Titel: Samuel Beckett - drei Einakter: Nicht Ich / Tritte / He, Joe. Autor: Samuel Beckett. Regie: Walter Asmus. (Quelle: Agentur Zenit/David Baltzer)
Video: Abendschau | 11.11.2017 | Christian Titze | Bild: Agentur Zenit, Archiv, Pappelall

Premiere an der Volksbühne - Dercon lässt keinen Zweifel daran, wo die Reise hingeht

Tanz am Flughafen, Besetzung am Theater, ein nicht enden wollender Streit um den neuen Intendanten: Die Volksbühne sorgte in den vergangenen Monaten für einige Schlagzeilen. Nun ist das Große Haus wiedereröffnet. Mit reichlich Performance und ein bisschen Theater. Von Nadine Kreuzahler

Aufregung liegt am Freitagabend in der Luft, als das Premierenpublikum in die Berliner Volksbühne strömt. Vor der Bühne gibt der ebenso neue wie umstrittene Intendant Chris Dercon ein Fernsehinterview. In den dunklen Gängen des Theaterhauses und den Seitenfoyers dröhnt und hämmert Musik aus Lautsprechern. Dazu flackern die Deckenlampen wie in einem Horrorfilm. Wer das Theater betritt, steht mitten in der ersten Kunst-Installation des Abends. Ein nervöses Vorspiel für das, was kommt.

Publikum in steter Bewegung

Der gefeierte deutsch-britische Performance-Künstler Tino Sehgal taucht den großen Saal in Licht und Klang. Den riesigen Kronleuchter lässt Sehgal wie ein Ufo von der Decke schweben. Kaum haben sich ein paar Zuschauer im großen Saal auf den Boden gesetzt, Stühle gibt es zunächst keine, werden sie auch schon wieder aufgescheucht. Das Publikum ist immer in Bewegung, schwärmt durch die Seitenfoyers und Gänge, Bierflaschen oder Weingläser in den Händen.

Dabei werden interaktive Situationen aufgeführt, die Sehgals Schaffen der Jahre 2000 bis 2017 umspannen. Kleine Szenen und Monologe auf Englisch und spielerische Versuche, mit dem Publikum ins Gespräch zu kommen. Allerdings ist es in den Foyers zu laut, um die Texte zu verstehen und sich wirklich darauf einlassen zu können.

Warten auf Beckett

Da zudem Videoinstallationen gezeigt werden, stellt sich irgendwann das Gefühl ein, man befinde sich auf einer Kunstausstellung, und nicht im Theater. Anderthalb Stunden dauert dieses Vorspiel, dieses Warten auf Samuel Beckett.

Im großen, jetzt bestuhlten Saal werden schließlich drei Stücke des irischen Literatur-Nobelpreisträgers gezeigt: "Nicht Ich", "Tritte" und "He, Jo". Alle drei unter der Regie von Becketts langjährigem Vertrauten Walter Asmus. Anne Tismer, Berliner Theaterstar der Nullerjahre, heute Performance- und Aktionskünstlerin kehrte hierfür an die Volksbühne zurück.

Alles ist Performance

In völliger Dunkelheit spuckt Tismer den atemlosen Redeschwall von "Nicht, Ich" in den Saal. Die Finsternis wirkt dabei beklemmend und lenkt eher vom Text ab. Bei "He, Jo" ist nur Tismers Stimme zu hören, während der 82-jährige dänische Schauspieler Morten Grunwald (bekannt als Benny aus der Olsenbande) Mimik und Augenausdruck dazu liefert. Sein Gesicht ist riesengroß auf einer Leinwand zu sehen. Am Schluss stürmt der Volksbühnen-Chor den Saal und baut die Bühne vor den Augen der Zuschauer ab.

Die Botschaft des Abends heißt: Alles ist Performance. Die neue Volksbühne unter Chris Dercon lässt keinen Zweifel daran, wo es in Zukunft hingehen soll. Dabei sind intensive Momente entstanden. Bei den Premierenbesuchern kam dies unterschiedlich gut an. 

Beitrag von Nadine Kreuzahler

Kommentar

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6 Kommentare

  1. 6.

    Scientology war schon in München ein Thema

  2. 5.

    Das geht sicher eher zuende als er denkt.

  3. 4.

    so wohlwollend man auch diesen neustart der volksbühne.de gegenübersteht,es war ein aufgeblähtes, unkoordiniertes und ohne theaterzuschauer gedachtes hin und her.
    man hatte gehofft ,mit dem ende der ära castof,wäre endlich vorbei mit dem spuk der ewigen selbstinzinierungen.
    jetzt habe ich den eindruck, der fängt erst richtig an.
    chris dercon hat mit dieser eröffnung am stammhaus seinen kritikern selbst die messer geschärft.
    leider zu recht.


  4. 3.

    Geschmäcker sind eben verschieden. Lesen Sie mal die DLF-Kritik, da pocht bei Ihnen wahrscheinlich die Halsschlagader: verkrampft, misslungen, theaterfern - http://www.deutschlandfunkkultur.de/saison-auftakt-an-der-volksbuehne-misslungen-und-theaterfern.1013.de.html

  5. 2.

    Bisher war die Besetzung die beste und spannenste Inszenierung der Spielzeit. Aber da kommt bestimmt noch ganz großes, einmaliges und visionäres Theater, oder?

  6. 1.

    Dieser Text ist ja glücklicherweise recht ausgewogen. Gestern twitterte rbb24 aus der laufenden(!) Aufführung hämische Worte über den Abend und hatte nach ein paar Minuten schon festgestellt "sinnloses Intro". Wieso so respektlos?

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