob es einen Kipp-Punkt gab, ab dem der Aufbruch aus den menschenunwürdigen vorherigen Verhältnissen umschlug, ob ein ungefährer Punkt auszumachen ist, wo ein schöpferischer Inhalt, der zweifellos da war, von der rigiden, autoritären Form niedergedrückt worden ist, sodass letztlich nur noch die Macht zählte.

    Am Sinnfäligsten fand ich den Tatlin-Turm, einen 1919 entworfenen 400 Meter hohen, analog zur Erdachse schräg gehaltenen Turm, der versinnbildlichen sollte, dass die Bolschiwiki nicht nur die Macht über Russland, sondern zugleich auch noch über die Physik und die Elemente hätten.

    Das Ding ist nie gebaut worden. Nicht wie beim "Neuen Menschen" schließlich mangels Willen, sondern mangels Finanzen.

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