Intendant Chris Dercon spricht am 06.11.2017 in der Volksbühne in Berlin bei einer Pressekonferenz über die erste Inszenierung im Großen Haus unter seiner Intendanz. (Quelle: dpa/Britta Pedersen)
Audio: Inforadio | 15.12.2017 | Ute Büsing interviewt Chris Dercon | Bild: dpa-Zentralbild

Chris Dercon im Interview - "Sie kommen alle!"

Weder ein Theater mit klassischem Ensemble noch ein Festivalhaus: Im rbb-Interview spricht Intendant Chris Dercon über seine Vision der Volksbühne - und darüber, was er in den ersten 100 Tagen im Amt verändert hat.

Der Intendant der Berliner Volksbühne, Chris Dercon, hat den Vorwurf zurückgewiesen, es gebe an seinem Haus einen "Systemwechsel". Davon könne keine Rede sein, sagte Dercon am Freitag im rbb. Veränderungen werde es aber ganz sicher geben. Die Volksbühne werde kein klassisches Ensemble haben, sie werde aber auch kein Festivalhaus.

Bei einer Podiumsdiskussion zum Begriff des Ensemble-Theaters Anfang Dezember in der Akademie der Künste hatte Ulrich Khuon, Intendant des Deutschen Theaters, gesagt, an der Volksbühne habe mit Dercon ein "Systemwechsel" stattgefunden. Der sei "aber so nicht benannt" worden. Dagegen wehrt sich Dercon nun im rbb-Interview.

"Die Kritiker fangen an zu verstehen, wo die Reise hingeht."

"Nach den ersten 100 Tagen geht es mir eigentlich sehr gut", sagte Dercon. "Wir haben das Programm durchgesetzt, das wir im April 2015 präsentiert haben." Das passiere unter großer Beobachtung und "anfangs mit sehr schlechter Kritik". In den letzten zwei Wochen, unter anderem mit Susanne Kennedys "Women in Trouble" habe sich das geändert: "Man sieht, dass auch die Kritiker anfangen zu verstehen, wo die Reise hingeht."

Viel junges, internationales Publikum

Einen grundsätzlichen Paradigmenwechsel im Spielplan kann der neue Volksbühnen-Chef nicht erkennen. "Das Theater von heute soll sich mit der Gesellschaft beschäftigen, und genau das findet bei uns statt."

Auch einen Publikumsaustausch kann er nicht bestätigen, sondern verweist auf die Veranstaltungen im Grünen und Roten Salon: "Die Salons laufen sehr gut, die Publika sind dabei völlig anders. Berlin hat eine unglaubliche Menge an unterschiedlichen Leuten mit unterschiedlichen Wünschen. Und sie kommen alle!" Es gebe viele junge Menschen im Publikum der Volksbühne und viel internationales Publikum – "aber nicht nur", betonte Dercon.

"Eine neue installative Form von Theater"

Wenn es dann doch einen Systemwechsel im Hause gebe, dann in Gestalt von neuen Spiel- und Theaterformen: "Wir haben bei Susanne Kennedy neue riesige Dekors, neue Technologien, neue Ästhetiken, eine neue installative Form von Theater", erklärt er. Die 20 Millionen Euro Subventionen durch das Land Berlin würden genau dafür gebraucht: "Ich glaube, dass das Geld sehr gut genutzt wird."

"Anne Tismer wird zurückkommen"

Nach dem Abgang der eigentlich unkündbaren Schauspielerin Sophie Rois bleibt die Frage, inwiefern Dercon ein Ensemble aufbaut. Wird es unter Dercon einen fest angestellten Schauspielerstamm geben? Der Intendant sagt immerhin, dass Anne Tismer "immer wieder zurückkommen wird – das hat sie uns versprochen".

Langsam baue die neue Volksbühne auch ein Repertoire auf. "So kommt zum Beispiel 'Iphigenie' aus den Hangars von Tempelhof zurück ins Haupthaus am Rosa-Luxemburg-Platz", kündigte Dercon an. "Women in Trouble" laufe die ganze Spielzeit durch. "Auch Beckett kommt zurück."

"Viel mehr eigene Produktionen"

Für Februar verspricht Dercon "große Überraschungen" in der Volksbühne, für die nächste Spielzeit "viel mehr eigene Produktionen". In der aktuellen Spielzeit seien kaum eigene Produktionen möglich gewesen, weil die neuen Künstler in Dercons Team unter Castorf vor August keine Möglichkeit hatten, in der Volksbühne zu proben.

Dercon wird von Teilen der Berliner Kulturszene angefeindet. Die Kritiker werfen ihm vor, die Volksbühne als Ensemble-Theater zu zerstören. Die Berufung des Belgiers war von Anhängern seines Vorgängers Frank Castorf heftig kritisiert worden. Vorübergehend wurde die Volksbühne sogar besetzt.

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