Juli Zeh, deutsche Juristin und Schriftstellerin. (Quelle: dpa/Erwin Elsner)
Audio: Radioeins | 12.11.2017 | Marie Kaiser | Bild: dpa

Interview | Juli Zehs neuer Roman "Leere Herzen" - "Das wird für sehr viele Aggressionen sorgen"

Die Autorin Juli Zeh schaut mit ihrem neuen Zukunftsroman ins Deutschland des Jahres 2025: Die Besorgte Bürgerbewegung ist an der Macht, die Demokratie so gut wie abgeschafft. Eine Geschichte, für die sich Zeh viel Gegenwind wünscht.

rbb: Wer Ihren Roman liest, kommt nicht umhin an "1984" von George Orwell zu denken. Wie Orwell haben Sie einen Roman geschrieben, der in einer beängstigenden Zukunft spielt. Warum hatten Sie gerade jetzt das Bedürfnis, ein solch dystopisches Buch zu schreiben?

Juli Zeh: Ich war wie so einige von uns nach den Ereignissen der letzten zwei, drei Jahre an einem Punkt, an dem mir der Kopf geraucht hat. Da ist viel zusammengekommen: Brexit, die Wahl von Donald Trump in den USA, die Folgen der Flüchtlingswelle hier in Deutschland. Man hatte das Gefühl, die Welt gerät aus den Fugen. Wir wissen gar nicht, wo uns der Kopf steht und wie es weitergehen soll. Aus diesem Lebensgefühl heraus habe ich diesen Roman gemacht.

"It's a suicide world" - so heißt der Hit des Jahres 2025. Dazu passt, dass Hauptfigur Britta eine Art Selbstmordagentur führt. Mit Hilfe eines Algorithmus fischt sie Menschen mit Selbstmordabsichten aus dem Internet. Viele rettet sie vor dem Selbstmord. Die ganz Entschlossenen vermittelt sie weiter als Selbstmordattentäter an radikale Umweltschützer oder Islamisten. Wie sind Sie bitte auf eine so zynische Idee gekommen?

An dem Tag, als mir das einfiel, war ich in einem Café und habe die Schlagzeilen im Internet durchgescrollt. Durch irgendeinen Zufall gab es an diesem Tag einige Meldungen über amokartige Terrorattentate ohne große Opferzahlen. "16-jährige geht mit Messer auf Uniformierten am Bahnhof los".  Das hat mich ganz tief angefressen und kollidierte mit meiner Auffassung, dass unsere Gesellschaft immer weiter Richtung Sicherheit gehen möchte. Alles soll effizient sein und funktionieren; anarchische Räume sollen ausgemerzt werden. Daraus ist die Idee entstanden: Warum gibt es eigentlich kein Start Up, das die Neigung zu Selbstmordattentaten professionalisiert und dafür sorgt, dass das kontrolliert abläuft. Und dann vielleicht ja besser ist für die Gesellschaft, dass das nicht so eskaliert und in die kapitalistische Verwertung eingespeist wird.

Britta, die Hauptfigur von "Leere Herzen", ist Profiteurin des neuen Systems. Sie hört auf, sich für Politik zu interessieren und macht es sich zu Hause gemütlich mit Prosecco und selbstgerolltem Sushi. Wofür steht diese Britta in ihrem Roman?

Sie steht für ein Lebensgefühl, das ich bei mir selbst, aber auch bei vielen in meiner Umgebung wahrnehme. Voraus geht eine Frustration oder Resignation angesichts der Weltenläufe. Ein Phänomen über das wir seit vielen Jahren sprechen unter Stichworten wie Werteverlust, Orientierungslosigkeit oder sogar transzendentale Obdachlosigkeit. Ein Unbehaustsein in der Welt, das Fehlen von Verbundenheit mit der Gemeinschaft und von Ideen für die Zukunft. Und als Folge davon eben ein Rückzug in die private kleine Welt mit der Familie. Um damit klarzukommen und nicht das Gefühl zu haben, dass man jetzt reiner Eskapist ist, werden für sämtliche Verhaltensweisen Gründe gefunden.  Man argumentiert, warum die Politik unmöglich ist und warum man sowieso nichts ändern kann und nur vor der eigenen Tür kehren sollte. Das ist Brittas Grundhaltung, obwohl sie tief im Inneren schon spürt, dass damit etwas nicht in Ordnung ist.

Sie beschreiben eine Gesellschaft, in der sich die Bürger das Denken bereitwillig abnehmen lassen. Die Meldungen der regierenden "Besorgten Bürgerbewegung" werden direkt auf alle Handys geschickt. Jetzt ist es sicher kein Zufall, dass die BBB an die AfD erinnert, die gerade mit über 90 Abgeordneten in den Bundestag  eingezogen ist. Für wie realistisch halten sie es, dass ihr eigenes Zukunftsszenario wahr werden könnte?

