Mine und Fatoni im ausverkauften Columbia-Theater (Quelle: rbb / Jule Kaden)
Audio: Radio Fritz | 14.12.2017 | David Krause im Gespräch mit Jule Kaden | Bild: rbb / Jule Kaden

Konzert-Kritik | Mine und Fatoni im Columbia Theater - Gegensätze, die sich anziehen

Singen und streiten: Mine und Rapper Fatoni singen und rappen mit detailverliebter Beobachtungsgabe über Liebe mit allem was dazu gehört. Niemals kitschig, aber so, dass 800 Menschen im Columbiatheater fasziniert abgehen - und schweigen. Von Jule Kaden

Eine ganze Woche sind sie schon auf Tour. Glücklicherweise, denn Mine war heftig krank. Fast hätte sie abgesagt. Das Jahr sei sowieso das Schlimmste gewesen. Und für die zierliche, blasse Musikerin mit den runden Brillengläsern sei es 2017 immer weiter bergab gegangen. Was genau passiert ist, verrät sie nicht. Aber alle fühlen, was sie sagt: Es sind direkte Worte. Wie auch das gemeinsame erste Album von Songwriterin Mine mit Hang zu Folk-Elektropop-Klängen und Rapper Fatoni. Es sind Gegensätze, die sich anziehen.

Vergessenes Salz und Beziehungskrise

Erstling "Alle Liebe nachträglich" war eine Schnapsidee, die in die Tat umgesetzt wurde - Skizzen vom alltäglichen Lieben und Scheitern in Beziehungen mit viel Wortwitz, Charme und Ehrlichkeit. Es ist ein kurzweiliger Shot, der auch am Mittwochabend den 800 Menschen im ausverkauften Columbiatheater fast zwei Stunden die Kehle herunterfließt, mal wärmend, mal die Kehle zuschnürend, wie beim Song "Romcom", in dem das beim Einkaufen vergessene Salz eine Beziehungskrise auslöst: "Wenn wir nicht mehr können, schauen wir uns 'ne Romcom an. Denn das „Nicht-mehr-drüber-reden“ verbessert den Beziehungsstand."

"Mein Ständer hat einen Getränkehalter"

Live spielen Mine und Fatoni mit ihren Gegensätzen: Musikalisch, stimmlich und optisch.  Gefühlvolles Songwriting trifft auf übersprudelndes Rapgewitter, und dezenter, kühler Gesang trifft auf rotzige Wortexplosionen mit Witz. Sie ist in kühles, blaues Licht gehüllt, zierlich, blass, steht an ihren Tasten und tanzt dahinter höchstens zu Instrumentalparts ab. Er ist orange-rot angeleuchtet, mit "30 ist das neue 20. Mein Körper sagt leider was anderes"-Bäuchlein, Hut hüpft immer einen Arm zum Bouncen angesetzt über die Bühne, teilt Whisky in Bechern aus und tanzt mal eben kurz auf der Bar.

Zwischen den Stücken immer wieder Ansagen, die das Publikum kreischen und herzhaft lachen lassen. Fatoni: "Einen kurzen Applaus für mich, denn mein Ständer hat einen Getränkehalter". Mine: "Wir hätten uns dahinten gerade fast gegenseitig in die Hosen geschissen." Schnörkellos, direkt, sympathisch.

"Alle Arme, alle Arme hoch!" - Mine und Fatoni feiern Berlin (Quelle: rbb / Jule Kaden)
Alle Liebe. Jetzt. Und nachträglich | Bild: rbb / Jule Kaden

Das One-Night-Stand von gestern Nacht kann warten

Das Publikum belohnt das ungleiche Duo mit absoluter Textsicherheit - in den ersten Reihen werden sich die Seelen aus dem Leib gesungen, genussvoll die Augen geschlossen. Selbst bei ruhigeren Stücken werden die Geschichten vom One-Night-Stand der letzten Nacht, die sonst so gern bei Berliner Konzerten im Publikum dringend ausgetauscht werden müssen, einfach auf danach vertagt. Manche Fans haben Fatoni schon fünf Mal dieses Jahr gesehen, können nicht genug haben, andere sind eher Team Mine, finden sie inspirierend mit unglaublicher Ausstrahlung und wollen sie heiraten.

Das Konzert verbindet beide: Die Mine-Fans in Cardigan mit Knödel auf dem Kopf und runder Brille und die Fatoni-Fans mit Cap oder Hut und vielen Tattoos. Alle(s) Liebe.

Beitrag von Jule Kaden

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