Videoinstallation der *foundationClass beim 3. Berliner Herbstsalon am Maxim Gorki Theater (Quelle: *foundationClass)
Audio: Kulturradio | 12.12.2017 | Frauke Thiele | Bild: *foundationClass

Preis für Mentorinnen von *foundationClass - "Wir wollen Euer Flüchtlingslabel nicht"

In der *foundationClass der Kunsthochschule Weißensee helfen Mentorinnen geflüchteten Künstlern, sich auf ihr Studium an einer deutschen Kunsthochschule vorzubereiten. Dafür wurde das Team nun mit einem hochdotierten Preis geehrt. Von Frauke Thiele

Die *foundationClass (Grundlagenklasse) an der Kunsthochschule Weißensee gibt es seit fast zwei Jahren: Hier können sich Menschen, die nach Deutschland geflüchtet sind, auf ein Studium an einer deutschen Kunsthochschule vorbereiten. In Workshops und Seminaren erhalten sie Einblicke in unterschiedliche künstlerische Positionen und Techniken und werden bei ihren Bewerbungsmappen unterstützt. Für seine Arbeit bekam das Team der *foundationClass jetzt am 12. Dezember den Preis, "The power of the art", der Philipp Morris Stiftung. Preisgeld: Preisgeld 50.000 Euro. Mit dem Preis werden Projekte ausgezeichnet, die Integration durch Kunst ermöglichen.

Sie wollen nicht als Flüchtlinge benutzt werden

Sie waren schon vor ihrer Flucht Kunststudenten oder haben bereits als Künstler gearbeitet. Manche auch neben ihrem eigentlichen Beruf. In den Augen der meisten Journalisten, die über sie berichten wollen, sind sie trotzdem vor allem eines: Flüchtlinge. Und damit immer noch ein topaktuelles Thema. Doch dagegen wehren sich die Studierenden der *foundationClass. "Die meisten Journalisten treffen uns ja nur, weil sie wissen wollen: woher kommt ihr, wie war die Flucht, teilt euer Unglück mit uns, oh ihr armen Flüchtlinge. Wir sind hier, um euch zu helfen. Es gibt so viele Möglichkeiten uns zu benutzen. Aber so einen Zugang lehnen wir ab. Wir sind Studenten, wir sind Künstler. Also setzt nicht euer Flüchtlingslabel davor. Ich möchte nicht so dargestellt werden", sagt Aram AlSaed auf Englisch.

Die Studenten sind misstrauisch geworden. Und sie haben ihr Misstrauen in einer Video-Installation ausgedrückt. "Trust us" haben sie diese Arbeit genannt, die gerade beim 3. Berliner Herbstsalon des Maxim Gorki Theaters gezeigt wurde. Trust us – Vertraut uns hatte das Filmteam nämlich gesagt, das sie porträtieren wollte. Das sagt sich so leicht  - und so haben sie selbst die Kameras in die Hand genommen, das Filmteam damit umkreist und ihrerseits gefilmt.

In Damaskus wurde eher klassisch gearbeitet

"Das Kunststudium in Damaskus war ganz anders als hier: der Schwerpunkt lag nicht auf zeitgenössischer Kunst. Darüber haben wir hier viel in den Seminaren gelernt. In Damaskus haben wir uns auch nicht mit konzeptioneller Kunst beschäftig, eher mit der künstlerischen Technik. Hier geht es mehr darum, wie man ein künstlerisches Konzept entwickelt  und die Kunst ausstellt. Diese Fragen waren für uns total neu", sagt Mohamad Halbouni. Er studierte in Syrien Bildhauerei, bevor er vor dem Krieg floh, Aram AlSaed Zeichnen und Malerei, ebenfalls in Damaskus.  Dort wurden vor  allem die klassischen Stile gelehrt.

Aram AlSaed und Mohamad Halbouni zeigen einige ihrer Arbeiten: Halbouni hat sich einen abgetrennten Raum aus Pappwänden geschaffen. Darin netzartige, filigrane Gebilde, die an Fäden hängen, gezeichnete Porträts in dunklen Farben, die Augen zum Teil überklebt.  AlSaed zeigt eine Fotoserie in schwarz-weiß, mit seinem Handy aufgenommen:  von oben hat er seine Schuhe fotografiert.  Sicherheitsschuhe, die er schon in Syrien getragen hat, als er als Sanitäter gearbeitet hat: " #Surviving_Boots"    nennt er die Bilderreihe. Überlebensschuhe. Diese Schuhe trägt er auch heute.

"Im Moment arbeite ich überhaupt nicht mehr klassisch, ich probiere alles aus: Film, Fotografie, Drucken. Das sind alles noch Experimente, aber ich versuche hier an der Universität anzukommen, etwas ganz Neues zu studieren - mich selbst und meine ganz eigene Mischung möchte ich finden", sagt Aram AlSaed.

Sie kommen aus Syrien, Irak, Iran, Afghanistan oder Uganda

Insgesamt sind sie 25 Studierende in der *foundationClass. Die meisten von ihnen kommen aus Syrien, aber auch aus Irak, Iran, Afghanistan oder Uganda. Und sie haben ihren eigenen Raum an der Kunsthochschule Weißensee, im ersten Stock eines Neubaus, direkt hinter dem Hauptgebäude. Nicht sehr groß, aber er ist ihr Treffpunkt und Rückzugsort. "Gut ist, dass uns die anderen Räumlichkeiten der Kunsthochschule auch offen stehen. Wir können auch in die Werkstatt für Bildhauerei gehen oder wenn wir drucken wollen, die Werkstatt für Siebdruck nutzen. […] Wie jeder andere Student können wir frei arbeiten. Deshalb fühlen wir uns hier auch nicht isoliert", so AlSaed.

Sie haben untereinander enge Kontakte, sprechen viel über ihre Arbeiten. Vor allem im Sommersemester hatten sie auch viele Seminare gemeinsam, haben unterschiedlichste Techniken ausprobiert und viel über künstlerische Positionen erfahren und diskutiert. Die *foundationClass wird dabei von einem Team professionell arbeitender Künstlerinnen unterstützt, die alle einen so genannten Migrationshintergrund haben.

"Es geht ja darum, sich in einem deutschsprachigen, bzw. in einem westlichen, sehr weißen Kunstbetrieb zu positionieren […] Wir sagen, dass diese Menschen viel besser dafür geeignet sind als […] Mehrheitsdeutsche, die diese Erfahrung einfach nicht kennen, weil sie durch ihre Privilegien ganz anders positioniert sind", sagt Miriam Schickler vom Organisationsteam.

Mentorinnen helfen beim Etablieren

Diese Mentorinnen unterstützen die Studierenden im Moment gerade ganz intensiv dabei, ihre Bewerbungsmappen für die Aufnahmeprüfung an einer deutschen Kunsthochschule fertig zu stellen. Das hat beim ersten Jahrgang der *foundationClass sehr gut funktioniert. "Tatsächlich alle, die sich entschlossen hatten, sich zu bewerben, haben einen Studienplatz angeboten bekommen […]. Vor allem in Weißensee und an der UdK. Denn [...], die Leute leben hier und es ist auch für Menschen mit so einem Status um einiges schwieriger umzuziehen. Es hat immer mit ganz viel Bürokratie zu tun, von daher macht es total viel Sinn, dass sich die Leute hier bewerben", so Schickler.

"Hier leben wir und hier wollen wir gern bleiben. Unser Ziel ist, unser Leben weiter zu leben, wie jeder normale Mensch hier in Berlin", sagt der Künstler Aram AlSaed.

Beitrag von Frauke Thiele

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