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Audio: Interview mit Nora Moll von Peng | Kulturradio | 27.11.2017 | Bild: Screenshot/hauntedlandlord.de

Polit-Kunst-Aktion vom Kollektiv Peng - Entmietete kehren als Trollanrufe zu ihren Verdrängern zurück

40 Schicksale von verdrängten Mietern hat das Berliner Künstlerkollektiv Peng gesammelt und von Schauspielern einsprechen lassen. Vorgelesen bekommen sie die ehemaligen Vermieter ab sofort am Telefon - zu jeder Tages- und Nachtzeit.

Das Berliner Künstlerkollektiv Peng hat am Montag die Aktion "Die Rückkehr der Entmieteten" gestartet. Darin geht es um die Konfrontation von Vermietern mit den Gefühlen, die sie bei ihren Mietern ausgelöst haben, die sie "verdrängt" haben.

Auf der eigens dafür eingerichteten Homepage Haunted Landlord schreiben die Aktionskünstler: "Mit einem Bot rufen wir besonders skrupellose Immobilienfirmen und Hauseigentümer*innen an und konfrontieren sie mit den Schicksalen der von ihnen verdrängten Menschen." Die Geister Vergangenheit würden die ehemaligen Vermieter nun heimsuchen, heißt es weiter.

Zuerst hatten die taz und der Tagesspiegel berichtet.  

Badewanne ausgebaut und zehn Monate nicht ersetzt

40 Geschichten von verdrängten Mietern aus sechs Häusern seien zusammengekommen, darunter vier in Berlin. Die "Entmieteten" hätten ihre Schicksale nicht selbst eingesprochen, sondern professionelle Schauspieler. Diese bekämen die Vermieter nun eine Woche lang vorgelesen auf ihren Privattelefonen oder an ihren Firmenhotlines, 20 Mal am Tag, heißt es. Wie viele Anrufe es bislang sind, lässt sich auf der Website nachschauen. Damit die Nummern nicht gesperrt werden können, sei eigens ein Bot programmiert worden, der immer wieder eine neue Nummer in den Displays der Vermieter anzeigt.

Sie hören etwa davon, dass sie in der Mareschstraße in Berlin-Neukölln ihren Mietern zunächst unangekündigt ein Baugerüst hingestellt und dann im Hausflur eine Überwachungskamera eingerichtet hätten. Sie hören auch, dass einem Mieter bei Bauarbeiten die Badewanne ausgebaut und zehn Monate nicht ersetzt worden sei.

Auch eine Kündigung, begründet mit dem Eigenbedarf der Eltern des Vermieters gehört zu den Schicksalen, die eingelesen worden ist. Kurz nach dem Auszug der Altmieter sei die Wohnung zum doppelten Mietpreis auf einem Immobilienportal wieder aufgetaucht. Ein Mieter bekam, wie es weiter heißt, seine Kündigung einen Tag vor Heiligabend durch den Türspalt durchgeschoben. Der Vermieter müsse sich nun anhören, was das mit den Mietern gemacht hat.

Die Ratten kamen bis ins Schlafzimmer

In der Berlichingenstraße in Berlin-Moabit sei den Mietern zwei Monate lang das Wasser abgestellt worden, was zu Chaos geführt habe. Die Ratten seien bis in den vierten Stock in das Schlafzimmer einer Wohnung gekommen. "Es hat gewimmelt von Ratten", heißt es in der Geschichte weiter. Ein anderes Schicksal erzählt davon, dass die Mieter (im gleichen Haus) Securitymitarbeitern ihre Ausweise hätten zeigen müssen, um in ihre Wohnungen zu kommen.

Peng begründet die Aktion auf der Website damit, dass die Mittel, zu denen Immobilienbesitzer greifen, um ihre Häuser zu entmieten unmenschlich seien und tiefe Spuren in den Leben der Betroffenen hinterließen. Da sich die Entmietungen jedoch finanziell lohnten, fänden sie immer wieder statt. "Der Staat schützt Privateigentum, Profitmaximierung und Spekulation mehr als das Recht auf Wohnen", heißt es wörtlich.  

