Sigur Ros im Tempodrom in Berlin, 9. Oktober 2017 (Quelle: imago)
Audio: Radioeins | 10.10.2017 | Laurina Schräder im Gespräch mit Stefan Rupp und Christoph Azone | Bild: imago stock&people

Konzertkritik | Sigur Rós in Berlin - Ein Abend wie ein Rausch

Nach Björk und Pferden sind Sigur Rós wohl das bekannteste Exportprodukt Islands. Am Montag war die Band mit ihren sphärisch klingenden, kaum greifbaren Klängen im Berliner Tempodrom zu Gast. Laurina Schräder hat sich einsaugen lassen.

Leicht glimmt noch ein Schimmer nach, als hätte man einen alten Röhrenfernseher gerade ausgeschaltet. Der Rest der Bühne ist dunkel. Sigur Rós spielen keine Zugabe. Nach ihrer Performance leuchtet dafür aber noch ein großes "Danke" im Hintergrund der Bühne auf - auf Isländisch: "Takk".

Vier Jahre ist es her, dass Sigur Rós auf großer Welttournee waren - und dass ihr neuestes Album "Kveikur" erschienen ist, erstmals als Trio, ohne Keyboarder Kjartan Sveinsson. Jetzt ist ein neues Album für 2018 angekündigt. Die jetzigen Konzerte sind ein Vorgeschmack auf das, was da kommen mag.

Erinnerungen an "Die unendliche Geschichte" werden wach

Auf ihrer Tour bringt die Band Altes mit Neuem zusammen. In zwei Sets, ohne Vorband, inszeniert sie ihre Musik perfekt. Im Hintergrund fliegen Welten über die transparenten Leinwände. Das Konzert wird zu einer Geschichte, einer Inszenierung in zwei Akten, die den Besucher zunächst langsam und dann immer schneller einsaugt.

Das Naturverbundene, das Knistern und Rauschen der Musik überträgt die Band in die Bilder auf den Leinwänden. Undefinierbare, wie Felsbrocken wirkende Teile fliegen durch den Raum. Wie im Film "Die Unendliche Geschichte", als das Land Phantasien zerstört ist und das, was vom Land übrig bleibt, durchs All schwebt.

Lieder in Fantasiesprache "Vonlenska"

In der undefinierbaren Kunstwelt, die Sigur Rós erschaffen, versucht man das Bekannte zu entdecken: Berge, Gletscher, Wälder. Doch die sind wenig greifbar, flüchtig. Sie verschwinden einfach, sobald man das Bild gedanklich versucht festzuhalten. Das Crescendo in der Musik ist perfekt synchronisiert mit der Weite, die auf die Bühne, in die Köpfe des Publikums projiziert wird.

Dazu erklingt die Falsett-Stimme von Sänger Jon "Jonsi" Birgisson. "Das ist das Geile an der Band", sagt einer der Besucher, "die Musik ist ziemlich rocklastig, aber immer noch sehr atmosphärisch. Und wie Jonsi singt – diese hohen Töne! Er hat diesen fetten Rock-Beat dahinter, aber trotzdem kann man sich super dazu gehen lassen."

Jonsi singt auf Isländisch und "Vonlenska". Das heißt so viel wie "Hoffnungsländisch" und ist seine Fantasiesprache. Sie entstand, als er einmal die Stimme der Musik hinzufügen wollte, der Text dazu aber noch nicht geschrieben war. Dass man ihn nicht wirklich versteht, macht das Konzert, seine Stimme noch mystischer als ohnehin schon. Nur einmal spricht Jonsi das Publikum während des Konzertes an. Die Isländer im Saal klatschen, rufen, johlen. Der Rest hat nichts verstanden.

Sprechen während des Konzerts nicht erwünscht

Im ersten Set bleiben Sigur Rós harmonisch, wenig aufdringlich. Der Ambient-Sound überwiegt durch Stücke wie "Ekki Múk" vom sechsten Album "Valtari". Die Band scheint weit weg, überirdisch und unwirklich. Wie Kunstfiguren steht das Trio auf der Bühne. Zart bewegt Jonsi Birgisson den Cellobogen, mit dem er seine E-Gitarre spielt. Fast alle im Publikum wirken beseelt und sind still. Wenn doch jemand murmelt, wird schnell von anderen Seiten um Ruhe gebeten.

Das Tempo im zweiten Set zieht deutlich an. Die Hits, sofern man sie bei Sigur Rós so bezeichnen kann, tauchen auf: "Ný Batterí", "Kveikur", bis zum großen Finale "Popplagið". Entsprechend flirren die Bilder schneller, dynamischer über die Leinwände, grellere Farben leuchten auf, immer wieder zucken Stroboskope zum lauter werdenden, sich aufbauen Klanggefüge.

Keine Zugaben, aber drei Verabschiedungen

Das Konzert ist laut. Ohrenbetäubend schön, ekstatisch trifft es eher. Jonsi Birgissons Bewegungen wirken jetzt martialisch, wenn er seine Gitarre mit dem Bogen bearbeitet. Die Menschen im Innenraum wippen wie in Trance. Es ist wie ein Rausch und dann einfach vorbei. Das Publikum lechzt nach mehr, doch die Band kommt nur nochmal auf die Bühne, um sich zu verabschieden. Drei Mal. Dann ist es wirklich vorbei.

Sigur Rós wollen mit ihrer Inszenierung das gängige Konzertformat überschreiten. Und das bekommen sie hin. Takk.

Beitrag von Laurina Schräder

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