Blick in die Ausstellung: Märtyrermuseum. (Quelle: AugustinPR/Nordwind-Festival)
Audio: Kulturradio | 29.11.2017 | Anke Schaefer | Bild: AugustinPR/Nordwind-Festival

Kritik | Ausstellung im Kreuzberger Bethanien - Umstrittenes Märtyrermuseum jetzt in Berlin zu sehen

Was verbindet Sokrates mit Mohamed Atta? Eine Ausstellung über "Märtyrer", die zuvor in Kopenhagen für Debatten sorgte, hat nun in Berlin eröffnet. Gezeigt werden Personen, die hierzulande als Helden oder Terroristen gelten. Eine Kritik von Anke Schaefer

In einem weißen Saal des Kunstquartiers Bethanien in Berlin-Kreuzberg steht ein großer begehbarer, mit blauem Stoff eingefasster Kasten. In dieser blauen Box hängen an den Wänden Fotos von "Märtyrer", daneben kurze Texte zur Erklärung: die heilige Apollonia, Märtyrerin aus dem 3. Jahrhundert - daneben Omar Ismael Mustafa, der islamistische Attentäter, der im November 2015 im Pariser Club Bataclan in die Menschenmenge schoss. Sokrates, der nicht aus Athen floh, sondern das Todesurteil akzeptierte. Und in der Nähe Mohamed Atta. Der Mann, der ein Flugzeug in das World Trade Center steuerte.

Eine Kombination, die irritiert. Ob Sokrates den Schierlingsbecher trinkt und nur für sich und seine Überzeugungen stirbt, oder ob Mohamed Atta in die Twin-Towers fliegt und fast 3.000 Menschen mit in den Tod reißt - das macht einen Unterschied.

Märtyrer ist nicht gleich Märtyrer

"Das ist ein riesengroßer Unterschied", sagt auch Ricarda Ciontos, die künstlerische Leiterin des Festivals Nordwind, das diese Ausstellung nach Berlin bringt. Sie betont aber auch: "Der Begriff des Märtyrers wird ja bei uns und in anderen Ländern oder Kulturen völlig unterschiedlich verwendet. Wenn man sich zum Beispiel die Märtyrermuseen im Iran oder Irak, in anderen islamischen Ländern ansieht, dann wird man feststellen, dass viele dieser Museen Leute ehren, die wir als Mörder und Terroristen empfinden."

Diese Erfahrung war es, die die dänische Künstlerin Ida Grarup Nielsen vom dänischen Künstlerkollektiv "The Other Eye of The Tiger" auf die Idee brachte, sich mit dem Begriff "Märtyrer" auseinanderzusetzen.

Dürfen Märtyrer töten?

In dem blauen Kasten sind Besucher eingeladen, vor den Tafeln mit den Fotos Platz zu nehmen und sich Kopfhörer aufzusetzen. "Willkommen im Märtyrer-Museum", heißt es da. Die Original-Ausstellung in Kopenhagen fand in einem alten Schlachthof statt - in Berlin ist jetzt eine neue, mobile Version der Schau zu sehen. Wichtiger Bestandteil ist eine 35-minütige Soundcollage.

Am Anfang steht ein Zitat des Religionsforscher Paul Middleton: "Märtyrertum wird konstruiert, wenn eine Erzählung über einen Tod in einer ganz bestimmten Art erzählt wird. Die entscheidende Figur ist dabei nicht der Tote, sondern der Erzähler."

Wen also bezeichnen wir als Märtyrer? Was erzählen wir uns über einen Märtyrer? Ist es jemand, der für seine Überzeugung in den Tod geht? Könnte sein. Aber die Ausstellung zitiert auch einen Moslem, der sagt: "Nur Allah weiß, wer ein wahrer Märtyrer ist." Und ein Christ definierte den Begriff laut Ausstellungsmacher so: "Christliche Märtyrer töten niemals und niemanden."

