Jahresrückblick Kultur 2017 (Quelle: dpa/imago/rbb)
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Berliner Kulturjahr 2017 - Abreißen, besetzen, neu bauen

2017 war in der Berliner Kultur das Jahr der Neustarts: An Volksbühne und BE übernahmen neue Intendanten, ein Konzertsaal eröffnete, und die Staatsoper wurde endlich richtig fertig. Doch auch ein drohender Abriss trieb kulturelle Blüten. Von Fabian Wallmeier

Der ganz große Aufreger des Berliner Kulturjahres 2017 stand von Anfang an fest: der schon vorab mit Protesten begleitete Intendanzwechsel an der Volksbühne. Welche Ausmaße der Protest dann aber annahm, überstieg doch die Erwartungen. Am 22. September, Chris Dercon hatte seine Intendanz gerade mit ersten Aufführungen auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens Tempelhof eingeleitet, besetzte eine Gruppe von Aktivisten um das Kollektiv "Staub zu Glitzer" die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. Das Ganze wurde als Performance deklariert - und blieb ansonsten seltsam theaterfern und inhaltsarm. Die Besetzer forderten eine Kollektiv-Intendanz - und diskutierten dann tagelang vor allem übers Diskutieren, sowie über Gentrifizierungsfragen und Stadtpolitik. Dercon bot ihnen den Grünen Salon als Spielstätte an, sie konnten sich nicht schnell genug dazu durchringen das Angebot anzunehmen - dann machte der Intendant von seinem Hausrecht Gebrauch: Am 28. September räumte die Polizei das Gebäude. Man hört seitdem hier und da von kleineren Aktionen des Besetzerkollektivs - doch was ist wirklich geblieben von der Besetzung? Kein Glitzer jedenfalls - und richtig viel Staub eigentlich auch nicht.

Der neue Intendant der Berliner Volksbuehne, Chris Dercon, eroeffnet am 10.09.2017 mit dem Tanzspektakel Fous de danse - Ganz Berlin tanzt seine erste Spielzeit. Dazu laedt die Berliner Volksbuehne auf den ehemaligen Flughafen Tempelhof in Berlin ein. (Quelle: imago/Tom Maelsa)
Chris Dercons Volksbühnen-Intendanz begann im September auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens Tempelhof.Bild: imago/Tom Maelsa

Wenn Dercon auch der Besetzung ein Ende bereitet hat: Die Kritik an ihm und seiner radikalen Neuerfindung der Volksbühne ist damit noch lange nicht verstummt. Die ersten Aufführungen auf dem Tempelhofer Feld und später im Stammhaus am Rosa-Luxemburg-Platz konnten die Zweifel an seinen Plänen nicht ausräumen. Ein wie auch immer geartetes Ensemble ist nach wie vor nicht erkennbar, mit Sophie Rois wandte sich der letzte Castorf-Star von der neuen Volksbühne ab. Zu sehen waren Gastspiele und Co-Produktionen, darunter viel Tanz. Das Sprechtheater spielt bislang eine kleinere Nebenrolle. Aber die Spielzeit ist ja noch lang. Wie groß allerdings die Fußstapfen Frank Castorfs sind, hat dieser in seiner Abschieds-Spielzeit noch einmal gezeigt: Seine Stamm-Regisseure René Pollesch und Herbert Fritsch drehten noch einmal richtig auf - und Castorf selbst setzte als Schlusspunkt einen furiosen siebenstündigen "Faust". Der Lohn: Die Volksbühne wurde von "Theater heute" mit Rekordergebnis zum Theater des Jahres gewählt.

Neustart auch am Berliner Ensemble

Wie reibungslos ein Neuanfang über die Bühne gehen kann, zeigte derweil Oliver Reese am Berliner Ensemble - wo auch der aus der Volksbühne vertriebene Castorf Anfang Dezember Premiere feierte. Reese brachte aus Frankfurt einen Stamm seines dortigen Ensembles mit, stockte es mit hochkarätigen Schauspielerinnen und Schauspielern auf - darunter die Wienerin Stefanie Reichsperger, die auf dem besten Wege ist, ein Berliner Theaterstar zu werden. Die Avantgarde, die Castorfs Volksbühne einmal war und bis zuletzt mit immer weniger Recht weiter zu sein behauptete, hat hier keine neue Heimat gefunden. Zu sehen gab es bislang vor allem solide bis exzellent gemachtes klassisches Schauspielertheater - und wer wollte sich daran schon reiben?

