Die Akrobaten von Ockham's Razor zwischen den Stangen auf der Bühne (Quelle: imago/ZUMA Press)
Audio: Inforadio, 16.12.2017, Susanne Bruha | Bild: imago/ZUMA Press

Kritik: "Tipping Point" in den Berliner Festspielen - Artistisch hochprofessioneller Weihnachtszirkus

Ein "Tipping Point" ist der Moment, an dem eine Entwickling abrupt abbricht, die Richtung wechselt oder stark beschleunigt wird. Was die gleichnamige Zirkusshow beudetet, die seit Freitag im Haus der Berliner Festspiele läuft, weiß Susanne Bruha.  

Es geht harmlos los, freundlich lächelnd betreten zwei Performerinnen, drei Performer die Bühne. Das Publikum sitzt mit auf der Bühne im Haus der Berliner Festspiele, an vier Seiten um die Tanzfläche der Gruppe Ockham's Razor aus Großbritannien herum. Die schwarze Bühne, die Blautöne der schlichten Hose-Shirt-Kostüme und das Weiß des Kalks mit dem sie sich ihre Hände einreiben, staubt und wirbelt im Licht der Scheinwerfer.

Publikum wird gesalzen

Aus einem langem weißen Rohr, dessen eines Ende ein Performer in der Mitte der Bühne auf seiner Schulter trägt und dessen nach unten geneigtes anderes Ende seine Kollegin im Kreis über den Bühnenboden führt, rieselt Salz. Ein dicker Kreis Salz umrahmt jetzt die Bühne und bietet keinen Schutz, als der Perfomer beginnt, sich mit dem langen weißen Rohr auf der Stelle zu drehen und es so wirkt, als würde er die Stange gleich ins Publikum schleudern. Ein Murren geht durch die ersten Reihen, das fühlt sich nicht gut an, dieses Kokettieren mit der Gefahr.

Ockham's Razor auf der Bühne (Quelle: imago/ZUMA Press)
Die Themen sind klar: Es geht um Vertrauen und menschliche Beziehungen | Bild: imago/ZUMA Press

Von Stange zu Stange hüpfen

Ab jetzt aber ist es nur noch gefährlich für die Luftakrobaten, sie beturnen, beklettern, betanzen die insgesamt fünf Rohre, die sie sich gegenseitig halten, auch mal loslassen, was zu Schnappatmung im Publikum führt oder auf ihren Schultern tragen, während eine von ihnen balanciert und von Stange zu Stange hüpft.

Die Dramaturgie des Abends lässt etwas zu wünschen übrig, es gibt keine wirkliche Geschichte, auch wenn im Ansatz immer wieder spielerische Sequenzen aufflammen, die dann aber irgendwie ins Leere laufen.

Es geht um Angst und Vertrauen

Die Themen des Abends sind dennoch klar und stark. Es geht um Vertrauen, Angst, Kontakt in menschlichen Beziehung. Es geht um den "Tipping Point", um den Moment wo alles kippt, wo aus Sicherheit Unsicherheit wird und sich zeigt, ob Angst oder Vertrauen stärker sind. Wenn beispielsweise alle fünf Stangen an den Traversen schwingen und die Performer mit geschlossen Augen durch diesen gefährlichen Pendelwald laufen, geleitet von den Kommandos der anderen.

Keine extrem spektakuläre Show, dafür eine sehr sympathische, artistisch hochprofessionell, mit viel Charme.

Beitrag von Susanne Bruha

Kommentar

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4 Kommentare

  1. 4.

    Die Behauptung, "Performer" hätte sich als Lehnwort im Deutschen durchgesetzt, ist schlicht und ergreifend Unsinn. Weder mir noch meinem Freundes-, Bekannten- und Verwandtenkreis ist dieses Wort jemals zu Ohren gekommen, jedenfalls nicht als Lehnwort im Deutschen.

  2. 3.

    "Performer" hat sich als Lehnwort im Deutschen durchgesetzt, weil es eine genaue deutsche Entsprechung nicht gibt. "Performer" bezeichnet einen Künstler, der etwas vorträgt, das sich nicht so einfach in eine der bekannten Kategorien wie "Schauspieler", "Tänzer", "Artist" usw. packen lässt - zum Beispiel weil es Züge von mehreren Kategorien trägt oder sich der jeweilige "Performer" nicht auf eine festlegen (lassen) will.

  3. 2.

    Performer - denglish for you!

  4. 1.

    Ich empfehle Korrekturlesen, aber bitte kein "Performer". Solide Deutschkenntnisse sind gefragt.

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