Filmszene aus einem Kurzfilm von Dani Levy: Ein israelischer Grenzpolizist kontrolliert in einem Bus eine palästinensische Frau. (Quelle: rbb/David Donschen)
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Video: rbb|24 | 11.12.2017 | David Donschen | Bild: rbb/David Donschen

Kurzfilme aus Jerusalem für das Jüdische Museum - Dani Levy filmt im Wespennest

Für die neue Jerusalem-Ausstellung im Jüdischen Museum Berlin hat Regisseur Dani Levy vier Kurzfilme in der heiligen Stadt gedreht. Die Filme sind politisch, haben Humor und sind in 360 Grad. David Donschen war bei einem nicht ganz leichten Dreh in Ostjerusalem dabei. 

Dani Levy ahnte, dass es anstrengend wird. Aber so kompliziert hatte er es sich nicht vorgestellt. Erst fliegt im Westjordanland eine Flasche auf seine Crew, dann will ihn die israelische Grenzpolizei nicht an der Sperrmauer drehen lassen und jetzt sitzt er neben Yara, die partout nicht lächeln möchte.

Filmregisseur Dani Levy spricht mit Hauptdarstellerin Yara. (Quelle: rbb/David Donschen)
Levy spricht mit Schauspielerin Yara. | Bild: rbb/David Donschen

Yara ist die Hauptdarstellerin in dem Kurzfilm, den Levy heute in Ostjerusalem drehen will. Eigentlich sollte es schon längst losgehen. Aber dann sagten israelische Polizisten mit Maschinengewehren, dass die Drehgenehmigung nicht gültig sei. Nun versucht der Produzent, eine neue Genehmigung zu organisieren. 

Levy nutzt die Zeit und geht mit seiner Schauspielerin die Szene durch, die sie später vor der Kamera spielen soll. Es ist eine Liebesgeschichte zwischen einer palästinensischen Frau und einem israelischen Grenzpolizisten.

Der Palästinenserin Yara gefällt das Skript nicht. Vor allem das Ende stört sie. Da soll sie den israelischen Polizisten anlächeln.  "Wie soll man denn lachen, wenn man so etwas vor sich hat?", fragt Yara und zeigt auf die fünf Meter hohe Mauer, in deren Schatten die Filmcrew sitzt. 

Die israelische Sperranlage soll eigentlich Israel vom Westjordanland trennen. Hier in Ostjerusalem zerschneidet sie die arabische Nachbarschaft von Beit Hanina. Mittendrin steht ein Wachturm der israelischen Armee - übersäht mit arabischen Graffiti und Klecksen bunter Farbbeutel. Es ist die perfekte Kulisse für Levys Kurzfilm. Doch der Palästinenserin Yara ist im Angesicht dieser Mauer nicht nach lächeln – selbst wenn es nur für die Kamera ist.

Eigentlich schätzt es Levy, wenn Schauspieler ihre persönliche Geschichte einbringen. "Aber hier ist es vor allem Konfrontation, Aggression und Leiden", sagt er etwas ratlos.  Am Ende einigen sich Yara und Levy darauf, dass sie nicht lächeln muss. 

Palästinenser spielen israelische Soldaten

Es ist Levys vierter Drehtag in Jerusalem. Dicke Augenringe deuten an, wie sehr ihn die letzten Tage geschlaucht haben. Die vielen Diskussionen, die laute Stadt, dazu die chaotische Arbeitsweise seiner israelisch-palästinensischen Filmcrew. Levys Regie-Assistent Arndt Wiegering brüllt laufend entweder über das Filmset oder in sein Walkie-Talkie - mit mäßigem Erfolg. Vor allem die Statisten machen alles, nur nicht das, was Wiegering ihnen sagt.

Die jungen arabischen Männer tragen Uniformen der israelischen Armee. Sie alle leben hier im palästinensischen Beit Hanina. Ganz bewusst hat sich Levys Crew dafür entschieden, dass die Jungs aus dem Viertel die israelischen Soldaten spielen sollen. So sind sie mit an Bord, statt sich womöglich provoziert zu fühlen von jüdischen Darstellern in israelischen Militäruniformen. 

Ein palästinensischer Statist in der Uniform eines israelischen Grenzsoldaten mit einer Gewehrattrappe (Quelle: rbb/David Donschen)Den palästinensischen Statisten gefallen ihre Kostüme.

Und den palästinensischen Statisten gefallen ihre Kostüme. Stolz machen sie immer wieder Selfies von sich und ihren ziemlich echt aussehenden Gewehrattrappen. Am Ende hat man Probleme, die verkleideten Grenzpolizisten von den echten zu unterscheiden, die mit ihrem gepanzerten Wagen an der Mauer Patrouille fahren. Zwei Stunden später als gedacht beginnt dann auch endlich der Dreh. Die Grenzpolizei hat ihr Einverständnis gegeben.