Sascha Nathan (als Lavrenti Vachnadze) und Stefanie Reinsperger (als Grusche Vachnadze), v.l., während der Probe zu Der kaukasische Kreidekreis im Berliner Ensemble. (Quelle: imago/Martin Müller)
Eine schauspielerische Sensation: Stefanie Reinsperger als Grusche in "Der kaukasische Kreidekreis", hier mit Sascha Nathan.Bild: imago/Martin Müller

Ein Spitzen-Museum für Potsdam

Natürlich gab es nicht nur im Theater des Kulturjahres 2017 die großen Ein- und Umbrüche. Auch anderswo wurde neu begonnen. Im Potsdam eröffnete im Januar das Museum Barberini. Die englische englische Zeitung "The Guardian" hatte es vorab sogar in die Top Ten der wichtigsten Museumsneueröffnungen des Jahres weltweit gehoben. Enstprechend groß fiel die Eröffnung aus. Die Kanzlerin kam, Microsoft-Gründer Bill Gates ebenso, die Laudatio hielt Günter Jauch. Das Museum ist ein Baby des Potsdamer Software-Milliardärs Hasso Plattner. Er hatte das Barberini gestiftet - vornehmlich, um seine umfangreiche Kunstsammlung den Potsdamern zugänglich zu machen. Nicht nur die nahmen das Angebot rege an: Auch Wochen nach der Eröffnung blieben die Schlangen lang - und die Gespräche der in ihnen Stehenden reich an Dialekten und Sprachen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (r, CDU) und der Unternehmer Hasso Plattner besuchen am 20.01.2017, anlässlich der offiziellen Eröffnung, das Museum Barberini in Potsdam (Brandenburg) und betrachten das Gemälde <<Mädchen auf der Brücke>> von Edvard Munch. (Quelle: dpa/Bernd von Jutrczenka)
Bild: dpa/Bernd von Jutrczenka

Pierre Boulez Saal nimmt Betrieb auf

Während in Potsdam Hasso Plattner seinen Wunsch nach einem eigenen Museum Wirklichkeit werden ließ, erfüllte sich in Berlin ein Lebenstraum des Star-Dirigenten Daniel Barenboim: Der Pierre Boulez Saal wurde Anfang März eröffnet. Der vom amerikanischen Architekten Frank Gehry entworfene Kammermusiksaal ist Teil der von Barenboim gegründeten Musikakademie seines West-Eastern Divan Orchestra. 90 Studenten aus dem Nahen Osten können hier nun gemeinsam musizieren und studieren. Den eiförmigen Saal selbst rühmte Barenboim als "akustisches Wunder". Bis zu 680 Zuhörer passen rein - und dazu haben sie nun auch regelmäßig Gelegenheit: Der Pierre Boulez Saal ist schließlich in erster Linie ein Aufführungsort.

Pierre Boulez Konzertsaal der Barenboim-Said Akademie in Berlin. (Quelle: imago/Sven Simon)
Bild: imago/Sven Simon

Entstanden um zerstört zu werden

Kunst kann nicht nur in edlen neuen Palästen entstehen, sondern manchmal besonders gut an Orten, die vor dem Untergang stehen. In einem ehemaligen Bankgebäude in Charlottenburg entstand im Frühjahr "The Haus" - bis zu seinem Abriss. 165 Künstlerinnen und Künstler ließen einen Kunstraum, vornehmlich mit Street Art, entstehen, der von Anfang an darauf ausgelegt war, am Ende zerstört zu werden. Die Geheimniskrämerei war groß: Wer es schaffte, den heißbegehrten Ort nach stundenlangem Anstehen zu betreten, musste sein Handy blickdicht eintüten - damit er drinnen keine Fotos machen konnte. 56 Tage lang war "The Haus" geöffnet, Zehntausende kamen - dann war Schluss. Entstehen soll dort nun ein Luxuswohnhaus.