Ich darf das gar nicht für realistisch halten, sonst würde ich mich in einen schlimmen Pessimisten verwandeln. Science-Fiction dient ja auch nicht der Prognose. Ich will ja nicht die Zukunft voraussagen, sondern benutze dieses literarische Mittel, um einen Blick auf die Gegenwart zu werfen. Und so möchte ich "Leere Herzen" auch verstanden wissen. Ich möchte nicht davon ausgehen, dass in anderthalb Legislaturperioden die AfD bei uns an die Regierung kommt.

Auf wie viel Gegenwind machen Sie sich denn gefasst? Gerade der AfD dürfte "Leere Herzen" ja weniger gefallen!

Oder sie sagen: Ist doch super. Die denkt jetzt auch, dass wir bald an der Regierung sind. Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Als ich das Buch fertig geschrieben habe, hatte ich das Gefühl, das wird für sehr viele Aggressionen sorgen und Menschen, die es lesen, werden das Bedürfnis haben, sich zu verwahren und zu sagen, wir sind nicht so. Wir sind anders. Mit so einer Form von Gegenwind könnte ich ehrlich gesagt sehr gut leben. Dann wäre das passiert, was ich mir auch wünsche. Dass das Buch dazu führt, dass man in sich wieder spürt, wo das Eigentliche und das Wichtige ist. Manchmal muss man auch in einen etwas angeschmutzten Spiegel schauen, um zu merken, wo die ganz sauberen Stellen im eigenen Herzen sind.  

Das vollständige Interview hören Sie im Audio. Es wurde geführt von Marie Kaiser, radioeins  

 

Kommentar

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21 Kommentare

  1. 19.

    Das wird auch nicht besser, wenn Sie jetzt versuchen, Frau. Zeh eine systemgerechte Sprache beizubringen.

  2. 18.

    In meinen Augen hat Frau Zeh im Interview entscheidende Fehler begangen, inhaltlich wie sprachlich.

    Wenn man die Gefahr der stetig weiter voranschreitenden Aushöhlung der Demokratie unterschätzt und nicht für realistisch hält, dann ist sie erst recht eine Bedrohung. Wer vor rechten Umtrieben die Augen verschließt, setzt die Demokratie aufs Spiel.

    Ein weiterer Fehler bildet ja fast den Beginn des Interviews: Sie spricht u.a. von der "Flüchtlingswelle". Menschen das Menschlichsein zu nehmen mit derartigen Bezeichnungen; sie distanziert, unempathisch zu Objekten zu formen - ganz im Sinne und nach der rhetorischen Art der "besorgten Bürger" - das ist dann wirklich sehr enttäuschend und mindestens irritierend. Schließlich verdient sie ihr Geld ja explizit mit Sprache. Dass sie darüber nicht ausreichend zu reflektieren scheint und man sie hier "roh" und unbearbeitet, ungefiltert erwischt hat, ist gut für das Interview, aber nicht gut für Frau Zehs Glaubwürdigkeit. Schade.

  3. 17.

    Also bitte: Goethe war mehr als nur ein Schriftsteller,sondern auch ein begnadeter Maler. Mehr brauche ich nicht zu Ihren ansonsten nichtssagendem Kommentar hinzufügen.

  4. 16.

    Es ist nicht von der Hand zu weisen, wenn man Schriftstellern das unterstellt. Goethe nannte man zwar Dichter, was vielleicht vergleichbar ist . Sein Leben war aber alles andere als das Wasser schrieb und den Herrschenden zumunde zu reden lohnt sich meistens. Also Papiertonne auf und weg.

  5. 15.

    @arno busch,@cornelia s. - sachte sachte, ich habe gar nichts gegen das Geldverdienen mit Büchern. Bei Autor/Autorin kommt eh das wenigste davon an. Es hat mich einfach gereizt, diesem Satz ein wenig das Erhabene zu nehmen. Der Anspruch von Frau Zeh ist ja nun ziemlich hoch um nicht zu sagen überhöht.
    @lotte - Ich urteile nicht über das Buch, das ich noch gar nicht gelesen habe, sondern habe einen Satz des Interviews kommentiert.

  6. 13.

    Eines der allerschwächsten "Argumente" war stets, Schriftstellern zu unterstellen, diese wollten (nur) Geld verdienen.

  7. 12.

    Ja, Juli Zeh ist Autorin und verdient damit Geld. Wo ist das Problem? Wenn Ihnen ihre Bücher nicht gefallen, müssen Sie sie ja nicht kaufen.

