Hanni Levy bei der Premiere des Kinofilms "Die Unsichtbaren"
Audio: Inforadio | 25.10.2017 | Bild: imago/Future Image

Interview Hanni Levy | Doku "Die Unsichtbaren" - "Wer sich versteckte, war verdächtig"

Hanni Levy ist 93 Jahre alt und hat den Holocaust überlebt - mitten im nationalsozialistischen Berlin. Ihr Schicksal beleuchtet ab Donnerstag der Film "Die Unsichtbaren". Im rbb-Interview schildert Levy, wie sie untertauchte, und sich doch offen zeigen konnte.

rbb|24: Frau Lévy, als eine von vielen Unsichtbaren, oder sogenannten U-Booten, konnten Sie als junges Mädchen untertauchen und der Verfolgung durch die Nazis entkommen. Wie haben Sie Ihre Kindheit im Nationalsozialismus erlebt?

Ich wuchs sehr behütet auf, meine Eltern hielten alle Sorgen und politische Angelegenheiten von mir fern. Mein Vater hat gesagt: Liebes Kind, du bist Jüdin, darauf kannst du stolz sein. Du darfst dich nie schlagen lassen, du musst dich wehren. Aber vergiss auch nie, dass du Deutsche bist. Für ihn war die Religion Privatsache. Wir konnten uns damals nicht vorstellen, wie weit der Hass gehen konnte. Papa war der Meinung, uns passiert nichts.

Sie waren früh auf sich gestellt: Ihr Vater starb 1940, Sie mussten Zwangsarbeit leisten und ihre Mutter starb zwei Jahre später.

Ich war Vollwaise, nur meine Großmutter lebte noch und wurde im Herbst nach Theresienstadt verschleppt. Am Tag, an dem sie abgeholt wurde, hatten wir ein Köfferchen gepackt und von morgens bis abends gewartet. Es war furchtbar. Am späten Nachmittag kam ein kleiner Lieferwagen, da haben sie sie hineingeschubst und weg war sie. Ich fuhr dem Wagen in die Große Hamburger Straße nach und verbrachte die letzten zwei Tage mit ihr im Sammellager. Am dritten Tag war sie nicht mehr da.

Was hat die Deportation bei Ihnen ausgelöst?

Ich fühlte mich alleine und wusste: Ich habe nichts zu verlieren. Und: Ich werde nicht mitgehen, wenn sie mich abholen wollen. Aber ich konnte nichts organisieren, ich hatte kein Geld.  Und dann habe ich mich zufällig bei der Arbeit am Finger verletzt und bin nach Hause gegangen. Das hat mich gerettet. Denn ich hörte Stimmen auf dem Hof und habe durchs Fenster geschaut und gesehen, wie die Abholer kamen. Ich habe meine Tür verriegelt und mir geschworen: Ich mache nicht auf. Aber nach diesem Vorfall war mir klar, dass ich sofort die Wohnung verlassen musste. Ich bin dann mit meinem Stern und meiner Handtasche so ruhig wie möglich zur nächsten U-Bahn gegangen und zu Freunden gefahren.

Und dann?

Ich konnte ein paar Nächte bei meinen Freunden bleiben, die schon ein paar Juden versteckt hatten. Die sagten: Du musst dein Aussehen verändern. Sie haben einen Frisör gerufen, den sie kannten, und der hat mir die Haare gefärbt und geschnitten.  

Sie fanden bei einer Familie Most in Charlottenburg eine Bleibe, standen aber im Herbst 1943 wieder auf der Straße. Dann kamen Sie bei Viktoria Kolzer, Kinokartenverkäuferin am Nollendorfplatz, unter.

Frau Kolzer und ihr Mann nahmen mich auf. Der Sohn von Frau Kolzer war eingezogen und Frau Kolzer fürchtete, dass ihm etwas passieren könnte; sie hoffte, auch ihrem Sohn werde einmal geholfen. Sie war sehr gütig, aufgeschlossen und mütterlich.

Das Ehepaar ging ein sehr hohes Risiko ein, indem es Sie aufnahm. Hatten Sie selbst keine Angst, wenn Sie alleine in der Stadt unterwegs waren?

Nein, denn erstens: Ich sah mittlerweile ganz anders aus. Und zweitens war ich schließlich Einheimische und Berlinerin. Es war mir klar, dass ich nicht auffallen und mich vor niemand verstecken durfte. Wer sich versteckte, war verdächtig. Ich war sehr jung, und weil ich eine Bleibe hatte, sehr unbesorgt. Frau Kolzer hat unser Zusammenleben auch geholfen, sie war nicht alleine.

Im Jahr 1946 hat Sie Ihr Onkel, Ihr letzter lebender Verwandter, nach Paris geholt. Dort haben Sie geheiratet und eine Familie gegründet. Mit den Familien, die sie beherbergten, haben Sie den Kontakt gehalten.

Berlin war meine Heimatstadt, dennoch habe ich Paris und Frankreich geliebt und wurde dort glücklich. Aber für mich bestand das Glück auch darin, dass mir die Familien Kolzer und Most nahe blieben.

Fühlen Sie sich heute eher als Berlinerin oder Pariserin?

Ich bin Berlinerin geblieben - aber eine Pariser Berlinerin.

Mit Hanni Levy unterhielt sich Sigrid Hoff, Inforadio. Das vollständige Interview ist mit Klick auf den Header des Artikels nachzuhören.

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