Dicht an dicht stehen am 31.05.2017 in Berlin vor dem Street-Art-Projekt "The Haus" an der Nürnberger Straße (Quelle: dpa/ Paul Zinken)
Bild: dpa

Das Lollapalooza Berlin reist weiter

Noch weniger beständig als "The Haus" ist das Lollapalooza Berlin: Der deutsche Ableger des amerikanischen Festivals fand schon zum dritten Mal statt - an der dritten Location. Nach Tempelhof 2015 und dem Treptower Park zog es in diesem Jahr erstmals vor die Tore der Stadt: Das Lollapalooza 2017 ging im September auf der Galopprennbahn im brandenburgischen Hoppegarten über die Bühne, mit den Foo Fighters und Mumford & Sons als Headlinern. Zur Tradition des Berliner Ablegers gehören auch die Negativschlagzeilen: 2015 wurde unter anderem über endlose Schlangen vor den Toiletten geklagt. 2016 gab es im Vorfeld Proteste, weil man eine Zerstörung der Grünfläche befürchtete. 2017 lief es nicht gerade einfacher, Anwohner wehrten sich gegen das Festival. Erst kurz vor Beginn war klar, dass tatsächlich alle nötigen Genehmigungen für das Lollapalooza in Hoppegarten vorlagen. Am ersten Tag des Festivals gab es dann wieder Ärger. Bei der Abreise kam es zu chaotischen Zuständen am hoffnungslos überfüllten S-Bahnhof Hoppegarten. Das Lollapalooza bleibt auch im kommenden Jahr unbeständig. Für die vierte Ausgabe hat sich das Festival den vierten Veranstaltungsort organisiert: Es soll Anfang September 2018 im Olympiastadion und -park starten.

Begeistertes Publikum während des Lollapalooza Berlin 2017 (Quelle: Imago/STAR-MEDIA)
Bild: imago stock&people

Staatsoper eröffnet, schließt wieder und eröffnet wieder

Wieder da angekommen, wo sie hingehört, ist derweil die Berliner Staatsoper. Am 3. Oktober, vier Jahre später als geplant, nahm sie ihr Stammhaus Unter den Linden wieder in Betrieb - vorerst zumindest. Denn die Sanierungsarbeiten, die zu nahezu BER-haften Kostenexplosionen und Terminverschiebungen geführt hatten, waren auch zur Eröffnung noch nicht ganz beendet. So gab es dann erst einmal nur diesen einen Abend, mit "Szenen aus Goethes Faust", inszeniert vom Intendanten Jürgen Flimm unter der musikalischen Leitung des Generalmusikdirektors Daniel Barenboim. Der rühmte, wie schon ein halbes Jahr früher im Pierre Boulez Saal, die Akustik. Dann schloss die Staatsoper wieder ihre Türen - um öffnete sie, endlich fertig saniert, im Dezember für den regulären Spielbetrieb.

Daniel Barenboim und die Staatskapelle Berlin beim 'Konzert für Berlin' in der Staatsoper Unter den Linden. Berlin, 07.10.2017 (Quelle: Thomas Bartilla/Geisler-Fotopres)
Bild: Geisler-Fotopress

Beitrag von Fabian Wallmeier

Kommentar

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4 Kommentare

  1. 4.

    Ihnen auch ein frohes neues Jahr!

    Richtig, es ging mir im Jahresrückblick nicht um eine politische Positionierung, sondern darum, die kulturellen Großereignisse kurz Revue passieren zu lassen.

    Aber wie gesagt: Ein politischer Jahresrückblick wäre auch ein möglicher, interessanter Ansatz gewesen.

  2. 3.

    Lieber Herr Wallmeier,
    erst einmal möchte ich Ihnen ein frohes neues Jahr wünschen. Zum anderen amüsiert mich die Tatsache, dass nach drei ereignisreichen Tagen immer noch nur wir beide diskutieren. Sie als Verfasser des Beitrags, ich als einsamer Forist. Ich glaube das spricht Bände über die Relevanz Ihres Jahresrückblicks. Die Erwähnung des Kultursenators hätte bestimmt ein paar weitere Foristen auf den Plan gerufen, um sich für oder gegen ihn zu positionieren. Allerdings glaube ich, dass das genau nicht Ihre Intension war.

  3. 2.

    Liebe(r) A.P.,

    Ich habe die Kulturpolitik bewusst ausgeklammert, weil es auch so genug spannende, berichtenswerte Ereignisse gab (und noch viele mehr gibt, die hier keinen Platz gefunden haben). Aber Sie haben Recht - auch über die Berliner Kulturpolitik zu schreiben, wäre ein interessanter Ansatz für einen Jahresrückblick gewesen.

    Was hätten Sie gern über Herrn Lederer lesen wollen?

  4. 1.

    Sehr geehrter Herr Wallmeier,
    bitte erklären Sie mir Ihr Kunststück, in einem Beitrag über das Kulturjahr 2017 nicht ein einziges mal, nicht einmal in einem Nebensatz, den Berliner Kultursenator Klaus Lederer (Linke) zu erwähnen!

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