Ins Wespennest gesetzt

Dieser ganze Stress – Levy wollte ihn so. Ganz bewusst habe er sich ins "Wespennest" gesetzt. Von Anfang an war für ihn klar, dass seine Kurzfilme die politischen Spannungen der Stadt abbilden sollen. Das Jüdische Museum in Berlin hat ihn darin unterstützt. "Man kommt hier an Politik einfach nicht vorbei", sagt der Schweizer Regisseur, der seit Jahren in Berlin lebt. 

Was bedeutet ihm als europäischen Juden Jerusalem? Levy zuckt mit den Schultern. Mit Religion hat er nichts am Hut. Und doch, sagt er: "Als Jude habe ich schon das Gefühl zu verstehen, wie die Leute hier ticken."

Und so zeigen seine vier Kurzfilme den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern aus verschiedenen Perspektiven. Wie angespannt die Situation tatsächlich ist, zeigt sich in der Woche nach dem Dreh. Es kommt zu schweren Ausschreitungen, nachdem US-Präsident Donald Trump verkündet, Jerusalem als Hauptstadt Israels anzuerkennen.  

Die israelische Sperranlage in Beit-Hanina (Quelle: rbb/David Donschen)Die Sperranlage in Beit-Hanina

Und auch die deutsche Filmcrew erfährt am eigenen Leib, wie schnell es brenzlig werden kann. Zwei Tage vor dem Dreh in Ostjerusalem schauen sie sich eine Filmlocation auf der anderen Seite der Mauer im Westjordanland an. Erst spüren sie die skeptischen Blicke der Palästinenser dort. Und schließlich wirft jemand eine Glasflasche nach der Crew. Sie zerspringt direkt neben der Produzentin. Das Team beschließt, an einem anderen Ort zu drehen.

Aber Levys Kurzfilme sind nicht nur Konflikt. Zugleich haben sie auch jenen trockenen, jüdischen Humor, den Zuschauer aus seinen Filmen wie "Alles auf Zucker" kennen. Da fliegt dann zum Beispiel ein rauchender Jesus durch die Altstadt oder Palästinenserführer Jassir Arafat geistert umher und beschwert sich, dass ihm langweilig ist. "Humor ist für mich als Filmemacher eine Möglichkeit, dass der Zuschauer mehr mitnimmt, als wenn ich es dramatisch erzähle", sagt Levy. Mit Witz erreiche man ein größeres Publikum, da ist sich der 60-Jährige sicher.

360-Grad-Kamera auf Reiterhelm und Kuchenform

Und als wäre das Filmen in Jerusalem nicht schon anstrengend genug, hat sich Levy auch noch dafür entschieden, die jeweils gut fünf Minuten langen Episoden in einem besonderen Format zu drehen. Nämlich mit einer 360-Grad-Kamera.

Die Kamera ist ein Prototyp aus China. Sechs Linsen erzeugen einen Rundumblick in 3D. Kameramann Filip Zumbrunn dreht zum ersten Mal mit ihr. Dabei hält er die Kamera nicht in der Hand, sondern er trägt sie auf dem Kopf. Das ist notwendig, damit Zumbrunn nicht im Bild zu sehen ist. Denn ein "hinter der Kamera" gibt es bei 360 Grad nicht. Darum müssen sich auch alle außer den Schauspielern beim Drehen verstecken. 

Der Kameramann hat eine 360-Grad-Kamera auf einen Reiterhelm und eine Kuchenform montiert. (Quelle: rbb/David Donschen)
Der Kameramann hat bei der 360-Grad-Kamera improvisiert. | Bild: rbb/David Donschen

Zumbrunns Kopfgestell ist "Marke Eigenbau". Auf einen Reiterhelm vom Flohmarkt hat er die 360-Grad-Kamera montiert. Über dem Reiterhelm dient eine Kuchenspringform als Gehäuse für die vier Mikrofone, die in alle Richtungen aufnehmen.

Durch diese Konstruktion soll beim Zuschauer am Ende den Eindruck entstehen, selbst mitten im Geschehen zu sein. Levy will, dass die Besucher des Jüdischen Museums durch die neue Technik in die Komplexität der Stadt hineinkatapultiert werden. "Sie sollen kapieren, wie viel Arbeit es ist, hier als Bewohner bei all den Konflikten nicht vor die Hunde zu gehen. Dieses anstrengende Leben lässt sich mit 360 Grad gut erzählen."

Ab Mai 2018 können sich die Besucher die Filme im Jüdischen Museum auf Videobrillen anschauen. Welche Reaktionen sich der Regisseur wünscht? "Ich wäre schon froh, wenn sich die Leute die Brillen nicht in völliger Überforderung vom Kopf reißen."

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