Mette Ingvartsen Red Pieces: 21 pornographies, to come (extended),The Permeable Stage (Quelle: Volksbühne/Jens Sethzman)
Audio: Inforadio | 14.12.2017 | Ute Büsing | Bild: Volksbühne/Jens Sethzman

Frühkritik | Ingvartsens "Red Pieces" in der Volksbühne - Von Pornoposen, Macht und Marktmechanismen

Bislang inszenierte die Dänin Mette Invartsen im Hebbel am Ufer. Ihr neustes Werk, "Red Pieces", zeigt sie an der Berliner Volksbühne. Es geht um nichts weniger als um die verlogene Geilheit der Mächtigen. Doch der Ort ist viel zu groß für derart intime Kunst. Von Ute Büsing

Die dänische Performerin und Choreografin Mette Ingvartsen zeigt seit zehn Jahren Stücke, die von der Sexualisierung der Gesellschaft handeln. Bisher waren die in Berlin am HAU zu sehen. Jetzt an der Volksbühne unter Chris Dercon. Dort sind nun unter dem Titel "Red Pieces" zwei neuere Werke zu sehen.

Drei Leuchtröhren unterteilen die tiefschwarze Bühne. Zunächst kommt Mette Ingvartsens Erzählerstimme - auf Englisch ohne Übertitelung - aus dem Off. Dann betritt die androgyne Dänin in weißem Hemd und schwarzer Hose den nur halb gefüllten Zuschauerraum. Aus großer Distanz präsentiert sie Szenen nach de Sades "Die 120 Tage von Sodom". "21 ponographies" spiegelt die verlogene grausame Geilheit der Mächtigen und des Militärs und den Missbrauch einer Prostituierten. Ironisch illustriert Ingvartsen das von ihr Erzählte, entblößt den Popo, uriniert, tut so, als esse sie Exkremente - wozu das Publikum auch eingeladen ist. Es findet Schokokugeln unterm Sitz. Großes Rascheln im Saal.

Wie ein Derwisch in einem Foltervideo

Immer düsterer und gegenwärtiger werden Erzählung und tänzerische Umsetzung über den Zusammenhang von Pornoposen, Macht und Marktmechanismen. Soldatenmorde werden mit einem Pornodreh verbunden. In einem Sektionssaal findet Sex mit Leichen statt. Schließlich werden die Leuchtröhren abmontiert zu Folterinstrumenten. Mit einem schwarzen Sack über dem Kopf dreht sich die nackte Performerin, eine Leuchtröhre über dem Kopf, im Kreis. Wie ein Derwisch in einem Foltervideo aus dem Skandallager Abu Ghraib. Ein starkes Schlussbild für Ingvartsens neues Solo, das in Essen uraufgeführt wurde.

In der unnötig auf eine Stunde gedehnten Pause flimmern im Sternfoyer und im Roten Salon der Berliner Volksbühne freizügige Experimental-Filme aus den 70er Jahren über Leinwände. Obwohl Ingvartsen selbst den Ablauf so geplant hat, wirkt er wie eine Veralberung ihrer Bühnenarbeit. Die wird mit "to come (extended)" fortgesetzt, einem orgienhaften "Setting", um eines der Lieblingsworte der neuen Volksbühne zu zitieren. Im weiß ausgeschlagenen Bühnenkasten formieren sich 15 Tänzer in türkisfarbenen Ganzkörperanzügen, die auch den Kopf bedecken, zu sexualisierten Körperskulpturen.

Am Ende kommt Komik ins Spiel

Die gesichtslose Masse Mensch begattet sich in wechselnden Formationen - wie im Swinger Club. Es fallen einem unfreiwillig Gunther von Hagens Plastinate, diese Skulpturen aus toten Körpern ein. Doch das Liebesspiel wird zärtlicher, Gruppen werden gebildet, Körperbrücken gebaut. Komik kommt ins Spiel, wenn einer die Hintern einer Körperpyramide abklatscht.

Bevor das zu viel wird, machen die Tänzer sich splitternackt und zeigen zu lauter Musik Lindihop für alle Sinne - fast ein Volksfest. Aber auch nicht originär Volksbühne, sondern zuvor bereits beim Steirischen Herbst uraufgeführt. Wer mag, kann danach noch Late-Night-Vorträge zu Porno und Kunst anhören. Das Problem: Die Volksbühne wirkt viel zu groß für Ingvartsens intime Kunst.

Beitrag von Ute Büsing

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