Ein Begriff und doch nicht vergleichbar

Die Definition des Begriffs "Märtyrer" bleibt also diffus. Vielleicht kann man mehr über Märtyrer erfahren, wenn man versucht, sich in sie hinein zu versetzen? In der Audiotour erzählen die Künstler von Maximilian Kolbe, dem polnischen Franziskaner-Priester, der anstelle eines Familienvaters in Auschwitz in den Hungerbunker ging. Eine Stimme nimmt den Hörer mit dorthin: Kolbe sitzt hier in der dritten Woche ein, ein Mithäftling ist gerade gestorben.

Hilft das hier aber, so ein Geschehen wirklich zu verstehen? Henrik Grimbäck, der Leiter des Künstlerkollektives "The Other Eye of The Tiger", schüttelt den Kopf: "Ich würde so gern jetzt sagen: 'Ja, ich verstehe es.' Aber ich kann es nicht verstehen. Weder die frühen christlichen Märtyrer - die Pilger waren, die die Wikinger zum Christentum bekehren wollten - noch die jüngsten furchtbaren Akte. Das ist sehr schwer zu verstehen. Aber es ist wichtig, dass wir es versuchen."

Fazit: Gewisse Lebensentwürfe und gewisse Entscheidungen lassen sich - auch wenn sie unter einem Begriff subsumiert werden - einfach nicht vergleichen. "Das ist das Interessante an dieser Ausstellung, dass sie mehr Fragen aufwirft, als Antworten gibt", sagt Nordwind-Festival-Chefin Ricarda Ciontos. Dennoch, so verspricht sie, würden die Künstler oder Festival-Mitarbeiter immer zugegen sein, so dass die Fragen, die bei den Besuchern aufkommen, auch tatsächlich vor Ort und sofort geklärt werden können.

Beitrag von Anke Schaefer

Kommentar

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12 Kommentare

  1. 12.

    Es ist Ekelhaft und Abscheulich den Opfern und Angehörigen des Bataclan Massenmordes gegenüber.
    Wenn Kunst zur Hure des Kommerz wird und allein aus Effekthascherei die perversesten Taten zeitnah ausgeschlachtet werden.
    Keinerlei Anstand den kürzlich Ermordeten gegenüber.

  2. 11.

    Gut wäre es, von der Denk"verhaftung" wegzukommen, diejenigen, die da hängen, sollten auf irgendeine Art und Weise geehrt werden. So sollen lediglich gezeigt werden. So gedacht und empfunden, sieht die Angelegenheit schon sehr viel anders aus.

    Viele Dinge sind "sperrig" und die ungeklärte Frage, wer denn nun Märtyrer und was denn nun Märtyrertum sei, lohnt es, sie auch mittels einer Ausstellung aufzuwerfen.

    Was meine eigene Position dazu anbelangt: Selber tue ich mich immer schwer mit einer "Überhöhung" von Märtyrern. Das hängt immer auch mit dem Missbrauch zusammen, der damit verbunden war und ist.

    Das Leben überwindet den Tod, wenn es frei ist aller Gewalt, dann, wenn von aller Gewalt gelassen wurde.
    Martin Luther King ist gewiss dabei, die per Plakette im Berliner Lustgarten Geehrten scheiden da m. E. eher aus.

  3. 9.

    Die Angehörigen/Betroffenen werden immer denken, fühlen und darunter leiden ,,wie sie wollen,,(Sie nannten es-Die werden wohl denken, was sie wollen)

    Unter dem Deckmantel der Kunst zu dem auch sogenannte „Künstler“ zählen ist es also möglich
    „ganz wertfrei“ Menschen zu zeigen, die bereit sind, ihr Leben zu opfern.“
    Waren mit dieser Denke (Nachdenken)Nazis denn auch Märtyrer, die sich für ihre Idee geopfert haben?
    Übrigens auch ein Foto von Matrin Luther King hängt dort. Wäre ich ein Nachkomme von King, hätte ich mich ins nächste Flugzeug Richtung Berlin gesetzt, und das Bild meines Vaters/Großvaters höchstpersönlich aus dieser Ausstellung entfernt. Und natürlich hätten meine Anwälte Strafanzeige gestellt: Wegen Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener (§ 189 StGB).