  8. 11.

    Wenn Sie sich von solch Kleinigkeiten wie dem Gemütszustand Broders als SYMPTOM so leicht beeindrucken lassen, ist das Ihre Entscheidung. Mich beeindrucken ganz andere Probleme - nämlich die in Broders Film geschilderten URSACHEN dieses Symptoms.

  9. 10.

    Weshalb Urteilen Sie gleich,ohne das Buch überhaupt in der Hand gehalten,geschweige denn gelesen zu haben? Was ich sicherlich tun werde.

  10. 8.

    Ja,diese Dokumentation hat mich sehr erschreckt.Vor allem aber haben mich der Aufenthalt und die Geschehnisse in Malmö sehr,sehr nachdenklich gestimmt.Vielen Dank für Ihren sehr lehrreichen Hinweis.

  11. 7.

    "Dass das Buch dazu führt, dass man in sich wieder spürt, wo das Eigentliche und das Wichtige ist." Nämlich ein gutgefülltes Bankkonto, nicht wahr, Frau Zeh?

  12. 6.

    Ein Polemik und Krawall waren schon immer Broders Metier. Das ist nicht neu. Was sich tatsächlich geändert hat, sind die Zustände und Verhältnisse. Daß einer darauf auch mit Verbitterung reagiert, ist ja wohl kaum verwunderlich.

  13. 5.

    Also ich bin erschrocken. Erschrocken, was aus dem scharfzügingen, pointierten, schelmischen Broder für ein verbitterter, polemischer Krawallbruder geworden ist. Bedenklich auch seine Interviewführung, bei der er in der Regel dem Gegenüber Worte vorgibt / in den Mund legt.

  14. 4.

    Mutig, denn vermutlich werden wir schon in acht Jahren darüber kichern.

    Menschen, die über die Zukunft orakeln, vergessen meist die simple Regel, daß eine Entwicklung nur sehr selten gradlinig verläuft, sondern auf jede Bewegung eine Gegenbewegung erfolgt.

    Und Menschen, die (wie es derzeit ja wieder mal groß in Mode ist) über die schlimme, schlimme Gegenwart jammern, seien Studien der Geschichte empfohlen: Das Allermeiste von dem, worüber heute geklagt wird, gab es schon vor dreißig, sechzig, neunzig, 120 Jahren und mehr. Und daß die Welt "unübersichtlich" und "aus den Fugen" ist, gehört zum Standardbefund spätestens seit Beginn der Industrialisierung, ebenso wie Klagen über "Werteverlust" und "Orientierungslosigkeit". Über den Mangel an mitreißenden "Zukunftsideen" sollte man sich allerdings freuen: Viele von denen sorgten im 20. Jahrhundert für Hunderte Millionen Tote.


  15. 3.

    Es ist ja geradezu typisch, dass sich diese Gesellschaft kaum Zeit nimmt. Zeit nimmt, Dinge zu durchdenken. So bleiben Phänomene an der Oberfläche und es kommt durchgängig zu einem billigen Reiz-Reaktions-Spiel. Gerade die Internet-Diskussionen sind Abbild dieser Abgehetztheit. Auch die "besorgte Bürgerbewegung".

    Sorgen verlangen geradezu nach Reflexion und sie sind dann keine Sorgen mehr, wenn sie ideologisch wie ein Schild vor sich hergetragen werden. Oder plakativ und groß auf Häuserwände gemalt werden, wie einst die Staatssozialisten ihre Parolen verkündeten, damit sie endlich in die Köpfe hineingelangten.

    Die Auflösung des Horrors, den Juli Zeh da beschreibt, ist keine Gegenbewegung, sondern eine Kultur, die hysterische Zeitläufe verlangsamt. "Tun Sie nicht mehr, tun Sie weniger, und das mit Bedacht!" wäre bspw. ein sinnvolles Motto.

  16. 2.

    "die Demokratie so gut wie abgeschafft" Aller klar. Frau Zeh reiht sich also ein in die Riege der etablierten antidemokratischen Propagandisten, indem sie Anderen per se Demokratiefähigkeit abspricht. Das ist unterste Schublade. Bei den einfältigen Klischees, die sie sonst so verbreitet, überrascht mich das aber nicht wirklich.

    Abgesehen davon sollten sich Menschen wie Frau Zeh einfach mal über die bereits jetzt real existierenden Verhältnisse in Malmö informieren, wie Henryk M. Broder sie in seinem neuesten Dokumentarfilm "Der ewige Antisemit" festgehalten hat (Erstausstrahlung 8.11. Bayerischer Rundfunk). Aber bitte nicht erschrecken.

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