Die Entmieteten sollten mit dieser Aktion noch Jahre später in den Telefonleitungen ehemaliger Vermieter herumspuken, weil sie sonst nur kurze Episoden einer Investitionslogik seien. Am Ende jedes Anrufs werde der Hintergrund der Aktion aufgeklärt und eine Rufnummer genannt, die zu Peng! führe.

Die Projektkoordinatorin bei Peng, Nora Moll, sagte dem Tagesspiegel, dass es schwierig gewesen sei, die "Entmieteten" zum Reden zu bringen. Sie hätten Angst vor neuem Ärger gehabt. Dem Bericht zufolge hat die Open Society Foundation, eine Stiftung des amerikanischen Investors und Milliardärs George Soros, das Geld für die Aktion bezahlt.

Auf kritische Stimmen hat sich das Kollektiv vorbereitet. Moll stellte in der taz die
rhetorische Frage: "Ist das Anrufen beim Vermieter ein größerer Eingriff in die Privatsphäre, als Menschen frieren zu lassen, weil man kein Heizöl bestellt?" Außerdem würden die Namen der Vermieter nicht genannt. Sie sollten nur nicht einfach wegschauen können. Peng fordert laut Moll, eine Wohn- und Stadtpolitik, die Verdrängung sanktioniert, sie unrentabel macht, anstatt sie zu belohnen.

Kommentar

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Antwort auf [G.Ballester] vom 27.11.2017 um 15:08
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17 Kommentare

  1. 17.

    Echt? Sie glauben einer von den angerufenen Mietwucherern, skrupellosen Entmietern und Eigenbedarfslügnern hat die Chuzpe zu erläutern, dass er/sie sich im Recht sieht mit solch angreifbarem Wohnraumspekulantentum? Das wär spannend, dann hätte man auch Gesichter zu diesem asozialen Vermieterverhalten!

  2. 16.

    Interessante Aktion!
    Wäre doch mal ein Aufgabe für den rbb die Besitzer der Häuser öffentlich zu benennen!

  3. 15.

    Ich fände gut konstruktiv zu sein. Was der RRG innerhalb eines Jahres(!) getan hat, versucht, vorschlägt, dazu gäbe es eine Menge positives zu vermelden. Allein reichen tut es nicht. Wirkt nicht schnell genug. Manches erst in fünf, zehn, zwanzig Jahren. Aber es sind die die es wollen. Dafür brauchen sie Mandat ebenso wie freundlich-kritischen Druck. Wir sind die Gesellschaft, der Wähler, wir müssen uns entscheiden und dazu stehen mit wem wir uns verbünden. Statt beleidigt zu sein das "Der Politiker" kein Gott, kein gutmütiger König ist. Die marktkonformen Extremisten haben ja Recht. Wir reden über Eigentum. Seine soziale Verpflichtung. Die Tatsachen aus den letzten Jahrzehnten. Von den Endsieg-Phantasien der Neoliberalen. Der Enteignung die den Durchschnitt, die Mehrheit nicht aber das Eigentum der wenigen Profiteure trifft. Stellen Sie sich vor DIE LINKE verkündete, worüber wir ja wirklich nachdenken müssen: Enteignung weil Eigentum verpflichtet, Wohnungskrise ein Notstand ist.

  4. 14.

    Ich besitze etwas,du besitzt etwas,du bist der Besitzende. Ist das so schwer zu verstehen? Der Rest klingt wie getroffene Hunde..

    @Leonard
    "Getan hat er bisher was?"
    Schon mal die Berichterstattung verfolgt? Es wurde schon einiges unternommen,auch wenn noch mehr passieren muss. Allerdings sind Möglichkeiten eines Bundeslandes in bestimmten Sachen begrenzt.

    Ansonsten eine gute Aktion.