    Statt der Hydra des islamischen Terrors den Kopf abzuschlagen, hat die Weltgemeinschaft ihr einmal mehr das Futter gegeben, das sie braucht, um ihren Siegeszug fortzusetzen.

  4. 8.

    Ein "Märtyrer" empfindet, dass er nach dem gewaltsamen Tod, nahe bei seinem Gott ist.

    Ein "Märtyrer" ackert 71 Jungfrauen, die sein gütiger Gott nicht fragte, wollt ihr Acker sein.

    Das sagt alles. Das ruft nach Aufklärung im Namen der Frauen diesseits und auch jenseits.

    Doch Kauder CDU erzählte bei "hart aber fair", dass der höchste Islamgelehrte aus der Kairoer Universität zu ihm sagte: „Hören Sie bitte auf mit mir darüber zu reden, dass der Islam durch die Aufklärung muss. Wir wollen nicht durch die Aufklärung, denn bei der Aufklärung ist das Ergebnis gewesen, dass der Staat über der Religion steht. Bei uns muss die Religion über dem Staat stehen.“ „So O Ton Kauder“. Nun die Frage: Welche Religion soll über dem Staat stehen?
    Aus Kauders Gespräch folgten keine Sicherheitshandlungen, sein Verhalten ist strafbar.

  5. 7.

    Wenn "Attentäter, Mörder von Unschuldigen" = "Märtyrer" dann gilt "Umkehrung der Wahrheit" = "Kunst"
    Es gibt hier aber keine Grauzone und kein Spannungsfeld, das man im Sinne des Künstlers auf sich wirken lassen könnte.
    Die Verhöhnung der Opfer und deren Angehörigen quasi als Kontrastprogramm passend zur Adventszeit? Da gibt es nichts zu beschönigen. Dahinter steckt vielmehr kriminelle Energie in Richtung versteckter Gewaltverherrlichung.
    Wer braucht so eine "Kunst", die nur provoziert, ekelerregend und dekadent ist. Wie krank und leer sind solche "Künstler"?

  6. 6.

    frau von storch erstattete strafanzeige gegen den veranstalter der ausstellung. (B.Z.)Danke !

  7. 5.

    immer wenn man denkt, schlimmer geht's nimmer, schaut man nach berlin und stellt fest: dort geht's !

  8. 4.

    Die Ausstellung soll zum Nachdenken über die gegensätzlichen Belegungen des Begriffs "Märtyrer" anregen. Wer lediglich eine Hälfte der Ausstellung wahrnimmt und die andere komplett auszublenden vermag, hat nicht etwa bloß die Hälfte verstanden, sondern gar nichts.
    "...Verbieten, das Ganze..." ist der typische Imperativ der Ewiggestrigen. Verbieten? Warum? Weil jemand das Nach-Denken beginnen könnte?
    "...Was sollen die Angehörigen der Getöteten denken!..." Die werden wohl denken, was sie wollen.
    Wer sich aber lieber von anderen vorschreiben lässt, was er denken soll, für den ist die Ausstellung nicht geeignet.

  9. 3.

    Wer für seine Überzeugung hingerichtet wird und wer andere mordet können nicht gleichbehandelt werden.
    Weil mir die Menschen nicht gleichgültig sind, können nicht alle Standpunkte gleich gültig sein.
    Menschenverachtung und Massenmord sind verabscheuungswürdig, deren Verherrlichung strafwürdig.
    Ekelhaft ist die Sucht der Künstler und Veranstalter, mit der Preisung von Massenmördern selber Aufmerksamkeit zu erlangen.

  10. 2.

    Deutschland arbeitet zielstrebig an der Selbstaufgabe. Meinen Segen dazu habt ihr!

  11. 1.

    ein Ehrenhain für MÖRDER - verbieten das Ganze. Was sollen die Angehörigen der Getöteten denken! Derjenige der die Räume für diese Ausstellung gestellt, hat muss sich schämen.

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