Der Schauspieler Max Hopp (l) als Milchmann Tevje verteilt bei einer Fotoprobe des Musicals «Anatevka» am 29.11.2017 auf der Bühne der Komischen Oper in Berlin Milch.
Audio: Inforadio | 04.12.2017 | Barbara Wiegand | Bild: dpa/Jörg Carstensen

Kritik | Anatevka-Premiere in der Komischen Oper - Brillante Soli aus dem Schtetl

Am Broadway avancierte das Musical "The fiddler on the roof" seit seiner Uraufführung 1964 zum Kassenschlager. Auch in Deutschland hat das Stück als "Anatevka" große Erfolge gefeiert. Die Komische Oper zeigt es jetzt wieder zum 70. Geburtstag des Hauses. Von Barbara Wiegand

Anatevka – ein fiktives Schtetl im zaristischen Rußland, in dem man mit ein bisschen Fantasie – durchaus mal einen "Fiedler auf dem Dach" beobachten kann. Es ist ein Ort, in dem man ganz auf Traditionen vertraut – man feiert Sabat – und verheiratet seine Töchter, gern auch mal an einen reichen Mann.  

Fünf Töchter müssen an den Mann gebracht werden

"The fiddler on the roof" heißt das Musical von Jerry Bock im Original. Der Fiedler ist in der Komischen Oper ein Junge, der mit Kopfhörern über die Bühne rollert und seine Violine aus dem Schrank holt, um Geige zu üben und der mit den Schranktüren, die Tore zu Anatevkas Welt geöffnet hat.

Denn aus diesem und aus den vielen anderen Schränken, die Kosky neben, auf und übereinander auf der Bühne gestapelt hat, da kommen sie heraus, die Bewohner Anatevkas. Der Rabbi, der Schlachter, der Wachtmeister, der Milchmann Tevje und seine Frau Golde, der arm an Geld und reich an Töchtern gern mit Gott und einer guten Portion Komik über sein Schicksal debattiert. Fünf Töchter muss er an den möglichst wohlhabenden Mann bringen und läßt doch ein ums andere Mal die Liebe siegen.

Jenseits von konstruierter Aktualisierung und romantisierenden Klischees

Doch so skurril die Idee mit den Schränken als heimelige Verstecke, beklemmende Gefängnisse, Wege ins und aus dem Nichts auch ist. Anfangs hat das ganze auch etwas von einem Trödellager, altmodisch und angestaubt wirkt die Szenerie, zäh entwickeln sich die vielen gesprochenen Dialoge. Doch Kosky bleibt beharrlich jenseits von konstruierter Aktualisierung und romantisierenden Klischees entwickelt er behutsam die Geschichte lässt süße Texte einfach mal süßlich sein. Ist kitschig, ohne Klischee - ironisch, einfach menschlich  – total grotesk.

Folklorehafte Nummern manchmal schmissig, aber mit brillanten Soli spielt

Herrlich etwa die mit abstrus choreografierten Tanznummern in Szene gesetzten Träume, die Tevje sich ausdenkt, um seiner Frau zu erklären, warum die Älteste das arme – aber junge - Schneiderlein statt den reichen – alten Schlachter heiraten darf. Immer großartiger agiert hier Max Hopp als Milchmann Tevje. Dagmar Manzel als seine Frau Golde hat herrlich kodderigen Mutterwitz und allerdings etwas viel Vibrato in der Stimme.

Dazu das Orchester der Komischen Oper, das die Revueartigen und folklorehaften Nummern manchmal etwas schmissig, aber mit brillanten Soli spielt. Allerhand Drive entwickelt diese Anatevka und Aberwitz – bis zur Pause - denn nach der Pause ist der Winter eingezogen – es schneit und Milchmann Tevje zieht an Stelle seines lahmen Pferdes seinen Karren im Kreis. Haus und Hof mußten er und seine Leute verlassen, ist doch in die vermeintliche Romantik des Schtetls die Wahrheit zunehmender Pogrome und Vertreibung eingebrochen. So sind die Schränke jetzt aufgetürmt im Schnee, als Denkmal an das, was sie zurücklassen – in Anatevka.

Das Ende ist hier ein Abschied, kein großes Finale. Ein Abschied vom Vertrauten begleitet von den Geigenklängen des "The fiddler on the roof".

Beitrag von Barbara Wiegand

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1 Kommentar

  1. 1.

    Diese Verschriftlichung des Hörbeitrags
    https://www.inforadio.de/programm/schema/sendungen/kultur/201712/188421.html
    richtet sich an Nachhilfelehrer im Fach Deutsch?

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