  5. 13.

    geht eine Berichterattung auch in reflektierter, rationaler Sprache ?

    warum dieser religiös, esoterisch, deterministische Quatsch mit dem "Schicksals" Geseiere

    es gibt viele andere nicht deterministische Begriffe: bspw. Erlebnisse, Geschehnisse, Erfahrungen

    auch Menschen die mit Schreiben ihr Geld verdienen könnten mal kurz über alltäglichen dominanten Sprachmüll nachdenken

  6. 12.

    Eine absolut ehrenwerte Aktion, nur sie ist von einem anderen Stern. Bitte nicht böse sein, weil diese angerufenen Personen leben/befinden sich darüber/leben anders. Sie sind darüber mit all ihren Anwälten. Ha, ha, ha macht es da - die sind skrupellos! Hier ist unser Rot-Rot-Grüner Senat gefragt. Getan hat er bisher was? Ich wiederhole: Rot-Rot-Grün!

  7. 11.

    Für mich hat das mit KUNST leider wenig zu tun, mehr mit Stalking, Selbstjustiz und ... Naivität:
    Der Domaininhaber wird wohl bald Post vom Gericht bekommen. Ich glaube noch an den Rechtsstaat :-)

  8. 10.

    ''Besitzenden'', was soll das sein? Haben Sie eine neue Gattung erfunden? Außerdem ist diese schwachsinnige Aktion eindeutig rechtswiedrig. Telefonterror und Stalking sind Straftaten.

  9. 9.

    Das ist das Ergebnis, wenn der Rechtsstaat versagt - weil er den Besitzenden bevorteilt und ihn nicht in die Schranken weist, weil er folglich den Schwächeren nicht angemessen schützt, sondern allein läßt, und weil Recht zu bekommen häufig eine Frage des Geldes ist (Motto: Ich klag meinen Gegner in den Ruin. Wahlweise: Der kann sich an mir ruhig juristisch abarbeiten, ich verschleppe alles, vertraue auf das langsame Mahlen der Justizmühlen, und kann mir außerdem die besseren Anwälte leisten. Beliebt auch: Komplizierte Firmenkonstruktionen, bei denen öfter mal die eine oder andere [Briefkasten-] Firma bankrott geht.)

  10. 8.

    Könnte man das auch für die Air Berlin und Schlecker-Angestellten machen. Ich denke deren ehemalige Arbeitgeber interessieren sich brennend für ihre Schicksale.... morgens um 3.

  11. 7.

    Eine wunderbare Aktion. Ich ziehe meinen Hut - Punktum. Entmieter und verlogene skrupellose Wohnraumspekulanten haben sich diese zahllosen Anrufe wirklich verdient. Ganz besonders schlimm scheint ja der Vermieter des Hauses in der Berlichingenstrasse in Moabit zu sein. Auch die Eigenbedarfslügner sollen sich jetzt gerne mal unzählige anhören, was sie angerichtet haben. Ich hoffe, dass diese Aktion wenigstens abschreckt, an ein Gewissen kann man glaube ich nicht appelieren.

  12. 6.

    Chapeau! Eine - im wahrsten Sinne des Wortes - geistreiche Aktion! Endlich bekommen die Mieter auch eine Stimme. Weiter so!

  13. 4.

    Ich würde sagen, diese Aktion bewegt sich wohl am Rande der Legalität. Naja, so lange Gesetze nicht gebrochen werden immer weiter so. Aber man sollte den Text nochmal zur Korrektur geben: "verdängt"; Bausgerüst; Immonilienportal.

  14. 3.

    Eigentlich eine gute Aktion, weil besser als gar keine. Nur, diese " besonders skrupellosen Immobilienfirmen und Hauseigentümer*innen" wissen selbst ganz genau was sie da tun, und GENAU DESHALB tun sie es. Denen braucht man nicht in ihr nicht vorhandenes Gewissen zu reden.

  15. 2.

    Es heißt:Eigentum Verpflichtet.In Bezug auf Immobilien scheint es so zu sein,soviel Geld wie möglich zu erwirtschaften.Mfg

  16. 1.

    Klasse Aktion!!!

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